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Welttag der seelischen Gesundheit: Frauen suchen Hilfe, Männer sterben

Welttag der seelischen Gesundheit

Frauen suchen Hilfe, Männer sterben

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    Exzessiver Alkoholkonsum kann bei Männern auf eine Depression hindeuten. (Bild: dpa)
    Exzessiver Alkoholkonsum kann bei Männern auf eine Depression hindeuten. (Bild: dpa)

    Eigentlich wollte Erwin mit seinem Namen dazu stehen. Dazu, dass er – ein politisch und sozial engagierter, in gewissen Kreisen auch bekannter Augsburger – wegen seiner Depression vor Kurzem in der Psychiatrie war. Dass er hoffte, ihn würde ein Lkw überfahren. Dass er ohne Alkohol nicht mehr leben konnte. Man – Mann – könne und solle zu psychischen Krankheiten wie Depressionen doch eigentlich stehen, sagt er. Eigentlich.

    Angst, nicht mehr für voll genommen zu werden

    Jetzt handelt diese Geschichte doch von einem 68-jährigen pensionierten Lehrer, der im echten Leben nicht Erwin heißt. Der sich nicht traut, zu einer Krankheit zu stehen, die immer noch vor allem mit Frauen in Verbindung gebracht wird – oder zumindest mit vermeintlich weiblichen Eigenschaften. Erwin hat lange überlegt, was er tun soll. Jetzt, beim Gespräch in einem Augsburger Café, sagt er Sätze wie: „Depressionen wirken für Männer extrem imageschädigend.“ Und: „Ich habe Angst, nicht mehr für voll genommen zu werden, wenn das alles öffentlich wird.“

    Solche Befürchtungen kennt Anna Maria Möller-Leimkühler nur zu gut. Die Professorin, Sozialwissenschaftlerin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, forscht über den Zusammenhang zwischen Geschlecht und psychischen Störungen. Die Depression, sagt sie, gelte selbst in der Medizin noch immer als Frauenkrankheit. „Das Umdenken in Deutschland beginnt erst.“ Auch in der Öffentlichkeit sind depressive Männer meist nur dann ein Thema, wenn sich Prominente wie der Fußballer Sebastian Deisler zu ihrer Krankheit bekennen; und im schlimmsten Fall erst dann, wenn sie scheinbar plötzlich Suizid begehen wie der frühere Nationaltorwart Robert Enke.

    Die Suizidrate ist bei Männern bis zu zehnmal höher als bei Frauen

    Lange sind die meisten Wissenschaftler davon ausgegangen, dass schlicht und einfach weniger Männer depressiv sind als Frauen. Viele Zahlen sprechen dafür. An Depressionen erkranken laut Statistik zwei- bis dreimal mehr Frauen als Männer. Suizide allerdings sind vor allem eine männliche Reaktion. Die Suizidrate bei Männern ist bis zu zehnmal höher als die bei Frauen. Und mehr als drei Viertel der Personen, die sich das Leben nehmen, haben einmal an Depressionen gelitten. Wie passt das zusammen?

    „Früher hat man sich das so erklärt, dass Männer die härteren Suizidmethoden wählen und damit quasi erfolgreicher sind. Frauen wollen ja eher einen Hilferuf senden“, sagt Anna Maria Möller-Leimkühler. Außerdem gebe es biologische Annahmen, etwa dass der Unterschied hormoneller Natur sei. „Aber all diese Aspekte können das Geschlechterparadoxon eigentlich nicht erklären.“

    In den 70er Jahren, als bei Erwin die ersten Symptome auftraten, waren die Hintergründe der scheinbar widersprüchlichen Zahlen noch nicht erforscht. Auch heute gibt es nur wenige Studien zu Depressionen bei Männern. Andersherum hat die Wissenschaft bisher kaum Antworten auf weibliche Suizide. Erste bahnbrechende Erkenntnisse zur männlichen Depression brachte vor 20 Jahren ein Suizidpräventionsprogramm auf der schwedischen Insel Gotland. Es zeigte, dass die Weiterbildung von Ärzten zur Diagnose und Behandlung Depressiver die Zahl der Opfer stark verringerte – allerdings nur bei Frauen.

