Während Friedrich Merz am Dienstag zusammen mit dem jordanischen König Abdullah II. vor die Presse trat, hatten gerade zwei Flugzeuge der Luftwaffe Kurs auf das Heimatland des Staatsgastes genommen. Dort sollen sie beladen und betankt werden, erklärte der Kanzler und dankte dem König. „Wir arbeiten gemeinsam an sogenannten Air Drops, also am Abwurf humanitärer Güter aus der Luft“.
Deutschland und Jordanien wollen damit die notleidende Zivilgesellschaft in Gaza unterstützen. Die Luftwaffe wird Lebensmittel, Hygieneartikel und medizinische Güter über dem Küstenstreifen abwerfen. Spätestens am Wochenende soll die Mission beginnen, vielleicht sogar schon am Mittwoch, sagte der Kanzler.
Wenn Friedrich Merz über die Hilfsmission spricht, wählt er häufig das Wort „Luftbrücke“
Der Plan: Die Airbus-Maschinen werden in Jordanien betankt, beladen und starten von dort Richtung Gaza. Die Flüge sind mit der israelischen Regierung abgesprochen. Die öffnet für einen kurzen Zeitraum den Luftraum über dem Gazastreifen. An Fallschirmen gleiten die beladenen Paletten dann in das Kriegsgebiet.
Das Vorgehen geht auf eine Initiative Jordaniens zurück. Eine ähnliche Kooperation läuft bereits seit Sonntag zwischen Jordanien, Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Am Dienstag haben die drei Länder israelischen Angaben zufolge 52 Paletten mit Lebensmitteln über dem Gazastreifen abgeworfen.
Wenn Friedrich Merz über die Hilfsmission spricht, wählt er häufig das Wort „Luftbrücke“. Das ist vermutlich kein Zufall. Erinnert das doch an die Versorgung Westberlins während der Blockade durch die Sowjetunion in den Jahren 1948 und 1949. Das hat Symbolkraft vor allem gegenüber der eigenen Bevölkerung. Die Botschaft: Wir helfen!
Trotzdem kommt Kritik, vor allem von Hilfsorganisationen. „Ich halte das vor allen Dingen für eine Imagekampagne“, sagte Riad Othman, Nahostreferent bei der Menschenrechtsorganisation Medico International, am Dienstag vor Journalisten in Berlin. Seine Kritik: Hilfslieferungen aus der Luft seien in der humanitären Hilfe „aus guten Gründen“ nur die Ausnahme. „Sie sind ungenau, sie sind teuer und sie sind zu langsam“, sagt Othman. „Vor allem aber sind sie in einem so dicht bevölkerten Gebiet wie Gaza für die Menschen am Boden mitunter lebensgefährlich.“ Beispielsweise, weil Menschen von Palletten erschlagen werden, sichere Schutzräume verlassen oder beim Versuch Hilfsgüter aus dem Meer zu bergen ertrinken. Außerdem könne weit weniger geliefert werden als auf dem Landweg. Vor allem – und das ist der entscheidende Unterschied zur Berliner Luftbrücke – wenn es sich um ein aktives Kriegsgebiet handelt.
Die Kapazität der Flüge liege weit unter dem Bedarf der Bevölkerung
Die Kritik ist berechtigt, das weiß auch der Kanzler. Denn eine solche Mission gab es bereits im vergangenen Jahr. Von März bis Mai warf die Luftwaffe etwa 315 Tonnen Hilfsgüter ab. Zum Vergleich: Zur Zeit der Berliner Luftbrücke flogen die Alliierten 5000 Tonnen in die Stadt. Und das nicht über mehrere Monate, sondern jeden Tag. Zu Spitzenzeiten waren es sogar deutlich mehr. Knapp über zwei Millionen Menschen lebten damals in West-Berlin, etwa genauso viele wie im Gazastreifen heute.
Die Kapazität der Flüge liege weit unter dem Bedarf der Bevölkerung, heißt es auch von Medico International. Vor dem 7. Oktober brachten LKW etwa 500 bis 600 Tonnen Hilfslieferungen in den Gazastreifen. Selbst das wäre aber heute nicht mehr ausreichend, sagt Othman, denn die Kapazitäten zur Selbstversorgung des Gazastreifens seien „weitestgehend vernichtet worden.“
Dass die Luftbrücke unzureichend sei, räumte am Dienstag auch der Kanzler ein. „Diese Arbeit mag humanitär nur einen kleinen Beitrag leisten“, sagte Merz. „Aber sie ist ein wichtiges Signal: Wir sind da, wir sind in der Region, wir helfen.“
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