Seit dem 27. Januar werden in Deutschland Menschen gegen Corona geimpft. Doch die großen Hoffnungen auf ein schnelles Ende der Pandemie sind längst verflogen. Die Verteilung des Impfstoffes geht nur langsam voran, es knirscht an vielen Stellen.
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Hintergrund

Was läuft schief beim Impfen? Die wichtigsten Fragen und Antworten

Die Kritik an der deutschen und europäischen Impfstrategie will nicht verstummen. Wo es ruckelt und warum – die wichtigsten Fragen und Antworten.

Knapp zwei Wochen ist es her, dass Deutschland mit seiner Impfaktion gegen das Coronavirus begonnen hat. Große Hoffnungen liegen in dem Impfstoff und seiner Verteilung. Doch kaum dass die ersten Spritzen gesetzt wurden, hagelte es auch schon Kritik. Zu wenig Impfstoff, zu schleppende Verteilung, in anderen Ländern gehe es schneller voran: Die Bundesregierung und auch die EU-Kommission stehen unter Rechtfertigungsdruck. Was aber ist dran an der Schelte? Eine Spurensuche.

Hat die Bundesregierung bei der Bestellung des Impfstoffes gepatzt?

Foto: Michael Kappeler, dpa

Die stockende Versorgung Deutschlands mit dem lebensrettenden Corona-Impfstoff bringt die Bundesregierung in die Defensive. Aus vielen Ecken wurden nach dem Jahreswechsel schwere Vorwürfe laut, dass bei der Bestellung des Serums geschlafen wurde. Das Murren beschränkt sich keineswegs auf die Opposition und einzelne Wissenschaftler, sondern schallt aus den Reihen der Großen Koalition selbst. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) und SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil erheben den Zeigefinger gegen Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

Der Minister ist aber auch nicht vor Angriffen aus der kleinen Schwesterpartei sicher: CSU-Chef Markus Söder nutzte die Bild-Zeitung, um seine Vorwürfe vor der Tür des Gesundheitsministeriums abzuladen. "Fakt ist: Es ist zu wenig bestellt worden, auch von den falschen Herstellern", sagte der bayerische Ministerpräsident.

"Fakt ist: Es ist zu wenig bestellt worden, auch von den falschen Herstellern"

Markus Söder

Die Attacken zielen auf die strategische Entscheidung der Bundesregierung, die eigene wirtschaftliche Macht Deutschlands nicht auszuspielen, sondern alle EU-Mitgliedstaaten per gemeinsamer EU-Bestellung mit dem Impfstoff des deutschen Herstellers Biontech zu versorgen. Ein Wettrennen der 27 um den knappen Impfstoff hätte neuen Zündstoff für die EU bedeutet, und das große Deutschland wäre mit Sicherheit dafür angefeindet worden, kleine und weniger wohlhabende Staaten auszubooten.

Neben Gesundheitsminister Spahn gerät deshalb nun auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) unter Druck, die das gemeinsame europäische Vorgehen ausdrücklich gebilligt, ja sogar befördert hatte. Ihr Sprecher Steffen Seibert verteidigt seine Chefin: Die EU-Kommission habe erstens mehr Verhandlungsmacht gegenüber den Impfstoffproduzenten. Zweitens sei im Sommer nicht klar gewesen, welcher Impfstoff welchen Herstellers das Rennen mache. Und drittens sei Deutschland nicht vor Corona sicher, wenn es in den Nachbarländern nicht auch durch Impfungen zurückgedrängt werde. "Natürlich ist nicht alles perfekt", räumte Seibert ein. Die Bundesregierung stehe aber hinter dieser "Grundsatzentscheidung", sagte er. "Wir sind überzeugt, dass das der richtige Weg war – und ist."

Das Gesundheitsministerium betont zudem, dass es nichts an der aktuellen Impfstoffmenge geändert hätte, wenn Deutschland den Impfstoff im nationalen Alleingang bestellt hätte. Der Flaschenhals sei die Produktion, nicht die Bestellmenge.

