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Der Journalist Robin Alexander in Augsburg.

Interview

„Die politische Mitte verliert an Gestaltungsmöglichkeiten“

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    Journalist, Autor und Podcaster Robin Alexander war zu Gast bei „AZ-Live“ in der Augsburger Stadtbücherei.
    Journalist, Autor und Podcaster Robin Alexander war zu Gast bei „AZ-Live“ in der Augsburger Stadtbücherei. Foto: Bernhard Weizenegger

    Herr Alexander, Ihr neues Buch schildert nicht nur die letzten Monate der Ampel, sondern auch die ersten Wochen von Friedrich Merz als Kanzler. Viele Beobachter sagen: Er macht große Ankündigungen, aber die Leute glauben ihm nicht so recht, dass er liefert. Wie sehen Sie das?
    ROBIN ALEXANDER: Das stimmt. Merz weckt Erwartungen – und das fällt uns so auf, weil Merkel und Scholz genau das nie getan haben. Merkel praktizierte„Erwartungsmanagement“. Sie flog zu Gipfeln und sagte vorher: Da kommt eh nichts raus. Und dann kam doch was – und dann konnte sie einen Überraschungserfolg für sich verbuchen. Merz tickt anders. Der sagt: Jetzt muss was passieren! Er stellt Forderungen, treibt sein Kabinett an. Das ist einerseits ehrlich, andererseits riskant. Denn wenn du die Erwartungen so hochschraubst, musst du auch liefern.

    Die angekündigte „Ruck“-Rede zum Tag der Deutschen Einheit sollte ja so ein Moment sein – aber viele waren eher ernüchtert. Warum zündet das nicht?
    ALEXANDER: Weil Politik, wie das Leben, selten zu hundert Prozent gelingt. Aber was wirklich auffällt, ist der Stilwechsel. Merkel und Scholz haben Politik eher verwaltet, Merz macht es anders. Der sagt auch Sachen, die nicht vorbereitet sind. So etwas wie: Die Israelis machen die „Drecksarbeit“ für uns. Hätte Merkel so niemals gesagt.

    Ihr Buch trägt den Titel „Letzte Chance“. Warum hat es die politische Mitte denn so schwer?
    ALEXANDER: Weil die Mitte an Gestaltungsmöglichkeiten verliert. Ein Beispiel: Drohnen über dem Münchner Flughafen. Dafür braucht man eine Grundgesetzänderung, damit die Bundeswehr sie abschießen darf. Die Regierung sagt: Geht nicht ohne Zweidrittelmehrheit. Und die bekommt man nur mit AfD oder Linken. Ergebnis: Stillstand. So wird die Mitte immer weiter zusammengedrängt – sie produziert Kompromisse, die kaum jemand überzeugen, und das stärkt die Ränder noch mehr. Es ist ein Teufelskreis, den man in Frankreich, Italien oder den USA ähnlich beobachten kann.

    Viele in der Union dachten: Wenn wir das Thema sichtbar in den Griff bekommen, schrumpft die AfD wieder. Doch obwohl die Flüchtlingszahlen deutlich zurückgehen, bleibt die AfD stark. Warum?
    ALEXANDER: Weil Politik Zeit braucht. Die neue Migrationspolitik gilt erst seit ein paar Monaten – davor hatte man zehn Jahre lang das Gegenteil entschieden. Das prägt die Wahrnehmung. Ich glaube, eine Begrenzung der Migration ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung, um Vertrauen zurückzugewinnen.

    War es ein Fehler, dass Merz im Wahlkampf so stark auf das Thema Migration gesetzt hat?
    ALEXANDER: Das war ein kalkulierter Bruch. Die Meinungsforscher hatten ihm geraten: Lass das Thema, die Leute glauben euch nicht. Und dann kam der entsetzliche Anschlag in Aschaffenburg, und Merz hat umgeschaltet. Er wollte verhindern, dass nur Alice Weidel die Stimme ist, die alle hören. Das war nachvollziehbar. Der Fehler kam erst danach – als man den Antrag zur Grenzpolitik gemeinsam mit der AfD abgestimmt hat. Die Menschen wollten eine neue Migrationspolitik, ja – aber aus der Mitte heraus, nicht vom Rand.

