Frankreich will nuklear aufrüsten und bietet Deutschland und anderen EU-Partnern eine stärkere Einbeziehung in die Abschreckung an. Das war das Thema der lange erwarteten Grundsatzrede des französischen Präsidenten am Montag im französischen U-Boot-Stützpunkt Île Longue in der Bretagne. Zwei bedeutsame Neuerungen kündigte Emmanuel Macron im Heimathafen der atomgetriebenen U-Boote mit nuklearen ballistischen Raketen bei Brest an.
Zum einen eine stärkere Einbeziehung von acht EU-Staaten, darunter Deutschland. Deren militärische Vertreter werden zu französischen Nuklearübungen oder Besichtigungen strategischer Standorte eingeladen. Die Entscheidungsgewalt bleibe weiterhin allein bei Frankreichs Präsidenten, betonte er, um Kritik von Teilen der linken und rechtsextremen Opposition zu begegnen.
Bis 2036 will Frankreich ein weiteres U-Boot
Zum anderen versprach Macron, angesichts der erhöhten internationalen Bedrohungslage das Nukleararsenal seines Landes zu modernisieren und zu vergrößern, „ohne sich auf ein teures Wettrüsten einlassen zu wollen“. Neben dem Bau eines fünften Atom-U-Boots bis 2036 kündigte er eine Aufstockung des nuklearen Arsenals an.
Frankreich besitzt laut dem schwedischen Friedensforschungsinstitut Sipri 290 der weltweit etwa 12.200 Atomwaffen. Es ist damit nach Russland, den USA und China die viertgrößte Atommacht der Welt und seit dem Brexit 2020 die einzige in der EU.
Die Vorschläge sind die Fortsetzung eines bereits eingeschlagenen Kurses. Im vergangenen Winter wurden britische Militärvertreter in einer Beobachterrolle zu einer Übung der luftgestützten französischen Atomflotte eingeladen. Im Juli 2025 unterzeichneten Frankreich und Großbritannien eine Vereinbarung über eine verstärkte nukleare Zusammenarbeit. Auch der deutsche Nato-Botschafter besuchte in der Vergangenheit bereits eine französische Atomwaffenbasis.
Frankreichs Abschreckung setzt stark auf U-Boote
Wie viele Sprengköpfe diesem Bestand hinzugefügt werden, lasse er bewusst offen, sagte der französische Staatschef. „Um allen Spekulationen zuvorzukommen, werden wir die Zahlen unseres Nukleararsenals nicht mehr bekannt geben“, so Macron. Potenzielle Gegner bewusst im Unklaren zu lassen, ist Teil der „strategischen Ambiguität“. „Um frei zu sein, muss man gefürchtet werden, und um gefürchtet zu werden, muss man stark sein.“
Doch worum geht es im Einzelnen? Nukleare Sprengköpfe sind die Vorderteile von Raketen oder Bomben, deren Explosionskraft durch Kernspaltung entsteht. Sie können auf verschiedenen Trägersystemen transportiert werden, im Fall Frankreichs auf U-Boot-gestützten Raketen oder luftgestützten Marschflugkörpern, welche von Rafale-Kampfflugzeugen getragen werden.
Zuständig für die französischen Atomsprengköpfe sind keine privaten Rüstungsfirmen, sondern einziger Akteur ist die staatliche Direktion für militärische Anwendungen (DAM) innerhalb des Kommissariats für Atomenergie und alternative Energien (CEA). Der Standort Valduc bei Dijon ist das Hauptzentrum für die Entwicklung, das Design, die Herstellung, Montage, Wartung und Demontage der nuklearen Komponenten der Sprengköpfe. An diesem besonders abgesicherten Ort wird das nukleare Material, also Plutonium und Uran, verarbeitet.
Frankreich will eine finanzielle Beteiligung der Partner
Die Produktion nimmt laut Héloïse Fayet, Expertin für nukleare Abschreckung am französischen Institut für internationale Beziehungen Ifri, viel Zeit in Anspruch: „Selbst wenn bereits Bestände an spaltbarem Material vorhanden sind, würde es mehrere Jahre dauern, neue nukleare Sprengköpfe bereitzustellen“, sagte sie im vergangenen Jahr dem Magazin Le Point.
Im Gespräch mit unserer Redaktion und im Einklang mit anderen Fachleuten betonte Fayet, entscheidend sei gar nicht die genaue Zahl der Atomwaffen, sondern die Fähigkeit, potenzielle Gegner ausreichend und glaubwürdig abzuschrecken, sowie „eine grundsätzliche Klarstellung darüber, inwiefern Frankreich Länder wie Deutschland oder Polen schützen könnte“.
Erste Schritte dazu hat Macron nun gemacht. Frankreichs Präsident sagte am Montag auch, ein einziges U-Boot wie jenes, vor dem er stand, habe „eine Schlagkraft, die der Summe aller Bomben entspricht, die im Zweiten Weltkrieg in Europa gefallen sind“. Die Zerstörungsfähigkeit, ließ er damit verstehen, ist also enorm, auch wenn die französische Nukleardoktrin rein defensiv ist. Einen Erstschlag schließt sie aus.
Hinsichtlich der Kosten betonten französische Experten ebenfalls einhellig, dass Paris nicht auf eine direkte finanzielle Beteiligung, sondern auf Kooperation mit den europäischen Partnern setze. Macron sprach lediglich von einer „gerechten Aufteilung der Anstrengungen“. Ansonsten blieb er auch in dieser Hinsicht vage.
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