Erst Andrew, nun auch der frühere US-Botschafter Großbritanniens Peter Mandelson: Am Montagabend wurde der 72-Jährige im Londoner Stadtteil Camden von der Polizei abgeführt – nur vier Tage nach der Festnahme des Bruders von König Charles. Anders als der Ex-Prinz versteckte er sich nicht, als er aus seinem Haus gebracht wurde. Möglicherweise auch, um Bilder zu vermeiden, wie sie nach der Entlassung Andrews um die Welt gegangen waren: schockiert auf dem Rücksitz eines Wagens, im kalten Blitzlicht. Damit steht in Großbritannien nicht nur ein „Senior Royal“, sondern auch ein früherer Spitzenminister im Fokus polizeilicher Ermittlungen durch den Epstein-Skandal.
Noch vor einem Jahr stand Peter Mandelson auf dem Zenit
Ein bemerkenswerter Absturz. Noch vor einem Jahr hatte Peter Mandelson eines der prominentesten Ämter inne, die der britische Staat zu vergeben hat: Botschafter Seiner Majestät in den Vereinigten Staaten. Starmer hatte ihn nach Washington entsandt, weil er als politisches Schwergewicht und damit als geeigneter Ansprechpartner für US-Präsident Donald Trump galt.
Am Montagabend verbrachte der Ex-Diplomat, der bereits im September abgesetzt worden war, jedoch mehrere Stunden auf einer Polizeiwache. Festgenommen wegen des Verdachts auf Missbrauch eines öffentlichen Amtes. Auslöser der Ermittlungen waren Dokumente aus den Epstein-Akten, die nahelegen, er habe während seiner Zeit als Wirtschaftsminister von 2008 bis 2010 marktsensible Informationen an den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein weitergegeben. Kritisch wäre dies insbesondere deshalb, weil Epstein im Finanzsektor tätig war und von vertraulichen wirtschaftspolitischen Informationen potenziell hätte profitieren können.
Für Premier Keir Starmer könnte es noch mal eng werden
Für Keir Starmer ist die Affäre politisch explosiv. Schon die Ernennung Mandelsons zum Botschafter im Februar 2025 war höchst umstritten. Kritiker warnten vor dessen Altlasten. Als Ende Januar Mandelsons frühere Kontakte zu Epstein durch die Veröffentlichung von Dokumenten durch den US-Kongress erneut Schlagzeilen machten, geriet Starmer erst recht in die Kritik. Der Premier entging nur knapp einem Putsch. Seither hängt seine Regierung am seidenen Faden.
Die Vorgänge werfen zudem eine grundsätzliche Frage auf: Warum geraten im Vereinigten Königreich selbst derart mächtige Akteure so massiv unter Druck, während Verdächtige in den USA bislang weitgehend ungeschoren davonkommen? Der britische Autor und Historiker Jonathan Dimbleby betont, Polizei und Justiz gingen nicht „mit Samthandschuhen“ vor. Gerade dieser Umstand zeige die Robustheit britischer Institutionen. Niemand stehe formell über dem Gesetz. Im Kontrast dazu erschienen Verfahren in den USA stärker durch parteipolitische Loyalitäten blockiert.
In Großbritannien gilt das Prinzip des „feinen Kerls“
Eine mögliche Erklärung liefert der britische Historiker Peter Hennessy mit seiner „Good Chap“-Theorie – wörtlich dem Prinzip des „feinen Kerls“. Gemeint ist die unausgesprochene Erwartung, dass Minister und hohe Beamte sich an ungeschriebene Regeln halten, Maß und Grenzen ihrer Macht kennen. Wer gegen diese impliziten Normen verstößt, verliert auf der Insel rasch an Rückhalt.
Hinzu kommt eine außergewöhnlich schlagkräftige Medienlandschaft auf der Insel. Nic Newman, Journalist und Digital-Experte, beschreibt Großbritannien als Land mit einer „besonders wettbewerbsintensiven“ Presse. Rund ein Dutzend landesweiter Tageszeitungen – mehr als in Frankreich und Deutschland – konkurrieren um Enthüllungen und Schlagzeilen. Seit Wochen dominieren Andrew und Mandelson die Titelseiten. Die Skandale lassen sich kaum aussitzen.
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