SPD-Generalsekretär Klingbeil fordert dennoch eine "nationale Kraftanstrengung" unter der Leitung von Bundeskanzlerin Merkel. "Wir sehen in diesen Tagen, dass es chaotische Zustände gibt", sagte er. Das lässt den Blutdruck innerhalb der Koalition ansteigen. Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus kontert prompt: "Alle wichtigen Entscheidungen werden im Corona-Kabinett getroffen. Da sitzt auch ein (Finanzminister) Olaf Scholz, da sitzen auch SPD-Minister drin." Und weiter: "Es sterben jeden Tag Menschen. Und da stelle ich mich nicht hin und mache Koalitionsspielchen."

Menschen mit Behinderung, die unter gerichtlich bestellter Betreuung stehen, dürfen bei der Europawahl am 26. Mai erstmals wählen.

Warum hat die Europäische Union nicht mehr Impfdosen bestellt?

Foto: Matthias Becker (Symbolbild)

Den ersten Arbeitstag des neuen Jahres hatte sich die Brüsseler EU-Kommission sicher entspannter vorgestellt. Anstatt eine erfolgreich angelaufene Impfkampagne kommentieren zu können, sah sich die Behörde mit massiven Vorwürfen konfrontiert. Nicht nur in Deutschland verlief die Verteilung des ersten zugelassenen Vakzins aus dem Hause Biontech/Pfizer bestenfalls unbefriedigend: Hatte die Kommission zu wenig bestellt? Kam die Zulassung zu schleppend?

"Frustration ist kein Wort aus dem Vokabular unseres Hauses", bemüht sich Stefan De Keersmaecker, Sprecher von EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides, entsprechende Fragen aus dem Kreis der EU-Korrespondenten abzuwehren. Die Kommission versuche zu helfen und den Mitgliedstaaten zu assistieren. Was er meinte, aber nicht sagen durfte: Die Mitgliedstaaten sind an dem Chaos zumindest mit schuld. Doch das Trommelfeuer Richtung Brüssel war am Montag schwer zu stoppen.

Die EU war im Frühjahr des vergangenen Jahres nach dem Desaster um fehlende Schutzmasken und Beatmungsgeräte, die sich die Länder gegenseitig weggekauft hatten, schon früh zu dem Entschluss gekommen, bei der Beschaffung von Impfstoffen gemeinsam vorzugehen. Bundeskanzlerin Merkel habe dies sogar gegen den ausdrücklichen Willen ihres Gesundheitsministers Spahn durchgesetzt, heißt es in Brüssel.

Nach diesem Beschluss Mitte 2020 (also zu Beginn der deutschen Ratspräsidentschaft) startete die Kommission im Namen der EU Verhandlungen mit allen Herstellern und konnte schon im Herbst zufrieden auf zwei Milliarden georderte Impfdosen bei sechs Unternehmen verweisen. "Wir wollten nicht alles auf eine Karte setzen", begründet EU-Gesundheitskommissarin Kyriakides ihre Strategie.

Karl Lauterbach (SPD), Gesundheitspolitiker, kritisierte die Europäische Union scharf: "Die EU hat falsch eingekauft."
Foto: Kay Nietfeld, dpa

Während SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kurz und bündig feststellt: "Die EU hat falsch eingekauft", stellt sich das Problem aus EU-Sicht ganz anders da: Als die Verhandlungen über Liefermengen und Preise liefen, wusste noch niemand, welcher Impfstoff mit welcher Wirkung wann verfügbar sein würde. Das sieht auch der deutsche Virologe Christian Drosten so: "Man musste den Impfstoff mit mehreren Monaten Vorlauf bestellen – und wusste zu dem Zeitpunkt gar nicht, ob der betreffende Impfstoff auch funktionieren würde."

Angeblich misstraute man in Brüssel auch den mRNA-Impfstoffen – ein Irrtum. Denn ausgerechnet die beiden Unternehmen, die darauf setzten (Biontech/Pfizer und Moderna), sind diejenigen, auf denen gerade alle Hoffnungen ruhen.

