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Wahlkampf
23.09.2021

Kevins wilder Haufen drängt ins Parlament

Kevin Kühnert (SPD), Vize-Parteivorsitzender, will ein Bündnis mit der Linkspartei nicht ausschließen.
Foto: Britta Pedersen, dpa

Einst kritisierten Jusos den SPD-Kandidaten Olaf Scholz hart, jetzt halten sie still. Nach der Wahl dürfte sich das ändern. Ältere Genossen sind frustriert.

Sie sind jung, laut und stehen in der Partei meist weit links: Sollte die SPD bei der Bundestagswahl so gut abschneiden, wie es die Umfragen andeuten, könnte der Parteinachwuchs so stark werden, dass auch ein möglicher Kanzler Olaf Scholz kaum mehr an ihm vorbeikäme. Mehr als 80 Junge Sozialisten – oder kurz Jusos – drängen in den Bundestag, oft auf aussichtsreichen Listenplätzen, selbst das eine oder andere Direktmandat scheint möglich. Noch steht die SPD-Jugend hinter ihrem Spitzenkandidaten, den sie als Parteichef verhinderte, als Finanzminister wegen seiner Haushaltsdisziplin heftig kritisierte und ständig zum Austritt aus der verhassten Koalition mit der Union drängte, deren Vizekanzler er ist. Doch gleich nach der Wahl könnten die jungen Wilden zum Problem für den pragmatischen Scholz werden und den Wahlkampf-Burgfrieden aufkündigen.

Olaf Scholz war einst selbst Juso-Vize

Je größer die Schar an Getreuen ist, die Ex-Juso-Chef Kevin Kühnert, der ebenfalls in den Bundestag strebt, um sich scharen kann, desto stärker kann er seine schon jetzt einflussreiche Position als Strippenzieher der SPD ausbauen. Schon bei der Frage, ob die SPD neben den Grünen lieber die FDP oder die Linkspartei ins Koalitions-Boot holen soll, dürften die Jusos die Muskeln spielen lassen. Olaf Scholz – in jüngeren Jahren und mit langer Lockenmähne selbst stramm linker Juso-Bundesvize - würde die wirtschaftsfreundlichen Liberalen vorziehen. Doch der klare Favorit beim SPD-Nachwuchs ist die Linke. Die ersten Pflöcke sind schon eingerammt: Kühnert bezeichnete FDP-Chef Christian Lindner als „Luftikus“ und für den Fall einer weitere GroKo mit der Union hat er seinen Rücktritt als Parteivize angekündigt.

Juso-Bundesvorsitzende Jessica Rosenthal.
Foto: Kay Nietfeld/dpa

Kühnert-Nachfolgerin Jessica Rosenthal gibt sich selbstbewusst

Kühnerts Nachfolgerin Jessica Rosenthal gibt sich selbstbewusst: „Mit über 80 Jusos haben wir uns auf den Weg gemacht, um den Sound in der Politik zu ändern. Es werden so viele Jusos in den Bundestag einziehen, wie nie zuvor.“ Unserer Redaktion sagte die 28-jährige Lehrerin: „Wir wollen unsere Zukunft gestalten und die Stimme der jungen Generation im Bundestag sein. Wir haben uns in vielen Punkten im Wahlprogramm durchsetzen können.“ Die Jusos stünden „unter anderem für einen Mietenstopp, die Ausbildungsplatzgarantie, BAföG, das nicht mehr zurückgezahlt werden muss, und echten Klimaschutz, der am System ansetzt.“ Rosenthal, die in ihrer Heimat Bonn als Direktkandidatin für den Bundestag antritt, kündigt an: „Dafür geben wir jetzt in den letzten Tagen nochmal alles, um die Bürgerinnen und Bürger von unseren Inhalten zu überzeugen.“

Frust bei älteren SPD-Abgeordneten

Wo der innerparteilich in der Mehrzahl weit links verortete Nachwuchs nach vorne rückt, müssen andere weichen. Das sorgt für Frust. Bei Karl-Heinz Brunner, 68, etwa, Mitglied des konservativen Seeheimer Kreises in der SPD und im Bundestag weithin anerkannter Verteidigungspolitiker. Bei der Vergabe der bayerischen Listenplätze wurde ihm ein gänzlich aussichtsloser Rang angeboten. Frustriert verzichtete er ganz und kämpft nun im Wahlkreis Neu-Ulm um das Direktmandat. Brunner sagt: „Kandidaten direkt von der Hochschule können sich rhetorisch meist besser ausdrücken und sind in den sozialen Medien versierter unterwegs, als Bewerber, die von der Werkbank kommen.“

Karl-Heinz Brunner ist SPD-Abgeordneter.
Foto: Stefan Kuemmritz

Brunner hat vor seiner Wahl in den Bundestag 2013 viel Erfahrung in der Kommunalpolitik gesammelt, war etwa zwölf Jahre Bürgermeister der Stadt Illertissen. Für eine Partei wie die SPD sei es wichtig, sagt er, nicht den Kontakt zur Lebenswirklichkeit der Menschen in Deutschland zu verlieren – und dazu zählten eben auch die Älteren. Gute Nachwuchsarbeit einer Partei zeige sich darin, dass ihre Abgeordneten alle Generationen entsprechend ihrem Anteil der Bevölkerung abbildeten. Bei der SPD gebe es viele Junge und dann wieder viele Ältere, in der Gruppe der 35- bis 50-Jährigen klaffe dagegen eine Lücke. Wenn er sehe, wie selbstbewusst heute junge Politiker ohne berufliche, gewerkschaftliche oder kommunalpolitische Erfahrung vordere Listenplätze reklamierten, dann frage er sich manchmal: „Was passiert mit denen, wenn die mal älter werden? Räumen die dann freiwillig ihre Ämter?“

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Auch Josip Juratovic sagt, dass er sich generell ja freue über den Generationswechsel, doch er mahnt seine Partei, dabei nicht übers Ziel hinauszuschießen. Der 62-jährige SPD-Abgeordnete aus Heilbronn hat ebenfalls erlebt, wie aussichtsreichere Plätze auf der baden-württembergischen Landesliste an jüngere Kandidaten gingen, während es für ihn nur für Platz 18 reichte. Vor dem aktuellen Umfrage-Höhenflug der SPD hätte das kaum zum Einzug in den Bundestag gereicht, jetzt darf er hoffen.

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