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Hunger in Gaza: Vor allem die Kinder leiden und sterben

Krieg in Nahost

Hunger in Gaza: Die Kinder sterben schnell

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    Vertriebene Palästinenser in einem behelfsmäßigen Zeltlager. Die neue Großoffensive der israelischen Armee setzt den Menschen zu.
    Vertriebene Palästinenser in einem behelfsmäßigen Zeltlager. Die neue Großoffensive der israelischen Armee setzt den Menschen zu. Foto: Jehad Alshrafi, dpa

    Einen Brei aus verdorbenem Mehl und ein paar Linsen gibt es seit Wochen bei Familie Njiim in Gaza-Stadt als einzige Mahlzeit am Tag auf dem Tisch. Vater Mahmoud schien noch Glück zu haben, als Israel Anfang März die internationalen Hilfstransporte nach Gaza gestoppt hatte. Er besaß noch etwas Mehl und ein paar von humanitären Organisationen gespendete Lebensmittel. Seine Familie konnte sich zunächst noch satt essen. Nach drei Wochen waren die genießbaren Vorräte aufgebraucht. Seitdem greifen die Njiims auf Mehl zurück, das längst abgelaufen ist. Jeden Tag wird die ranzige Menge weniger.

    Israel untersagte die Hilfslieferungen der Weltgemeinschaft im März mit der Begründung, die Hamas fülle ihre Kriegskasse mit dem Weiterkauf der Lebensmittel an die Bevölkerung. Die Weltgesundheitsorganisation WHO legte Zahlen zur Ernährungslage vor. Jeder fünfte Einwohner Gazas drohe zu verhungern. Die Versorgung praktisch aller 2,1 Millionen Einwohner mit dem Nötigsten sei nicht mehr gewährleistet.

    87 Lastwagen konnten in den Gazastreifen fahren

    Israel reagierte vor wenigen Tagen vermutlich auf Druck aus Washington. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu lässt nach tagelanger Verzögerung die internationalen Hilfstransporter für eine Woche wieder in den Gazastreifen rollen. 87 Lastwagen mit Gütern wie Mehl, Babynahrung und medizinischem Bedarf waren in der Nacht zum Donnerstag vom Grenzübergang Kerem Schalom losgefahren und erreichten Deir al-Balah und Chan Junis im Süden des abgeriegelten Küstengebiets. Danach soll eine private US-Stiftung die Verteilung der Nahrungsmittel übernehmen. Israel wirft dem UN-Palästina-Hilfswerk UNRWA vor, von der Hamas unterwandert zu sein.

    Netanjahu sprach zum ersten Mal von einer drohenden Hungersnot in Gaza. Sie könnte die im Mai begonnene Großoffensive „Gideons Streitwagen“ gefährden, erklärte der Ministerpräsident - weil dadurch der Rückhalt der internationalen Partner bröckle. Israel werde die Menschen in Gaza deshalb mit einer „Grundmenge an Essen“ versorgen, heißt es in einer Regierungserklärung.

    UN-Nothilfechef Tom Fletcher begrüßte, dass die ersten Lastwagenladungen ausgeliefert seien; sie seien jedoch nur „ein Tropfen im Ozean im Vergleich zu dem, was dringend benötigt wird“, sagte er. Vor Beginn des Gaza-Kriegs waren rund 500 Lkw mit Hilfsgütern pro Tag in den Küstenstreifen gekommen. Frankreich, Großbritannien und Kanada fordern eine Einstellung der Kampfhandlungen Israels und unbegrenzte Hilfslieferungen. Sie drohen Israel mit Sanktionen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verlangte von Israel ebenfalls eine ungehinderte Versorgung der Zivilbevölkerung.

