Auf die Gefahr hin, dass Ihnen jetzt die Gesichtszüge entgleisen: Heute heißt es Abschied nehmen. Die wilde Fahrt ist vorbei, Claus Weselsky steigt aus, Endstation. Mehr als 16 Jahre lang hat uns dieser Mann pünktlich zu jeder Tarifverhandlung der Lokführer mit Verbalinjurien aller Art überrollt. „Nieten in Nadelstreifen“ nannte er seine Gesprächspartner aus dem Vorstand der Deutschen Bahn. Oder „Vollpfosten“. Nicht gerade das, was man einen soften Einstieg in ein Gespräch nennen würde.
Immerhin wurde der Dresdner mit den ungewöhnlichen Umgangsformen zum bekanntesten Gewerkschaftsboss Deutschlands. Und, er möge uns als Mann klarer Worte den Ausdruck verzeihen, immer wieder auch zur größten Nervensäge der Republik.
Auf Weselskys Fahrplan stand oft Krawall
Wir wissen nicht, wie es Ihnen geht, aber wir haben selbst dann, wenn wir Wochen oder gar Monate im Voraus ein Zugticket buchten, ganz tief in uns drinnen immer einen kleinen Weselsky gespürt, der wild mit dem Damoklesschwert herumfuchtelte. Streik, das war sein letztes Wort. Wenn der Oberlokführer den Daumen senkte, war das halbe Land lahmgelegt. Dann stand nur noch Krawall auf dem Fahrplan.
Und doch – auch das ist eine Kunst – konnten ihm die meisten Deutschen nie so richtig böse sein. Die Geschichte vom hart arbeitenden, kleinen Lokführer (Weselsky war tatsächlich selber mal einer), der es mit den mächtigen Bahn-Bossen aufnimmt, war einfach zu schön. Da konnte man nicht lange grantig bleiben, selbst wenn mal wieder kein Zug nach nirgendwo fuhr.
Jedenfalls haben wir so eine vage Ahnung, dass wir ihn – ganz heimlich – vermissen werden. Dieser Zug endet hier, wir verabschieden uns, gute Reise, Claus Weselsky!
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