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80 Jahre nach dem Handschlag in Torgau: Gedenken im Schatten des Ukraine-Krieges

Zweiter Weltkrieg

80 Jahre nach dem Handschlag: Gedenken in Torgau durch russische Präsenz überschattet

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    25. April 1945: Amerikanische (links) und sowjetische Soldaten reichen sich auf den Trümmern einer Elbbrücke bei Torgau die Hände.
    25. April 1945: Amerikanische (links) und sowjetische Soldaten reichen sich auf den Trümmern einer Elbbrücke bei Torgau die Hände. Foto: ADN/dpa

    Es war ein Moment, der in die Geschichte einging. 80 Jahre ist es hier, dass im sächsischen Torgau Soldaten aus den USA und der Sowjetunion aufeinandertrafen. Der Handschlag der Männer steht bis heute symbolisch für den Sieg über das nationalsozialistische Deutschland und den Beginn einer neuen Zeitrechnung. Der „Schwur von Torgau“ gilt als Mahnung, die Menschheit künftig von Kriegen zu verschonen, dem Grauen der Kämpfe solle abgeschworen werden. 80 Jahre später ist von der Stimmung dieser Tage wenig übrig geblieben. Schon das offizielle Gedenken gestaltet sich schwierig: Denn an der Feier in Torgau an diesem Freitag nahm ein Gast teil, der vielen als unerwünscht galt.

    Der russische Botschafter in Deutschland, Sergej Netschajew, besuchte die Feierlichkeiten. Am Revers trug er das sogenannte Sankt-Georgs-Band, das traditionell als Zeichen der Erinnerung an den deutsch-sowjetischen Krieg gilt, seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine aber als Symbol russischer Propaganda in der Kritik steht. Die Frage ist grundsätzlich: Darf man den Frieden feiern mit dem Vertreter eines Landes, das zur gleichen Zeit Bomben auf die Ukraine regnen lässt? Oder umgekehrt: Darf man diesen besonderen Jahrestag begehen ohne ein Land, das eine entscheidende Rolle bei der Beendigung des Krieges geführt hat, das das KZ Auschwitz – Sinnbild des Grauens - befreit hat?

    Sergej Netschajew, russischer Botschafter in Deutschland, nahm am Gedenken zum 80. Jahrestag des sogenannten Elbe Day am Mahnmal der Begegnung in Torgau teil.
    Sergej Netschajew, russischer Botschafter in Deutschland, nahm am Gedenken zum 80. Jahrestag des sogenannten Elbe Day am Mahnmal der Begegnung in Torgau teil. Foto: Hendrik Schmidt, dpa

    Für das Auswärtige Amt ist die Antwort klar, es will eine Instrumentalisierung der Gedenkveranstaltungen zum Ende des Zweiten Weltkriegs um jeden Preis verhindern. Dafür gab es eigens eine Handreichung heraus, in der Landkreisen und Kommunen empfohlen wird, keine Einladungen an russische oder belarussische Diplomaten auszusprechen und notfalls sogar ungebetene Gäste wieder wegzuschicken. In Torgau nahm man die Aufforderung zur Kenntnis, befolgte sie aber nicht. Anders positioniert sich etwa die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten zu der zum Beispiel die Gedenkstätten Sachsenhausen und Ravensbrück gehören. Sie plant nach eigenen Angaben, Vertreter der russischen und belarussischen Botschaft von Gedenkveranstaltungen auszuladen.

    Ukraine zahlt besonders hohen Blutzoll im Zweiten Weltkrieg

    Der politische Spagat ist groß. Zum einen waren es die sowjetischen Truppen, die für die Befreiung Europas von den Nationalsozialisten den höchsten Blutzoll gezahlt hatten. Mehr als 27 Millionen Menschen verloren ihr Leben in dem von Deutschland entfesselten Vernichtungskrieg. Doch zur Wahrheit gehört auch: Die Ukraine, damals genau wie Russland Teil der Sowjetunion, traf es besonders hart. Allein am 29. und 30. September 1941 erschossen deutsche Einsatzgruppen knapp 34.000 jüdische Bewohner von Kiew. Während der deutschen Besatzungszeit wurden in der Schlucht Babyn Jar mehr als 100.000 Menschen ermordet. In der heutigen Ukraine wurden zwischen 1941 und 1944 etwa 1,5 Millionen Juden von den Deutschen und ihren örtlichen Helfern getötet.

