Die Entscheidung fiel in Sagunto hinter verschlossenen Türen – und sie war eindeutig. In der Wallfahrtskapelle, der Ermita de la Purísima Sangre, stimmten dieser Tage ausschließlich männliche Mitglieder der Laienbruderschaft darüber ab, ob Frauen künftig in den Osterprozessionen mitziehen dürfen. Das Ergebnis: 267 Stimmen dagegen, 114 dafür.
Die Männer applaudieren, dann beten sie
Die traditionsreiche Bruderschaft des Allerreinsten Blutes unseres Herrn Jesus Christus (Cofradía de la Purísima Sangre de Nuestro Señor Jesucristo), Organisatorin der Karwochenprozessionen in der spanischen Stadt, verweigert Frauen also auch im 21. Jahrhundert den Zugang. Als das Ergebnis verkündet wurde, brandete in dem Gotteshaus Applaus auf. Anschließend beteten die Teilnehmer gemeinsam ein Vaterunser.
Draußen vor der Tür bot sich allerdings ein anderes Bild. Zahlreiche Frauen sowie männliche Unterstützer hatten sich versammelt, um für Gleichberechtigung zu demonstrieren. Als sich die Türen der Kapelle öffneten und die männlichen Mitglieder der Bruderschaft auf die Straße traten, waren Protestrufe wie „Schande, Schande“ zu hören.
Seit Jahren kämpfen Aktivistinnen der Initiative für eine inklusive Osterwoche (Semana Santa Inclusiva) in Sagunto dafür, dass Frauen endlich gleichberechtigt an den traditionsreichen Prozessionen im historischen Zentrum der Stadt teilnehmen dürfen. In der Küstenstadt Sagunto in der Region Valencia leben 73.000 Menschen.
Die Argumente der Gegner einer Gleichberechtigung bei den Osterumzügen wirken wie aus einer anderen Zeit. „Die Tradition ist eben die Tradition”, lautete einer der zentralen Sätze aus der Versammlung der Bruderschaft. „Es steht nicht nur die Gleichheit auf dem Spiel, sondern auch das Gleichgewicht eines über fünf Jahrhunderte gewachsenen Brauchs“, erklärte ein Sprecher der Bruderschaft. Andere Mitglieder sagten, Frauen könnten ja „eine eigene religiöse Vereinigung gründen“ und dann auch eine Prozession organisieren.
Die Frauen nähen die Gewänder und putzen
Für die betroffenen Frauen ist diese Haltung schwer hinnehmbar. Blanca Ribelles von der Initiative für eine inklusive Osterwoche sprach von einer vertanen Chance: „Es ist unglaublich, dass im Jahr 2026 diese Tür zur Gleichheit weiter geschlossen wird. Wir haben es satt, nur Zuschauerinnen zu sein.” Die Abstimmung sei „eine verlorene historische Gelegenheit“, die Dinge zu verändern.
„Die Frauen tragen das Fest - und die Männer stellen es zur Schau.“
Eine Demonstrantin
Die Rollenverteilung ist in Saguntos Osterwoche weiterhin eindeutig – und für viele kaum noch vermittelbar: Frauen nähen die Gewänder, bereiten alles vor, putzen die Kapelle und arbeiten im Hintergrund. Doch wenn die Prozession beginnt, gehören Bühne und Sichtbarkeit allein den Männern. In ihren Gewändern stellen sie die Frömmigkeit öffentlich dar – während Frauen ausgeschlossen bleiben. „Die Frauen tragen das Fest – und die Männer stellen es zur Schau“, sagte eine Demonstrantin.
Gleichstellungsministerin spricht von klarer Diskriminierung
Der Konflikt hat nun auch die Politik erreicht. Spaniens Gleichstellungsministerin Ana Redondo spricht von „einer ganz klaren Diskriminierung“. Die spanische Verfassung garantiere die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, betonte sie. „Das Recht auf Gleichheit ist eine Grenze für jede organisatorische Freiheit.“ Ihr Ministerium prüft, die Statuten der Bruderschaft anzufechten, und will nun Frauen unterstützen, die juristisch gegen den Ausschluss vorgehen.
Parallel dazu erhöht die Mitte-links-Regierung des sozialdemokratischen Premiers Pedro Sánchez auch wirtschaftlich den Druck. In einer gemeinsamen Erklärung kündigten das Gleichstellungs- und das Tourismusministerium an, dass ein Verfahren eingeleitet werde, um der Semana Santa von Sagunto den werbekräftigen Status als „Fest von nationalem touristischem Interesse“ zu entziehen. Begründung: Wer systematisch Frauen ausschließt, erfülle nicht mehr das Kriterium der breiten Bürgerbeteiligung – eine zentrale Voraussetzung für diese Auszeichnung.
Gericht entschied bereits über einen Fall in Teneriffa
Juristisch steht die Bruderschaft von Sagunto mit ihrem Frauenverbot auf wackligem Fundament. Das spanische Verfassungsgericht hatte bereits im vergangenen Jahr in einem ähnlichen Fall auf Teneriffa entschieden, dass der Ausschluss einer Frau aus einer religiösen Laiengemeinschaft gegen das Grundrecht auf Gleichbehandlung verstößt. Hier ging es konkret darum, dass Frauen im Teneriffaort La Laguna nicht bei Osterprozessionen mitlaufen durften.
In ganz Spanien ziehen in der Karwoche Tausende Prozessionen durch Städte und Dörfer: vermummte Büßer in langen Gewändern, schwere Heiligenfiguren auf Schultern getragen, Trommeln, Kerzen, Gebete. Für viele Orte sind die Feierlichkeiten identitätsstiftend – und zugleich ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, der jedes Jahr zahlreiche Touristen anzieht.
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