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Fahrrad: Radverkehr bleibt trotz Potenzial politisch unterfinanziert

Kommentar

Millionen Fahrräder, kaum Politik: Warum Deutschland das Rad nicht ernst nimmt

Richard Mayr
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    Ideen gibt es viele, um das Fahrradfahren in Deutschland attraktiver zu machen, etwa Fahrrad-Schnellwege einzurichten.
    Ideen gibt es viele, um das Fahrradfahren in Deutschland attraktiver zu machen, etwa Fahrrad-Schnellwege einzurichten. Foto: Arne Dedert/dpa

    Neunundachtzig Millionen Fahrräder stehen in Deutschland. Das sind mehr als in jedem anderen Land Europas, mehr als Einwohner. Und trotzdem – oder vielleicht genau deshalb – traut sich die Politik nicht, das Fahrrad ernstzunehmen.

    Dabei wäre die Diagnose simpel. Wer nach Amsterdam oder Kopenhagen fährt, versteht das Problem sofort: Dort steigen doppelt so viele Menschen aufs Rad wie hierzulande. Kein Klima erklärt das, keine Mentalität. Die Niederlande haben nach dem Ölschock 1973 eine politische Entscheidung getroffen – Autos aus den Innenstädten, Geld in Radwege, konsequent über Jahrzehnte. Heute legen die Niederländer pro Kopf fast doppelt so viele Kilometer auf dem Rad zurück wie die Deutschen. Das Fahrrad ist dort kein alternatives Verkehrsmittel, sondern das Selbstverständliche. Was den Unterschied macht, ist nicht Fahrradbegeisterung. Es sind Jahrzehnte politischer Arbeit und politischen Willens. Beides fehlt in Deutschland.

    Der Bund hat die Mittel für den Radwegeausbau zuletzt fast halbiert

    Der Bund hat die Mittel für den Radwegeausbau zuletzt fast halbiert. Gleichzeitig bekam die Autobahn GmbH mehr Geld. Das ist kein Versehen. Das ist eine Entscheidung. Und sie hat Methode: Die Mittel zur Umsetzung des Nationalen Radverkehrsplans schrumpften in den vergangenen Jahren auf einen Bruchteil – während der Plan selbst weiter neue Ziele für 2030 formuliert. Schon das Ziel von 2020 – ein Radanteil von 15 Prozent am Gesamtverkehr – wurde deutlich verfehlt. Deutschland hat sich eine Fahrradstrategie gebastelt, die es dann nicht finanziert.

    Bayern macht es genauso, nur eben mit dem Radgesetz. Das 2023 verabschiedete Regelwerk klingt entschlossen, der Freistaat verspricht 1.500 neue Kilometer bis 2030. Nur: Das ursprüngliche bayerische Versprechen war ein anderes – der Radverkehr sollte bis 2025 verdoppelt werden. Davon ist man weit entfernt. Wer durch bayerische Städte radelt, kennt das Ergebnis: Lückennetz statt Radnetz, Schutzstreifen, die an Kreuzungen enden, Wege, die auf Parkplätzen aufhören. Das Ziel ist nicht mehr kommunizierbar, also kommuniziert man es nicht mehr. Ein Gesetz ersetzt kein Geld.

    Beim Fahrrad bleibt ein enormes Potenzial ungehoben

    Und während die Haushaltsplaner kürzen, bleibt ein enormes Potenzial ungehoben. Radfahren gehört zu den wirkungsvollen Gesundheitsmaßnahmen, die ein Staat fördern kann – und ist eine der billigsten. Wer regelmäßig Rad fährt, hat laut Studien bis zu 50 Prozent weniger krankheitsbedingte Fehlzeiten. Das ist keine Kleinigkeit: Produktionsausfälle durch Krankheit kosteten Deutschland 2023 insgesamt viele Milliarden Euro. Wer also in Radwege investiert, investiert nicht in Freizeitgestaltung – sondern auch in Arbeitsfähigkeit, in Prävention, in ein entlastetes Gesundheitssystem. Und das Fahrradfahren dämpft auch die Kosten, die entstehen, weil sich die Menschen zu wenig bewegen. Die Stadt Utrecht, eine von Europas Hauptstädten in Sachen Fahrrad, hat sich die Vorteile des Fahrrads von einem Forschungsinstitut ausrechnen lassen. Der gesamtgesellschaftliche Nutzen des Fahrrads für die niederländische 340.000-Einwohner-Stadt liegt bei rund 735 Euro pro Kopf und Jahr – durch eingesparte Gesundheitskosten, weniger Staus, geringere Infrastrukturausgaben. Das Fahrrad rechnet sich. Deutschland rechnet es nur nicht nach.

    Am Tag des Fahrrads werden Politiker vielleicht Bilder von sich auf dem Sattel machen. Es wird neue Versprechen für die Verkehrswende geben. Der 3. Juni ist dafür wie gemacht. Und am 4. Juni wird weiter gekürzt.

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