    Despressionen können ganz unterschiedliche Symptome haben

    Nach der Studie wurde das Konzept einer spezifisch männlichen Depression entwickelt. Es geht davon aus, dass die klassisch depressiven Symptome wie Grübeln und Antriebsarmut bei Männern kompensiert oder überdeckt werden. So könne sich eine Depression etwa auch dadurch zeigen, dass ein Mann extrem risikobereit oder gewalttätig ist, sich durch Drogen oder Alkohol betäubt, sich in Freizeit und Arbeit exzessiv verhält oder feindselig ist. „Natürlich müssen schnelles Autofahren, riskante Hobbys oder Schlägereien keine Depression als Ursache haben“, sagt Möller-Leimkühler. Aber sie könnten Hinweise sein. Bei Erwin sind sie es wohl gewesen.

    Das Problem ist: Männlich depressive Verhaltensweisen gelten offiziell nicht als Symptome. „Weil die Kriterien eher weiblich sind, bekommen depressive Männer oft überhaupt keine oder eine falsche Diagnose“, beklagt die Sozialwissenschaftlerin. Dann ist eher die Rede von einer „antisozialen Persönlichkeit“, von Burnout oder einer Alkoholabhängigkeit.

    Wenn Erwin von seinem Weg in die Psychiatrie erzählt, springt er zwischen heute und gestern hin und her, oft rasend schnell. Dann muss man ihn bremsen. Und er sagt Sätze mit „man“, Sätze, in denen „die Depression“ als Subjekt auftritt. Nicht er. Es wirkt so, als müsse er, der Mann mit der tiefen, monotonen Stimme und den kräftigen Händen, immer noch eine innere Distanz aufbauen. Eine Distanz, die sich durch ein „ich“ in seinen Sätzen verlieren würde. Von selbst wäre Erwin, das weiß er heute, nie in eine Klinik gegangen. Er musste erst auf der Straße zusammenbrechen und wochenlang Magen-Darm-Probleme haben. In einem Krankenhaus, so hoffte er, würden sie schon einen Grund für seine Beschwerden finden. Die Bauchspeicheldrüse vielleicht. Doch die Ärzte sagten ihm, sie wollten ihn in die Psychiatrie überweisen. Zum Entzug. Seine Magen-Darm-Probleme kämen vom Alkohol.

    Erwin leidet wahrscheinlich schon jahrzehntelang unter Depressionen

    „Nie übermäßig viel, aber immer stetig“, beschreibt der Familienvater seinen Konsum. Um die eineinhalb Liter Wein waren es – jeden Tag. Der Alkohol musste immer bereitstehen, ob am Schreibtisch oder auf dem Nachttisch. 24 Stunden hielt er so seinen Pegel. Zwei Promille seien es wohl gewesen, sagten ihm die Psychiater später. Seit er in der Klinik war, habe er keinen Tropfen mehr angerührt, sagt er. Jetzt, zum zweieinhalbstündigen Gespräch, trinkt er Kaffee.

    Von den Psychiatern hat Erwin gehört, dass er wohl schon jahrelang, vielleicht jahrzehntelang Depressionen hat und dass der Alkohol nur ein Symptom sei. Erwin dachte nach. Natürlich, als kleiner Bub sei er schon immer ungewöhnlich introvertiert gewesen. Während Freunde schrien und ihre Wut nach außen kehrten, ist er bei Konflikten weinend weggegangen. Aber war das nicht normal? Als junger Lehrer hatte er immer große Probleme, sich zu konzentrieren und Dinge zu erledigen. Aber arbeiten nicht viele Menschen ineffizient? Damals, als seine erste Ehe in die Brüche ging, hat er versucht, „mit dem Auto irgendwo dagegenzufahren“. Nach einem Streit im Familienurlaub ist er auf die Straße gelaufen in der Hoffnung, dass ihn ein Lkw überfährt. Aber kennen solche Gedanken nicht andere auch?

