Eine gewisse Aufregung ist bei den Beteiligten im Deutschen Fußball-Bund (DFB) schon spürbar. Ein deutsches Haus, das sie zur Weltmeisterschaft im Herzen von New York natürlich „German House of Soccer (GHOS) nennen, gab es in der Geschichte des Verbandes noch nie. Die Eventlocation Chelsea Industrial in Manhattan soll für einen Monat zum Anlaufpunkt werden. 750 Plätze stehen auf 2000 Quadratmetern zur Verfügung. Acht DFB-Angestellte sind damit beschäftigt, deutsche Fußballkultur erlebbar machen – mit Public Viewing, Bühnenprogramm, Fanaktion und Ausstellungen. Und natürlich fließt auch deutsches Bier aus den Zapfhähnen.
Wenn Präsident Bernd Neuendorf und Sportdirektor Rudi Völler zur offiziellen Einweihung erscheinen, spielen auf der anderen Seite des Hudson River in East Rutherford Brasilien und Marokko gegeneinander. Der erste echte erste Höhepunkt dieses XXL-Turniers, das der Weltverband von 32 auf 48 Mannschaften und von 64 auf 104 Spiele aufgebläht hat. Eine WM, so groß wie nie. Orchestriert von einem Weltverband, der sich so gierig wie nie gebärdet.
Es geht nicht um das Spiel. Es geht um den Profit.
Jürgen Klinsmann, der Architekt des Sommermärchens 2006, arbeitet diesmal für die Technische Studiengruppe der Fifa und den DFB, der „Klinsi“ als Haus-Botschafter gewonnen hat. Für den 61-Jährigen spiegelt der Ballungsraum an der Ostküste „alles wider, was Amerika ausstrahlt. Jeder, der aus Europa, Asien oder Afrika kommt, will einmal New York erleben. Dort trifft sich die Welt.“ Und dort wird am 19. Juli auch der Weltmeister ermittelt. Klinsmann glaubt bei allem Gigantismus und Größenwahn ans Gute: „Es gibt kaum ein besseres Transportmittel für gesellschaftliche Belange als den Fußball.“
Mag sein, aber Thomas Hitzlsperger, genau wie Klinsmann einst für den VfB Stuttgart am Ball, macht es sich nicht ganz so einfach. Der 44-Jährige hat die Doppelpässe zwischen US-Präsident Donald Trump und Fifa-Boss Gianni Infantino längst durchschaut. Der eine verkörpere die amerikanische Ich-Bezogenheit, der andere könne in seinem Reich schalten und walten wie er wolle. Aber war das nicht schon bei der WM 2018 in Russland und 2022 in Katar so? Und setzt nicht die WM 2034 in Saudi-Arabien der Absurdität die Krone auf? Es geht nicht um das Spiel. Es geht um den Profit.
Trump und Infantino: eine unheilvolle Allianz
Der Auftritt von Trump und Infantino bei der WM-Auslosung geriet zum Fremdschämen. Egozentrische Machtmenschen, die eine unheilvolle Allianz verbindet, wobei die Verästelungen weit zurückreichen. Als das Mammutevent 2017 nach Nord- und Mittelamerika ging, hatten im Jahr davor die US-Strafbehörden gerade die Fifa wegen einer Korruptionsaffäre ins Visier genommen. Die Causa versandete sicherlich nicht zufällig. In dieser Phase begann die Männerfreundschaft, von der sich beide Seiten persönliche Vorteile erhoffen.
Diese Giga-WM hat ihren Preis, etwa fürs Klima, wenn fast sechs Millionen Fans zwischen 16 Spielorten in drei großen Ländern riesige Distanzen überbrücken müssen. Das New Weather Institute erwartet die umweltschädlichste WM aller Zeiten. Die Universität von Lausanne glaubt, dieses Ereignis werde „den größten CO2-Fußabdruck in der Geschichte des internationalen Sports“ hinterlassen.
Menschenrechtsorganisationen beklagen Missstände
Menschenrechtsorganisationen beklagen zudem diverse Missstände: Dass Anhänger aus Iran, Haiti, Senegal und Elfenbeinküste faktisch nicht einreisen können; andere wiederum mehrere tausende US-Dollar Kaution hinterlegen müssen. Diese WM laufe Gefahr, „von Ausgrenzung und Angst geprägt zu sein“, teilte Human Rights Watch mit. Amnesty International befürchtet, das Turnier könne zu einer „Bühne der Repression“ werden.
Und dann ist da noch der Konflikt zwischen dem Haupt-Gastgeber USA und dem WM-Teilnehmer Iran, der jederzeit eskalieren kann. Pikanterie am Rande: Belegen die US-Boys und der Iran in ihren Gruppen jeweils den zweiten Platz, treffen die Teams im Sechzehntelfinale in Arlington bei Dallas aufeinander. Geht das friedlich über die Bühne? Von harmonischen Beziehungen der drei Gastgeberländer ist auch nicht viel zu sehen. Im Gegenteil: Trump spricht wiederholt davon, Kanada zum „51. Bundesstaat“ der USA zu machen und führt einen Handelskrieg mit beiden Nachbarländern. Trotzdem hat der Fifa-Boss einfach mal behauptet: „Die Wahrheit ist, dass es sehr schwierig ist, etwas Negatives an dieser Weltmeisterschaft zu finden.“
Die Fifa erwartet Erlöse von mehr als elf Milliarden Dollar
Die WM 1994 in den USA sorgte für Einnahmen von 235 Millionen Dollar, der Nettogewinn von 100 Millionen Dollar wurde damals zwischen den 24 Teilnehmern und dem lokalen Organisationskomitee aufgeteilt. Jetzt erwartet die Fifa unglaubliche Erlöse von mehr als elf Milliarden Dollar, davon sollen 8,9 Milliarden beim Weltverband hängen bleiben. Beim German House of Soccer reicht eine Registrierung, um reinzukommen. Der Eintritt ist frei.
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