    Stichwort Brandmauer – glauben Sie, sie hält?
    ALEXANDER: Ich weiß es nicht. In der Union gibt es die Versuchung: Mit der SPD kommen wir nicht weiter, also vielleicht doch mal mit der AfD? Aber sobald man ins Konkrete geht, merkt man, dass das nicht funktioniert. Eine echte Reformpolitik lässt sich mit der AfD nicht machen.

    Im Wahlkampf erschien bei Ihrer Zeitung, der Welt, ein Gastbeitrag von Elon Musk, in dem er praktisch zur Wahl der AfD aufrief. Das hat hitzige Debatten ausgelöst. Sie waren dagegen, ihn zu veröffentlichen.
    ALEXANDER: Ja, weil ich finde, der reichste Mann der Welt, der ohnehin ein eigenes soziales Netzwerk besitzt und dort seine Botschaften verbreitet, braucht nicht auch noch ein Forum in einer deutschen Zeitung. Seine Botschaft war simpel: AfD rettet Deutschland. Aber er hatte sich nie ernsthaft mit der Lage hier beschäftigt. Ich fand die Botschaft falsch.

    Sie beschreiben in Ihren Büchern politische Prozesse oft derart detailliert, als wäre Sie live dabei gewesen. Wie arbeiten Sie? Gehen Sie mit den Politikern deren Outlook-Kalender durch?
    ALEXANDER: Ich sage den Leuten immer: Erzählen Sie mir nicht, warum etwas passiert ist – erzählen Sie mir nur, wie es passiert ist. Und daraus entsteht dann eben eine Rekonstruktion der Ereignisse. Einige treffen sich lieber im Büro, andere bei sich zu Hause oder im Restaurant. Manche stecken einem auch mal Akten zu. Und so puzzle ich das zusammen. Ich habe keinen Anspruch, dass alles, was passiert ist, in den Büchern steht. Das kann ich gar nicht wissen. Aber alles, was im Buch steht, muss stimmen. Das ist mein Anspruch.

    AZ-Live mit Robin Alexander in der Augsburger Stadtbücherei. Es moderierten Chefredakteur Peter Müller und Chefreporterin Stephanie Sartor.
    AZ-Live mit Robin Alexander in der Augsburger Stadtbücherei. Es moderierten Chefredakteur Peter Müller und Chefreporterin Stephanie Sartor. Foto: Bernhard Weizenegger

    Ihr erstes großes Buch, „Die Getriebenen“, wurde ein riesiger Erfolg. Dabei war die Flüchtlingskrise journalistisch eigentlich auserzählt. Warum hat es trotzdem so eingeschlagen?
    ALEXANDER: Ursprünglich wollte ich über die Eurokrise schreiben, ich fand das wahnsinnig spannend – aber die Menschen kannten die Akteure nicht. Bei der Flüchtlingskrise hatte man ein Bild von den Beteiligten vor Augen. Ich wollte zeigen, was passiert ist – nicht urteilen, ob es richtig oder falsch war. Und das war offenbar das, was viele wollten.

    Wie gehen Sie mit Ihren Quellen um – was landet in Ihrem Podcast „Machtwechsel“, was in der Zeitung, was im Buch?
    ALEXANDER: Wenn ich an einem Buch arbeite, verspreche ich meinen Gesprächspartnern: Wir reden, aber es erscheint erst, wenn das Buch rauskommt. Das ist der Deal. Bei der Ampel war es verrückt – sie sprengte sich selbst, während ich schrieb. Danach wollten viele noch einmal reden, um ihre Sicht nachzureichen. Für mich war das journalistisch ein Glücksfall.

    Zur Person

    Robin Alexander ist Autor, stellvertretender Chefredakteur der Welt und diskutiert im Podcast „Machtwechsel“ wöchentlich über die politische Lage im Land. Sein neuestes Buch trägt den Titel: „Letzte Chance. Der neue Kanzler und der Kampf um die Demokratie“.

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