In Brüssel verpasste man die aktuelle Entwicklung. So bestellte die EU-Kommission beispielsweise bei Sanofi mit insgesamt 300 Millionen Dosen mehr als bei Biontech (200 plus eine Option auf 100 Millionen Dosen). Als der französische Konzern früh aus dem Rennen um ein schnell verfügbares Vakzin ausschied, schaltete man nicht um, sondern ließ die Dinge laufen.

Ebenso wie im November beim britisch-schwedischen Konzern AstraZeneca (geordert wurden 400 Millionen Dosen), der Teil zwei der klinischen Erprobung nach Fehlern neu aufsetzen musste. Die Liste ließe sich fortsetzen. Anstatt bei jenen Herstellern wie Biontech/Pfizer oder Moderna (160 Millionen Dosen) die bestellte Menge auszuweiten, hielt die Kommission still, obwohl immer klarer wurde, dass die bereits angelaufene Produktion nicht für alle Käufer reichen würde.

Auch das Geld spielte wohl eine Rolle. So kostet eine Dosis Impfstoff von Moderna umgerechnet rund 15 Euro, von Biontech/Pfizer 12 Euro, von AstraZeneca (von dem nur eine Impfdosis gebraucht wird) nur 1,78 Euro. Bei 450 Millionen EU-Bürgern ergibt das einen Kostenunterschied von 13,5 Milliarden Euro (Moderna) zu 801 Millionen Euro (AstraZeneca).

Die Antwort auf die Frage, ob die EU Fehler gemacht hat, lautet also: aus heutiger Sicht wohl schon. Jetzt wurde eilig nachgebessert: Am Mittwoch hat die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) in Amsterdam das Moderna-Vakzin zugelassen. Der Hersteller AstraZeneca wurde in den vergangenen Tagen zur Überlassung weiterer Daten aufgefordert, um dessen Produkt ebenfalls freizugeben. Inzwischen hat die EMA erlaubt, aus den von Biontech gelieferten Dosen nicht fünf, sondern sechs Impfungen zu machen, indem man auch die übrig bleibenden Reste verwendet. Wegen der "Über-Füllung" der Fläschchen war Impfstoff verschwendet worden.

Eine Änderung dieses Vorgehens könnte allein in Deutschland bis Ende Januar 800.000 Menschen mehr Schutz bringen. Auch eine spätere Verabreichung der Wiederholungsimpfung wird diskutiert. Medizinische Bedenken, so hieß es gestern in Brüssel, gebe es dagegen nicht. "Wir sollten nicht vergessen", betonte Eric Mamer, der Chef-Sprecher der EU-Kommission, am Montag, "dass eine solche, noch nie da gewesene Aktion immer Anlaufschwierigkeiten bringt und man viele Steine aus dem Weg räumen muss."

Könnten wir mehr Impfstoff derzeit überhaupt verimpfen?

Foto: Marcus Merk

Selbst wenn man – wie manche Bundesländer es tun – die Hälfte der Dosen für die nötige zweite Impfung zurücklegt, wurde noch längst nicht die gesamte Menge aufgebraucht. Ist die Debatte über mehr Impfdosen also bloße Theorie, weil wir gar nicht mehr Vakzin verimpfen könnten? Nicht unbedingt.

Die allererste Phase der Impfstrategie braucht am meisten Zeit: In Deutschland gibt es gut eine Million Bewohner von Pflege- und Altenheimen, die als erste von insgesamt sechs Bevölkerungsgruppen geimpft werden sollen. Die allermeisten sind nicht mehr mobil genug, um in eines der rund 400 Impfzentren gebracht zu werden, weshalb die Ärzte in Teams in die Senioreneinrichtungen fahren müssen, was einen großen Zeitaufwand bedeutet.

Allerdings leben in Deutschland insgesamt 5,4 Millionen Menschen im Alter über 80 Jahren. Zusammen mit über zwei Millionen Pflegekräften und medizinischen Beschäftigten in besonders gefährdeten Bereichen zählt allein die oberste Prioritätengruppe laut der Ständigen Impfkommission 8,6 Millionen Bürger. Allerdings stehen laut Bundesregierung im Januar nur drei bis vier Millionen Impfdosen zur Verfügung, bis März voraussichtlich 13 Millionen. Da jede Person für wirksamen Schutz zwei Impfdosen braucht, könnte nicht einmal die oberste Risikogruppe damit bis zum Frühjahr geimpft werden.

