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Russland
21.08.2020

Potenzielle Giftattacke: Nawalny soll in Berlin behandelt werden

Ist er in Lebensgefahr? Putin-Kritiker Alexej Nawalny.
Foto: Pavel Golovkin/AP, dpa

Der prominente russische Oppositionelle Alexej Nawalny bricht im Flieger plötzlich zusammen und liegt im Krankenhaus. Es ist nicht das erste Mal.

Alexej Nawalny war auf dem Heimweg, als er im Flieger aus dem sibirischen Tomsk kommend nach Moskau plötzlich zusammenbrach. Nach einer Notlandung brachten ihn Ärzte in eine Klinik der sibirischen Industriestadt Omsk. Seitdem liegt der 44-jährige Kremlkritiker im Koma. "Vergiftung ist eine der Möglichkeiten dafür", sagte einer der behandelnden Ärzte am Donnerstagnachmittag. Sein Zustand sei stabil, fügte er hinzu.

Nawalnys Sprecherin Kira Jarmysch, die Nawalny auf dem Flug begleitet hatte, sagt dem russischen Radiosender Echo Moskwy, dass sie "sicher" sei, dass er "absichtlich vergiftet" worden sei. Jarmysch zufolge soll Nawalny nichts anderes außer Tee am Flughafen von Tomsk zu sich genommen haben, später soll er über Unwohlsein geklagt und auf der Flugzeugtoilette das Bewusstsein verloren haben. Später, so die Sprecherin, seien Polizisten und Vertreter des staatlichen Ermittlungskomitees in der Klinik aufgetaucht.

Herausgabe von Blutanalysen wurde hinausgezögert

Seitdem würde die Herausgabe von Blutanalysen hinaus gezögert. Der Kardiologe Jaroslaw Aschichmin, der Nawalny seit 2013 ärztlich betreut, sprach von Überlegungen, Nawalny nach Europa verlegen zu lassen. Am Abend hieß es, Nawalnys Team wolle erreichen, dass er nach Deutschland geflogen und in der Berliner Charité behandelt wird.  Ein Spezialflugzeug, das den 44-Jährigen aus dem russischen Omsk nach Berlin holen soll, ist bereits am frühen Freitagmorgen aus Deutschland gestartet, wie der Filmproduzent Jaka Bizilj der Deutschen Presse-Agentur sagte. Demnach befand sich auch ein Team von Medizinern an Bord der Maschine. Zuvor seien alle nötigen Genehmigungen zu einer Verlegung aus Russland erteilt worden. Nawalny könne noch am Freitag in Berlin ankommen, wo er in der Charité behandelt werden soll. Kosten für Flug und Behandlung würden von Privatleuten bezahlt, sagte Filmproduzent Bizilj. 

Laut der russischer Nachrichtenagentur Tass gehen die Sicherheitsbehörden nicht von einer absichtlich herbeigeführten Vergiftung aus. Nawalny habe möglicherweise selbst etwas zu sich genommen, hieß es.

Treffen die Vorwürfe zu, könnte es der zweite Giftanschlag auf Nawalny gewesen sein. Bereits im Sommer 2019, als der 44-Jährige während der Proteste vor der Wahl des Moskauer Stadtparlaments eine Arreststrafe absitzen musste, wurde er in eine Klinik eingeliefert. Nawalny und seine Mitstreiter hatten bereits damals von einer Vergiftung durch ein Pulver gesprochen, das sich in der Bettwäsche befunden habe. Ärzte hatten jedoch lediglich eine "allergische Reaktion" diagnostiziert. Der Moskauer lebt gefährlich. 2017 war ein Farbanschlag auf ihn verübt worden, dabei hätte er beinahe sein Augenlicht verloren. Druck aus dem Ausland ermöglichte, dass er trotz einer Ausreisesperre in Spanien operiert werden konnte.

2015 holte Nawalny bei der Moskauer Bürgermeisterwahl mehr als 25 Prozent

Als Nawalny bei der Moskauer Bürgermeisterwahl im Jahr 2015 mehr als 25 Prozent der Stimmen erreicht hatte, war die Elite alarmiert. Bei der Präsidentschaftswahl 2018 durfte er gar nicht erst antreten. In einem politisch motivierten Prozess war der Anti-Korruptionskämpfer 2013 zu fünf Jahren Haft verurteilt worden und somit vorbestraft. Das Urteil wurde später in eine Bewährungsstrafe umgewandelt. Die Klagen gegen Nawalny hatten seitdem zugenommen, immer wieder ist der 44-Jährige in Haft. Seine Stiftung, mit der er seine, oft für Furore sorgenden Enthüllungen über die Bereicherung der Elite – bis hin zum früheren Ministerpräsidenten Dmitri Medwedew – finanziert, ist mittlerweile formal geschlossen. Von politischen Ämtern im Land ist er ausgeschlossen. Doch von allen russischen Regierungsgegnern verfügt er über das am besten ausgebaute Unterstützer-Netzwerk in der Provinz. Genau das dürfte ihn für die Regierung so gefährlich erscheinen lassen.

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