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Im Wahlkampf entdecken Politiker plötzlich wieder das Private für sich

Glosse Von Gregor Peter Schmitz
19.08.2021

Die Politik entdeckt im Wahlkampf-Endspurt ihre ganz weiche Seite - da lässt sich Andreas Scheuer bei der dritten Hochzeit ablichten und Jens Spahn spricht von Kindern.

Dass das Private politisch ist, wissen wir spätestens seit den 1970er Jahren, als das gar auf den Straßen skandiert wurde. Angela Merkel hat es geschafft, uns auch in dieser Hinsicht einzuschläfern, noch immer ist nicht sicher, ob ihr Ehemann Joachim Sauer wirklich existiert. Darüber vergessen wir, dass Privatsache in Deutschland oft politische Chefsache war, man denke nur an die strahlenden Bilder der Kohl-Familie (die, wissen wir nun, so strahlend nicht war) am Wolfgangsee oder die Euphorie um das Glamourpaar Guttenberg, das vom Spiegel-Titel direkt ins Kanzleramt hüpfen wollte.

Scheuer und Spahn ganz privat in der Bunten - was folgt als nächstes?

Daher ist es nur konsequent, dass im Wahlkampfendspurt Toppolitiker wieder den Wert des Privaten entdecken. Andreas Scheuer, Noch-Minister, hat gerade zum dritten Mal geheiratet, vor Berchtesgadener Bergkulisse, und dass Kolleginnen und Kollegen der Bunte dabei waren, ist sicher ein ungeheurer Zufall, wen trifft man nicht alles in den Bergen?

Verkehrsminister Andreas Scheuer hat zum dritten Mal geheiratet. Die Frau an seiner Seite heißt Julia Reuss.
Foto: Britta Pedersen, dpa (Archivfoto)

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn säuselt unterdessen, ebenfalls in der Bunte, er hätte gerne bald Kinder. Will da jemand etwa als Vater der Nation auf „Mutti“ folgen? Dass Spahn vorher Berichte über den Kauf einer millionenteuren Villa per Anwalt verhindern wollte – Privatsache! –, war bestimmt nur Vor-Wahlkampf-Verwirrung. Wer weiß also, was uns noch winkt? Eine Fotostrecke von Armin Laschet mit seinem Model-Sohn? Annalena Baerbock packt aus, wie das war, als junge Mutter ein ganzes Buch zusammenkopieren zu müssen?

Übrigens stammt der Begriff des privat Politischen aus dem Feminismus. In der Disziplin macht Olaf Scholz keiner was vor. Die Frage, ob seine Frau – selbst Ministerin – im Falle seines Wahlsiegs weiterarbeiten würde, wies der SPD-Mann empört als sexistisch zurück. Politisch korrekter geht nicht.

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