Mehr Impfstoff wäre deshalb tatsächlich nötig. Bayerns öffentliche 99 Impfzentren schaffen nur 30.000 Impfungen am Tag: Bei einer Doppelimpfung bräuchte es über zwei Jahre, zwölf Millionen Bayern durchzuimpfen. Deshalb ist für die breite Impfung der Bevölkerung das Hausärztenetz wichtig. Hier ruhen derzeit viele Hoffnungen auf dem Impfstoff von AstraZeneca. Er braucht nur eine unkomplizierte Kühlung, nur eine Einfachdosis und kostet einen Bruchteil. Er soll aber laut Studien mit gut 70 Prozent deutlich weniger wirksam sein als die hochmodernen teuren mRNA-Impfstoffe, die auf 95 Prozent Schutz kommen. Zudem können die Mittel von AstraZeneca derzeit wegen fehlerhafter Studien nur per Notzulassung wie in Großbritannien und Indien eingesetzt werden.

Sollte die Bundesregierung der Impfkommission und dem normalen Zulassungsverfahren weiter folgen, dürfte der erste Normalbürger ohne Risiko-Vorerkrankung unter 60 Jahren frühestens im Hochsommer oder Herbst geimpft werden können. Da aber viele Länder wie die USA schneller handeln, dürfte es bald eine Debatte über Notzulassungen und parallele Hausärzte-Impfungen geben. Das Beispiel der Grippeimpfungen zeigt, dass die 45.000 deutschen Hausärzte binnen weniger Wochen weit über zehn Millionen Menschen impfen können.

Warum werden die Lizenzen für die Impfstoffe nicht weitergegeben?

Foto: Biontech, dpa

Die Produktion von Impfstoffen ist nicht nur eine gigantische medizinische Erfolgsgeschichte – sie ist auch ein wirtschaftlicher Glücksfall für die Herstellerfirmen. Nur wenige Unternehmen liefern ihre Arzneimittel an die ganze Welt. Ein Milliardengeschäft, aber auch ein logistischer Flaschenhals. Eine "Krisenproduktion" fordert deshalb etwa FDP-Chef Christian Lindner. Man sollte darüber nachdenken, ob ein knapper Impfstoff wie der von Biontech nicht von anderen Herstellern in Lizenz produziert werden könnte. Der Linken-Gesundheitspolitiker Achim Kessler hatte sogar gefordert, Impfstoff-Hersteller zu zwingen, anderen Unternehmen eine Lizenz zum Nachproduzieren zu gewähren. Die Idee: Die "Rezepte" für den Impfstoff werden auch an andere Hersteller weitergegeben, um den Markt schneller zu bedienen. Eigentlich sind die aber durch Patente geschützt.

Die Welthandelsorganisation aber hätte durchaus einen Hebel in der Hand. Bei einem "nationalen Notstand" könnte sie Zwangslizenzen vergeben. Doch die Aussichten sind düster: Die EU, die USA, Großbritannien, die Schweiz und andere Industriestaaten lehnen eine Lockerung des Patentschutzes für Impfstoffe und Medikamente gegen Covid-19 ab. Eine entsprechende Initiative hatte es vor allem aus Entwicklungsländern gegeben: Sie haben federführend bei der Welthandelsorganisation (WTO) beantragt, den Patentschutz für Impfstoffe gegen Corona so lange auszusetzen, bis weltweit Herdenimmunität erreicht ist.

Das würde nicht nur die Mengen erhöhen, sondern auch die Preise drücken. Denn die armen Länder leiden noch viel stärker unter dem Impfstoffmangel als der reiche Westen. Neu wäre ein solcher Schritt der WTO nicht: Ähnlich wurde auch vor 20 Jahren bei der Bekämpfung von HIV/Aids verfahren, als das internationale Patentschutzabkommen Trips gelockert wurde. Doch die Gegner der Initiative stellen klar, dass eine Lockerung des Patentschutzes ein falscher Anreiz für die pharmazeutische Industrie sei. Die Firmen würden kaum noch in die Entwicklung neuer Medikamente und Impfstoffe investieren, wenn sie keine Patente dafür erhielten. Patentschutz sei der Grund, warum Investoren überhaupt Geld gäben, um Diagnostika, Medikamente und Impfstoffe zu entwickeln, sagte der Chef der Pharmafirma Pfizer, Albert Bourla.