    „Ich war immer nur der Meinung, ich bin eben ein bisschen introvertiert und nehme mir alles zu Herzen“, sagt Erwin heute. „Aber zu sagen, ich bin depressiv, da hat sich mein Verstand lange geweigert.“ Dass sein Lebensstil lange Zeit krankhaft und selbstgefährdend war, hat er erst in der Therapie erkannt. Bei Streitereien ist er immer mit dem Auto abgehauen und ständig an der Grenze der Leistungsfähigkeit und des Erträglichen gefahren. „Am liebsten Landstraßen mit engen Kurven, volles Rohr.“ Die Euphorie, das Adrenalin kompensierten die Depression. Auch beim Bergsteigen liebte der 68-Jährige die Extreme. „Ich bin ein Risikosucher.“ Ein echter Mann eben.

    "Ein Mann lebt von seiner Stärke"

    Für Männer, hat er festgestellt, ist es extrem schwierig, auch einmal schwach zu sein. „Ein Mann lebt von seiner Stärke.“ Doch die Orientierung an solchen Stereotypen kann zur Gefahr werden. Für Männer, die in einem geordneten Umfeld leben, sei dies kein Problem, sagt Expertin Möller-Leimkühler. Aber: „Kommen extreme Belastungen hinzu, wird es für sie immer schwieriger, die hohen männlichen Erwartungen umzusetzen, immer stark zu sein und erfolgreich.“

    Während Frauen eher zum Arzt gehen, wenn sie sich schlecht fühlen, nutzen Männer Ersatzventile oder flüchten in Suchtmittel. Andere bringen sich um, plötzlich, wie es scheint. Suizid, sagt Möller-Leimkühler, könne so auch als allerletztes Mittel gesehen werden, der ach so männlichen Identität treu zu bleiben, selbstbestimmt zu entscheiden und immer Lösungen zu finden.

    „Frauen suchen Hilfe – Männer sterben“ lautet eine in der Fachwelt oft zitierte, wenngleich zugespitzte Formel zum unterschiedlichen Umgang der Geschlechter mit Depressionen. Tun sich viele bei körperlichen Beschwerden schon schwer, zum Arzt zu gehen, dürfte das bei psychischen umso schwerer sein. „Männer haben ein anderes Gesundheitsverständnis als Frauen“, sagt Anna Maria Möller-Leimkühler. „Für sie ist der Körper eine Maschine, die läuft, ohne dass man etwas tun muss.“ Erst kürzlich hat Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder eine Initiative für Männergesundheit gestartet – damit die Männer im Freistaat älter werden.

    Zu Vorsorgeuntersuchungen ist Erwin zwar immer gegangen. Über seine Gefühle aber hat er nie geredet. Zwei Tage vor jeder Blutabnahme trank er keinen Alkohol, damit nichts auffiel. Sein Arzt dürfte an den Leberwerten gemerkt haben, dass bei Erwin etwas nicht stimmt. Der Alkohol wurde trotzdem totgeschwiegen, und mögliche Depressionen waren erst recht kein Thema. „Das war ein Prominentenarzt. Vielleicht erwartet man von dem, dass er seine Patienten nicht auf so etwas anspricht.“

    Verhaltenstherapien wirken bei Männern besonders gut

    Viele Suizide sind vermeidbar und viele Depressionen heilbar – wenn sie erkannt werden. Männer brauchen keine anderen Medikamente, wie man sie bei Frauen einsetzt. Aber es habe sich gezeigt, so Anna Maria Möller-Leimkühler, dass eine Verhaltenstherapie besonders gut wirkt. „Im Gegensatz zur Psychoanalyse können die Männer da mehr tun als reden.“

    Dass es zumindest unter Betroffenen gar nicht so schwer ist, Emotionen zu äußern, hat Erwin in der Klinik gelernt. Er hofft, dass Menschen wie er sich irgendwann überall ohne Angst öffnen können. Aber das werde wohl dauern, sagt Erwin zum Abschied. Der Mann, der eigentlich zu seiner Krankheit stehen wollte. „Noch ist es bei uns so, dass depressive Männer nach München zur Therapie fahren. Damit sie in Augsburg nicht gesehen werden, wie sie eine Tür betreten, an der ein Psychologenschild hängt.“

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