    Die Friedenstaube ist von einem russischen Marschflugkörper getötet worden. Dafür verdient Russland keinen Handschlag, sondern Handschellen.

    Oleksii Makeiev, Ukrainischer Botschafter

    Auch deshalb ärgert sich die Ukraine ganz besonders über das Auftreten des russischen Botschafters in Torgau. Russland habe „den Friedensschwur mit einem völkermörderischen Angriffskrieg“ brutal gebrochen, sagte der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev vor der Feier.. „Die Friedenstaube ist von einem russischen Marschflugkörper getötet worden. Dafür verdient Russland keinen Handschlag, sondern Handschellen.“ Die USA verzichteten auf eine Teilnahme in Torgau.

    Russland instrumentalisiert die Erinnerung

    „Putins Propaganda stellt den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine als Fortsetzung des Zweiten Weltkriegs und des Kampfes gegen den Nazismus dar“, sagt auch Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München. „Damit instrumentalisiert Russland die Erinnerung an den 8. Mai 1945 für seine eigenen ideologischen Zwecke.“ Ein gemeinsames Gedenken des Kriegsendes sei daher mit Regierungsvertretern des heutigen Russlands nicht möglich. Mehr noch: Versuche dazu seien kritikwürdig. Wirsching hätte ein anderes Vorgehen für weitaus symbolträchtiger gehalten: „Angemessen ließe sich dagegen mit Vertretern exilrussischer Kreise und mit Ukrainern - viele Ukrainer beteiligten sich ja ebenfalls an dem Kampf gegen Nazi-Deutschland - des 8. Mais und der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus gedenken“, sagt der Historiker.

    Das Verhältnis der Großmächte USA und Russland hatte sich – dem Handschlag von Torgau zum Trotz - schon zum Ende des Zweiten Weltkrieges hin abgekühlt. Der sowjetische Diktator Josef Stalin baute sein Schreckensregime weiter aus, die anderen alliierten Mächte USA, Frankreich und Großbritannien setzten sich für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ein. Erst das Ende des Kalten Krieges löste die Konfrontation in Teilen auf. Am 75. Jahrestag 2020 hatten der russische Präsident Wladimir Putin und US-Präsident Donald Trump, der damals in seiner ersten Amtszeit war, den Jahrestag sogar in einer gemeinsamen Erklärung gewürdigt. „Der ‚Geist der Elbe‘ ist ein Beispiel dafür, wie unsere Länder Differenzen beiseiteschieben, Vertrauen aufbauen und für eine größere Sache zusammenarbeiten können“, schrieben sie.

    Es war Russland, das einen völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Ukraine begonnen hat. Und es liegt an Russland, nur an Russland, diesen Krieg zu beenden.

    Michael Kretschmer, Sächsischer Ministerpräsident

    In diesem Jahr nutzten die beiden Regierungen just den Torgau-Jahrestag, um über die Zukunft der Ukraine zu verhandeln. Der US-Sondergesandte Steve Witkoff wurde in Moskau von Putin empfangen. Das Staatsfernsehen zeigte die beiden beim Handschlag. In den USA erschien derweil ein Interview mit Trump, in dem er die Unverletzlichkeit von Grenzen – festgehalten in der nach dem Zweiten Weltkrieg verfassten Charta der Vereinten Nationen – öffentlich infrage stellte. „Die Krim wird bei Russland bleiben. Und (der ukrainische Präsident) Selenskyj versteht das, und jeder versteht, dass die Krim seit Langem zu Russland gehört“, sagte Trump. Russland hatte die ukrainische Schwarzmeerhalbinsel 2014 besetzt und danach völkerrechtswidrig annektiert.

    In Torgau mahnte deshalb auch der sächsische Ministerpräsident: „Nie wieder Krieg“ sei die Botschaft dieses Tages. Mit Blick auf den russischen Botschafter sagte er: „Es war Russland, das einen völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Ukraine begonnen hat. Und es liegt an Russland, nur an Russland, diesen Krieg zu beenden. “ (mit dpa)

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