    Vertriebene Palästinenser stellen sich in einem Zeltlager in Gaza-Stadt auf, um gespendete Mahlzeiten aus einer Gemeinschaftsküche zu erhalten.
    Vertriebene Palästinenser stellen sich in einem Zeltlager in Gaza-Stadt auf, um gespendete Mahlzeiten aus einer Gemeinschaftsküche zu erhalten. Foto: Jehad Alshrafi, dpa

    Mahmoud Njiim 28-jährige Frau Rana ist im letzten Drittel der Schwangerschaft. Die Njiims haben bereits drei Kinder. Die Älteste, Sarah, ist neun Jahre alt. Ihre Schwester Zainab ist acht und der Sohn Foton ist vier. Der 30-jährige Vater beschreibt seine Kinder in Textnachrichten auf dem Messengerdienst Whatsapp als schwach und abgemagert. „Ihre Knochen sind deutlich zu erkennen“, erklärt er. Kinder bewegten sich viel und zehrten deshalb schneller aus als Erwachsene, erklärt der Vater. Seine beiden Töchter und der Sohn seien inzwischen schwach und krank durch das verdorbene Essen. Der Vater erzählt, dass er verzweifelt auf die Hilfslieferungen warte.

    Zivilisten in Gaza finden kaum mehr Schutz

    Seine Familie lebt in Gaza-Stadt im Zentrum des Gaza-Streifens. Die Nijiims suchen Schutz in einem Innenraum, während um sie herum die Operation „Gideons Streitmacht“ tobt. Eine Luftoffensive bereitete zunächst den Einsatz von Bodentruppen vor. Die israelische Regierung strebt inzwischen die Einnahme Gazas an. Helfer kommen bei andauerndem Beschuss auf zerstörten Straßen kaum noch zum Ziel. Thorsten Schroer ist für die Berliner Nothilfeorganisation Cadus im Einsatz in Gaza. Sein Team transportiert Schwerverletzte. Früher habe es nach einem Angriff viele Anfragen gegeben. Inzwischen sei das anders. „Oft kommt niemand mehr an Verschüttete heran“, sagt Schroer.

    „Jeder ist hier jederzeit dem Tod ausgesetzt“, schreibt Mahmoud Njiim. Er ist der Cousin des Berliner Influencers Abed Hassan. Hassan erlebte die ersten Kriegswochen in Gaza, bevor das Auswärtige Amt die Ausreise des Deutschen organisierte. Hassan hat den Kontakt nach Gaza hergestellt. Berichte wie die von Mahmoud Nijiim lassen sich nicht überprüfen. Israel und Ägypten verweigern internationalen Journalisten die Einreise nach Gaza. Sie decken sich aber mit den Schilderungen internationaler Helfer in Gaza und den Einschätzungen von UN-Organisationen.

    Die Britin Rachel Cummings arbeitet für die Kinderhilfsorganisation „Save the Children“ in Gaza. Sie schätzt, dass 600 Hilfslaster pro Tag und auf Dauer nötig seien, um die Hungerkrise zu beenden. „Save the Children“ unterstützt die Verteilung von Trinkwasser und Lebensmitteln. Die Organisation unterhält Schutzräume, in denen Kinder zu Ruhe kommen sollen und spielen können. 259 Mitarbeiter meist aus Gaza arbeiten für die Organisation im Kriegsgebiet.

    Das sagen Hilfsorganisationen über die Zustände im Gazastreifen

    Cummings schildert am Telefon die Beobachtungen ihrer Mitarbeiter. Sie erlebten täglich Kinder, deren Bäuche vor Hunger schmerzten und Eltern, die das Leid ihrer Kinder verzweifelt mitansehen müssten. „Sie fühlen sich hilflos, weil sie kein Essen auftreiben können“, sagt Cummings. Infektionen etwa durch verseuchtes Wasser seien für viele Kinder in ihrem geschwächten Zustand lebensbedrohlich. „Sie sterben schnell, wenn sie krank werden“. Abertausende Kinder seien dabei, vor den Augen ihrer Eltern zugrunde zu gehen.

    „Save the Children“ sieht 93 Prozent der Kinder in Gaza von einer Hungersnot bedroht. In Zahlen sind das 930.000. Unter- und Mangelernährung beeinträchtigt in der Entwicklung sich befindende Kinder für den Rest ihres Lebens. Während der Waffenruhe von Januar bis März gab es etwas Hoffnung. Aber die ist jetzt dahin“, sagt Cummings. Von Tag zu Tag werde das angesichts der Kämpfe schwieriger. „Wirklich sichere Ort gibt es in Gaza ohnehin nicht“, sagt Cummings.

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