Auch die Bundesregierung könnte laut Infektionsschutzgesetz bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite das Patentrecht lockern. Dort steht: "Das Bundesministerium für Gesundheit wird im Rahmen der epidemischen Lage von nationaler Tragweite unbeschadet der Befugnisse der Länder ermächtigt, durch Rechtsverordnung ohne Zustimmung des Bundesrates Maßnahmen zur Sicherstellung der Versorgung mit Arzneimitteln einschließlich Impfstoffen und Betäubungsmitteln (...) zu treffen (...)." Der Patentinhaber hat dann Anspruch auf eine Vergütung. Bundesgesundheitsminister Spahn lehnt den Schritt bislang ab. Er baut darauf, dass auch andere Hersteller die Zulassung für ihre Impfstoffe erhalten und sich die Zahl der Impfdosen kontinuierlich erhöht.

«Wir haben den Impfstoff bereits gegen circa 20 andere Virusvarianten mit anderen Mutationen getestet. Die Immunantwort, die durch unseren Impfstoff hervorgerufen wurde, hat stets alle Virusformen inaktiviert», sagt Biontech-Chef Ugur Sahin.

Was sagen Impfstoff-Hersteller wie Biontech zu dieser Diskussion?

Foto: Andreas Arnold, dpa

Die Biontech-Gründer Özlem Türeci und Ugur Sahin sind seit Jahren Wissenschaftler der Extraklasse, aber längst auch versierte Unternehmer. Dazu gehört in Zeiten wie diesen auch ein guter Draht zur Politik. Das Ehepaar lässt sich nur zu einem gewissen Grad in die Karten schauen. Doch in einem Interview mit dem Spiegel deutet Sahin dann doch an, dass er zumindest überrascht war, wie die Europäische Union die Verhandlungen mit seiner in Mainz ansässigen Firma geführt hat: "Es gab die Annahme, dass noch viele andere Firmen mit Impfstoffen kommen. Offenbar herrschte der Eindruck: Wir kriegen genug, es wird alles nicht so schlimm, und wir haben das unter Kontrolle. Mich hat das gewundert." Zwischen den Zeilen, so lässt sich erahnen, schwingt in diesen Worten auch Enttäuschung mit. Das mag auch daran liegen, dass Biontech von der Bundesregierung mit 375 Millionen Euro gefördert wird. Darauf verweisen Kritiker, die sich fragen, warum Europa und vor allem Deutschland nicht mehr Impfdosen Mainzer Provenienz erhalten.

Foto: Biontech

Tatsächlich hatte Biontech der EU eine höhere Zahl von Impfdosen als die letztlich vereinbarten 300 Millionen angeboten. Doch Brüssel setzte darauf, das Risiko auf mehrere Hersteller zu verteilen, da im Sommer noch schwer zu überblicken war, welche Unternehmen ihr Vakzin als erste über die Genehmigungshürden bringen würden. Ein Prinzip, das Özlem Türeci für "durchaus richtig" hält. Doch als sich herausgestellt habe, dass viele Anbieter nicht zeitig liefern können, sei es zu spät gewesen, "umfänglich nachzuordern".

Gleichzeitig stellt Sahin aber in Aussicht, die Lieferungen deutlich zu steigern. Man sei auf der Suche nach neuen Kooperationspartnern, um die Produktion zu erweitern. Bereits jetzt wird daran gearbeitet, dass im Laufe des Februars in Marburg Biontech-Vakzine hergestellt werden können. Das Mainzer Unternehmen hatte ein dort gelegenes früheres Werk des Schweizer Pharmaunternehmens Novartis übernommen. Weitere Kooperationen werden angestrebt, sagte Sahin dem Spiegel. Allerdings sei das nicht einfach: "Es ist ja nicht so, als stünden überall in der Welt spezialisierte Fabriken ungenutzt herum, die von heute auf morgen Impfstoff in der nötigen Qualität herstellen könnten." Auf die Frage, ob Biontech andere Hersteller zur Produktion des neuen Impfstoffes lizenzieren könne, verwies Sahin auf die Komplexität bei der Herstellung von sogenannten mRNA-Impfstoffen: "Da kann man nicht einfach umschalten, sodass statt Aspirin oder Hustensaft plötzlich Impfstoff hergestellt wird. Der Prozess braucht jahrelange Expertise und eine entsprechende bauliche und technologische Ausstattung."

