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Porträt
24.07.2020

Plötzlich mächtig! Der Aufstieg von Kanzleramtschef Helge Braun

„BM Braun“ – der Bundesminister im Kanzleramt steuert zusammen mit der Kanzlerin die deutsche Politik.
Foto: Michael Kappeler, dpa

Helge Braun ist Kanzleramtschef. Vor Corona arbeitet er weitgehend im Verborgenen. Warum er in der Krise einer der wichtigsten Ratgeber für Angela Merkel ist.

Wenn es im Regierungsviertel dunkel wird und im Reichstagsgebäude die Lichter verlöschen, ist ein Büro oft noch hell erleuchtet. Rechts oben im Kanzleramt arbeitet Helge Braun bis spät in die Nacht, manchmal auch bis in die frühen Morgenstunden, Aktenberge ab. Braun ist seit März 2018 Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramts, wie der offizielle Titel lautet. Im Sprachgebrauch ist er einfach der Kanzleramtschef und neben Kanzlerin Angela Merkel einer der wichtigsten Politiker in Deutschland.

Kanzleramtschef Helge Braun ist ein Stützpfeiler der Regierung um Angela Merkel

Symbole bedeuten einiges in der Politik, dass Braun sein Büro in der siebten von acht Etagen im Kanzleramt hat und damit auf der gleichen Ebene arbeitet wie Merkel, ist so gewollt. Der 47-jährige CDU-Politiker ist einer der Stützpfeiler ihrer Regierung, sie hat ihn mit Bedacht ausgesucht. Braun ist Merkels vierter Kanzleramtschef, auch seine Vorgänger waren fleißige Arbeiter, die stets das Ohr der Chefin hatten: Thomas de Maizière, Ronald Pofalla und Peter Altmaier gingen ebenfalls erst nach Hause, wenn die Arbeit getan war.

Herlge Braun gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Foto: Bernd von Jutrczenka, dpa

Es fällt schwer, sich innerhalb des Kabinetts ein Ressort vorzustellen, das noch arbeitsintensiver ist als das des Kanzleramtschefs. Braun muss die gesamte Regierungsarbeit koordinieren, was in etwa so leicht ist, wie einen Sack Flöhe zu hüten. Einerseits obliegt dem gebürtigen Gießener die Abstimmung mit den einzelnen Ministerien. Braun kann dabei auf die Spiegelreferate im Kanzleramt zugreifen, die praktisch den Kabinettsressorts im kleinen Maßstab nachgebaut sind. Darüber hinaus muss Braun auch noch versuchen, die Interessen der Bundesländer mit denen der Bundesregierung unter einen Hut zu bekommen.

Brauns Arbeit im Kanzleramt ähnelt der eines Fußball-Torwarts

Wie kompliziert das sein kann, zeigte die Arbeit am Kohlekompromiss. Braun hatte es mit konkurrierenden Vorstellungen im eigenen Kabinett zu tun. Das Wirtschaftsministerium trug andere Bilder vor sich her als das Umweltministerium. Und auf Landesebene waren Südländer wie Bayern und Baden-Württemberg überhaupt nicht amüsiert darüber, wie viel Geld in den Osten der Republik fließen sollte. Man muss sich Brauns Arbeit wohl wie die eines Torhüters vorstellen, der von den eigenen und den gegnerischen Spielern mit Bällen bombardiert wird und trotzdem für ein geordnetes Spiel sorgen muss. Denn auf Unordnung reagiert Brauns Chefin allergisch.

 

Helge Braun, berichten Stimmen aus dem Kanzleramt, lieferte der Kanzlerin diesbezüglich noch keinen Anlass für einen ihrer gefürchteten Wutausbrüche. Was auch ein Grund dafür ist, dass die Chefin ihren Kanzleramtschef mit der Koordination im Corona-Kampf betreute. Braun wurde nur halb in diese schwierige Aufgabe gedrängt, halb wurde er auch hineingezogen.

Nach seinem Wehrdienst begann er 1994 mit dem Studium der Humanmedizin an der Justus-Liebig-Universität in Gießen, arbeitete danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter und promovierte 2007. „Meinen Beruf als Arzt vermisse ich immer dann, wenn ich im Kanzleramt von besonders viel Bürokratie aufgehalten werde“, klagt Braun auf seiner Internetseite.

Corona-Warn-App: Mediziner Braun war maßgeblich daran beteiligt

Als Mediziner hat Braun nicht nur ein politisches Interesse am Coronavirus und seiner Eindämmung, sondern auch ein fachliches. Außerdem ist die medizinische Informatik sein Steckenpferd. „In meiner Promotionsarbeit habe ich über 28.000 Anästhesieprotokolle analysiert. Dies wäre ohne den Einsatz von IT nicht möglich gewesen“, erklärte er bei einer Vorlesung an der Uni Gießen, der er all die Jahre die Treue gehalten hat. Kein Wunder, dass Braun maßgeblich an der Corona-Warn-App beteiligt war.

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Merkel wollte den emotional besetzten und komplizierten Corona-Kampf nicht allein ihrem Gesundheitsminister Jens Spahn überlassen und übertrug die Koordination ihrem Kanzleramtschef, der – um es hier der Vollständigkeit halber mal zu erwähnen – auch noch die Schnittstelle zum Parlament bildet, sich um Termine und Tagesordnungen für die wöchentliche Kabinettssitzung kümmert, dem IT-Rat der Bundesregierung vorsitzt, die Rechts- und Fachaufsicht über den Bundesnachrichtendienst führt, als Koordinator für die Nachhaltigkeitspolitik eingesetzt wurde und auch noch Bundestagsabgeordneter ist.

Helge Braun könnte in Zukunft auch für die CDU als Kanzler kandidieren

Wobei Außenstehende dem Kanzleramtschef den Stress nicht anmerken. Im Gespräch ist er stets freundlich, oft witzig, zugewandt und immer voll konzentriert.

Braun führt auch bei Corona den Kampf zwischen Länderinteressen, wie sie sich öffentlich etwa im Dauerclinch zwischen den Ministerpräsidenten Armin Laschet und Markus Söder manifestieren. Er fragt nach, macht Druck, wenn es nötig ist. Zwischendurch gibt er mit seiner markanten, leicht schnarrenden Stimme Interviews, klärt über das Virus auf und mahnt ganz im Sinne der Kanzlerin zur Vorsicht.

Seine Idee, zum Ende der Pandemie einen Staatsakt für Corona-Opfer abzuhalten, schoss etwas übers Ziel hinaus und wurde von Vize-Regierungssprecherin Ulrike Demmer einkassiert: „Zum jetzigen Zeitpunkt ist seitens der Bundesregierung keine zentrale Gedenkfeier geplant“, erklärte sie.

Brauns Reputation schadet so etwas überhaupt gar nicht. Der mächtige Mann wird der Politik noch lange erhalten bleiben. Mit einiger Sicherheit als Minister, mit etwas Glück in fernerer Zukunft auch als Kanzler.

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