"Da kann man nicht einfach umschalten, sodass statt Aspirin oder Hustensaft plötzlich Impfstoff hergestellt wird."

Biontech-Chef Ugur Sahin


In diesem Zusammenhang könnte ein gewaltiges Produktionszentrum in den Blick fallen, das derzeit im Ulmer Gewerbegebiet Donautal entsteht. 500 Millionen Euro will Teva, der weltweit größte Hersteller für nachgeahmte Arzneimittel – kurz Generika genannt – dort investieren. Dies sagte der für Deutschland zuständige Geschäftsführer des israelischen Unternehmens, Christoph Stoller, Ende November auf Anfrage unserer Redaktion. Doch ob in der Anlage des Ratiopharm-Mutterkonzerns, die 2022 betriebsbereit sein soll, tatsächlich einmal Impfstoffe hergestellt werden, ist spekulativ. Dagegen spricht, dass Teva bisher keine Vakzine produziert und angekündigt hat, im Donautal in erster Linie ein neuartiges Medikament gegen Migräne herzustellen.

Foto: Teva

Weit konkreter ist die Hoffnung, die ein in Tübingen ansässiges Unternehmen weckt: Curevac ist noch vor Weihnachten in die klinische Testphase für seinen Corona-Impfstoff eingestiegen. Medizintechnisch verfolgt das deutsche Unternehmen einen ähnlichen Ansatz wie Biontech oder Moderna. "Wir hoffen, dass wir Ende des ersten Quartals wissen, wie hoch der Wirksamkeitsgrad unseres Vakzins ist. .udem haben der Pharmakonzern Bayer und Curevac eine Kooperation geschlossen, die die Prozesse beschleunigen soll. Bayer soll die für die Zulassung nötige Studie unterstützen und die Lieferketten im Blick haben. Möglicherweise übernimmt Bayer mit einem weiteren Vertrag auch Teile der Produktion. Curevac-Chef Franz-Werner Haas zeigte sich erfreut über "einen weiteren starken Partner an unserer Seite". "Wir hoffen, dass unser Impfstoff Mitte des laufenden Jahres oder im dritten Quartal zugelassen wird und eingesetzt werden kann", sagte ein Curevac-Sprecher unserer Redaktion.

Gesundheitsminister Spahn setzt zudem auf eine schnelle Zulassung des Impfstoffs des britisch-schwedischen Konzerns AstraZeneca. Der Impfstoff, der in Großbritannien bereits zugelassen ist, wird derzeit von den europäischen Zulassungsbehörden geprüft. Das Mittel hatte in Studien eine geringere Wirksamkeit aufgewiesen als der Impfstoff von Biontech, kann aber mit weniger Aufwand gelagert werden und ist deutlich günstiger.

Ein Polizist patrouilliert vor dem beleuchteten Eiffelturm in Paris. In Frankreich gelten coronabedingt verschärfte Ausgangsbeschränkungen.

Wie läuft der Impfstart in anderen europäischen Ländern?

Foto: Stefano Rellandini, AFP, dpa

Wer glaubt, Deutschland habe ein Impfproblem, dem sei ein Blick nach Frankreich empfohlen. Dort haben bislang gerade einmal ein paar hundert Personen eine Spritze erhalten. Die Impfquote bewegt sich noch nicht einmal im Promillebereich. Und das liegt nicht etwa an einer zu geringen Menge an Vakzinen: Noch im letzten Jahr wurden 560.000 Dosen geliefert, nun sollen pro Woche 500.000 dazukommen und nach der Zulassung des Impfstoffs von Moderna weitere 500.000 Impfdosen pro Monat. Doch schafft es das Land überhaupt, diese rasch zu verwenden? "Ich werde es nicht zulassen, dass sich eine ungerechtfertigte Langsamkeit einrichtet", sagte Präsident Emmanuel Macron in seiner Neujahrsansprache.

Erst vor wenigen Wochen war er selbst an Corona erkrankt. In Umfragen bescheinigt eine Mehrheit der Franzosen ihm und seiner Regierung ein schlechtes Krisenmanagement. Die Sonntagszeitung Le Journal du dimanche berichtet von einem Wutausbruch Macrons gegenüber seinen Ministern. "Das muss sich schnell und stark ändern", soll er gewettert haben.

Foto: Thibault Camus

Zwar sagt Gesundheitsminister Olivier Véran, der langsame Rhythmus sei gewollt und werde sich bis Ende Januar beschleunigen. Und der Verantwortliche für die französische Impfstrategie, Alain Fischer, betont, man wolle sich "Zeit nehmen, die Dinge gut zu machen". Doch Ärzte warnen, diese Zögerlichkeit koste pro Tag viele Menschenleben. Jean Rottner, Präsident der Region Grand Est, die wie schon während der ersten Pandemie-Welle besonders hohe Infektionszahlen aufweist, spricht sogar von einem "Staatsskandal": "Die Franzosen brauchen Klarheit und sichere Botschaften von einer Regierung, die weiß, wohin sie geht, doch diesen Eindruck erweckt sie nicht."

Tatsächlich gehen die politisch Verantwortlichen äußerst vorsichtig vor, da es in kaum einem Land auf der Welt so große Vorbehalte gegenüber dem Impfen gibt. Nur knapp 40 Prozent der Menschen in Frankreich sind derzeit zu einer Corona-Impfung bereit. Einer im Juni 2019 veröffentlichten Studie zufolge, die in 144 Ländern durchgeführt worden war, gehören die Franzosen zu den impfskeptischsten Völkern, neben den Libanesen, Kroaten und Serben. Einer von drei befragten Franzosen gab an, Impfstoffe für unsicher oder unwirksam zu halten.

Doch es gibt noch weitere Gründe für das französische Impfproblem. Die bürokratischen und logistischen Hürden sind hoch. Erste Zielgruppe in Frankreich sind – wie in Deutschland – die Bewohner der insgesamt 14.000 Altenpflegeheime. Diese machten bislang 44 Prozent der inzwischen mehr als 65.000 Corona-Toten aus. Verzögernd wirkt allerdings, dass fünf Tage vor dem Impftermin ein Gespräch mit dem Hausarzt geführt und eine schriftliche Einverständniserklärung abgegeben werden muss. Darüber hinaus kam es auch bei der Auslieferung des Impfstoffs zu Verzögerungen. Impfzentren wurden bislang nicht aufgebaut.

Israel schreitet mit rasantem Tempo voran. Das Land gilt als Impf-Weltmeister. Allerdings musste auch bereits der dritte Lockdown angeordnet werden.

Warum ist Israel beim Impfen gegen Corona so viel schneller?

Foto: Biontech

Auf dem zentralen Rabin-Platz in Tel Aviv steht ein riesiges weißes Zelt. Im Minutentakt können dort Bürger gegen das Coronavirus geimpft werden – als Hilfestellung für überlastete Krankenhäuser. Schon seit dem 19. Dezember läuft in Israel eine massive Impfkampagne. Auf anfängliche Skepsis vieler gegen die Impfung folgte ein enormer Ansturm auf die Impfstationen.


Das Impfen ist in Israel Chefsache. Als im Dezember ein Frachtflugzeug die erste Lieferung mit Impfstoffen des Mainzer Herstellers Biontech und seines amerikanischen Partners Pfizer nach Tel Aviv brachte, nahm Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sie persönlich am Flughafen in Empfang. Wenig später war er der erste Israeli, der sich impfen ließ. Heute, keine zwei Wochen später, sagt er stolz: "Wir sind Impf-Weltmeister."

Mehr als 1,2 Millionen Israelis haben mittlerweile eine Impfung gegen Corona erhalten, das sind etwa 13 Prozent der Bevölkerung. Antje C. Naujoks, eine deutsche Politologin, die seit vielen Jahren in Israel lebt und arbeitet, gehört zu ihnen. In der Woche nach Weihnachten hat sie von ihrer Krankenkasse eine SMS mit der Aufforderung erhalten, sich impfen zu lassen. Mit zwei Klicks auf dem Smartphone war der erste Impftermin festgelegt und der zweite reserviert – eine Anfahrtsbeschreibung via Waze, einem israelischen Navigationssystem, inklusive.

Wer nicht auf die SMS reagiert, wird wenige Tage später von der Krankenkasse angerufen. "Weder bei der Vereinbarung des Termins noch bei der Impfung selbst ist Papierkram und somit Bürokratie im Spiel", sagt Naujoks. Zwar seien die Israelis nicht unbedingt Weltmeister im vorausschauenden Planen, dafür aber umso flexibler, wenn es darum gehe, sich auf neue Situationen einzustellen. So habe Israel schnell die Öffnungszeiten der Impfzentren verlängert und aus vier Impfdosen fünf Impfungen herausgeholt, ohne dass der Impfschutz dadurch gemindert werde.

Dazu komme ein enormes ehrenamtliches Engagement. Pensionierte Ärzte, Krankenschwestern oder ehemalige Soldaten, die in der Armee im medizinischen Sektor gearbeitet hätten, ließen sich selbst zu den unbequemsten Uhrzeiten sieben Tage die Woche in die Schichtpläne der Impfkampagne eintragen. Sogar am Shabbat, dem heiligen Ruhetag der Juden, wird in Israel geimpft.

Neben der unbürokratischen, effizienten Logistik hilft dem Land, das sich bereits im dritten Lockdown befindet, nun auch seine entschlossene Einkaufspolitik. Nach den Worten von Netanjahu hat Israel mit Pfizer und Biontech schon lange vor der Europäischen Union die Lieferung von acht Millionen Impfdosen vereinbart und beim Konkurrenten Moderna sechs Millionen Dosen geordert. Pfizer-Chef Albert Bourla, der Sohn von Holocaust-Überlebenden aus Thessaloniki, hat Netanjahu so lange persönlich angerufen, bis der Vertrag perfekt war.

Auch zu Moderna könnten die Kontakte kaum besser sein: Tal Zaks, der Medizinvorstand des Konzerns, ist Israeli. Außerdem zahlt Israel deutlich besser als andere Länder: Weil eine belgische Staatssekretärin sich verplappert hat, weiß man inzwischen, dass die EU für eine Dosis des Biontech-Pfizer-Impfstoffes nur zwölf Euro überweist, Israel aber fast 23 Euro.

Israel hat zu mehreren Impfstoffherstellern gute KOntakte, auch zum US-Konzern Moderna
Foto: Elise Amendola, AP, dpa

Professor Arnon Afek, Vize-Direktor des Schiba-Krankenhauses bei Tel Aviv, sieht weitere Gründe für den besonders erfolgreichen Ablauf der Impfkampagne in Israel: "Wir haben ein sehr starkes öffentliches Gesundheitssystem, mit Krankenversicherung für alle Bürger", sagt der ehemalige Generaldirektor des Gesundheitsministeriums. Das Modell basiere auf dem deutschen System, mit Krankenkassen und Krankenhäusern. "Die deutschen Juden, die nach Israel emigrierten, haben es mitgebracht und hier eingerichtet."

Während im neunmal größeren Deutschland der Nachschub stockt und noch keine 300.000 Menschen geimpft sind, impft Israel bereits mehr als 150.000 Menschen täglich. Erleichtert wird dies durch die überschaubare Größe des Landes mit seinen knapp neun Millionen Einwohnern, die überdies mehrheitlich in gut erreichbaren urbanen Zentren leben. Bis Ende März sollen so rund 60 Prozent aller Israelis geimpft sein – ein Erfolg, den der in der Corona-Krise schwer unter Druck geratene Netanjahu im Wahlkampf gut gebrauchen kann.

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