Herr Engehausen, als Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft sprechen Sie für die Träger der knapp 400 Kliniken im Freistaat. Lange herrschte Angst vor Insolvenzen. Wie ist die wirtschaftliche Lage momentan?
ROLAND ENGEHAUSEN: Wir können nicht ausschließen, dass es weitere Insolvenzen geben wird, aber die ganz große Welle scheint fürs Erste gebrochen. Wir hoffen, dass wir den schlimmsten Punkt der finanziellen Krise der Kliniken hinter uns haben. Im Frühjahr hatten acht von zehn Krankenhäusern rote Zahlen. Mittlerweile scheint sich die Lage etwas zu verbessern.
Was sind die Gründe dafür?
ENGEHAUSEN: Einerseits ist die Zahl der Behandlungen wieder gestiegen, nachdem sich nach der Coronapandemie weniger Patientinnen und Patienten behandeln ließen. Andererseits warten die Kliniken seit Jahren darauf, dass sie einen Ausgleich für die hohen Kosten erhalten, die durch die Inflation und ihre Folgen Löcher in ihre Bilanzen gerissen haben. Nun hat die Bundesregierung als Soforthilfe einen Ausgleich von vier Milliarden für zwei Jahre bis Ende 2026 zugesagt. Die Klinken hoffen, dass sich dadurch ihre finanzielle Lage bis Ende des Jahres verbessert. Vielleicht schaffen es sogar die Hälfte oder mehr Häuser, wieder schwarze Zahlen zu schreiben. Das wäre für uns ein erster Lichtblick. Wenn mehr als die Hälfte rote Zahlen schreibt, haben wir Systemversagen. Wir haben nicht den Anspruch der Pharmaindustrie, zweistellige Renditen zu erzielen. Aber wir brauchen zumindest eine Perspektive auf ausgeglichene Bilanzen für die Mehrheit der Kliniken.
Nun klagen aber die Krankenkassen, dass ihre Ausgaben für Krankenhausfinanzierung um fast zehn Prozent gestiegen sind, und rufen ebenfalls nach Milliardenzuschüssen. Wie kommt das System aus der Krise?
ENGEHAUSEN: Wir haben tatsächlich Probleme, die im System liegen. Die Kliniken kämpfen mit immer komplizierteren Personalvorgaben, steigenden Dokumentationspflichten und zusätzlichen Meldeauflagen. All dies treibt massiv die Kosten hoch, ohne dass sich im Alltag die Versorgung oder die Arbeitsbedingungen verbessern. Nehmen Sie die Personalvorgaben in der Pflege: Die klingen gut, führen aber oft dazu, dass Pflegekräfte aus der Freizeit zurückgeholt werden müssen, obwohl sie eigentlich nicht praktisch gebraucht würden. Das macht die Arbeit teurer, aber nicht unbedingt besser. Viele Kolleginnen und Kollegen empfinden das sogar als Belastung. Wir haben uns in eine Bürokratielogik verrannt, die weder Patienten noch Personal hilft.
Wie könnte das System aus der Bürokratiefalle kommen?
ENGEHAUSEN: Wir bräuchten einen Pakt zwischen Krankenkassen, Krankenhäusern, Patientenschaft und Politik, der klar priorisiert: Wo bringt teurer Zusatzaufwand und der Einsatz von Geld wirklich einen Fortschritt? Wo ist das Geld spürbar für die Patientenversorgung gut investiert? Wir brauchen Lotsenfunktionen für Patienten, damit sie sich nicht im Dschungel des Gesundheitswesens verlaufen. Die Kassen schreiben Defizite, die Kliniken schreiben Defizite. Gegenseitige Vorwürfe helfen nicht. Alle sollten zusammenrücken und gemeinsam nach Lösungen suchen. Die Zeche zahlen sonst die Bürgerinnen und Bürger als Patienten und als Beitragszahler.
Wie viel Geld wird durch zu viel Bürokratie verschwendet?
ENGEHAUSEN: Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte verbringen bis zu drei Stunden am Tag mit Dokumentation. Nicht alles davon ist unnötig, aber sicher die Hälfte. Wenn wir Abläufe vereinfachen, Meldevorschriften reduzieren und Doppelprüfungen vermeiden, sehe ich ein Einsparpotenzial von mindestens fünf Prozent. Rechnet man das auf die Gesamtkosten hoch, reden wir allein hier von rund fünf Milliarden Euro pro Jahr – ohne dass die Patientenversorgung leidet. Im Gegenteil, das Personal hätte mehr Zeit für die Patienten. Die Bundesregierung will die umstrittene Krankenhausreform nachbessern.
Wird die Reform den Kliniken helfen?
ENGEHAUSEN: Wenn ich ehrlich bin, bin ich von dieser Reform der Reform enttäuscht. Wir hätten tatsächlich die Möglichkeit gehabt, eine große Reform zu schaffen, die praxisnah wirkt und Orientierung gibt. Diese Chance wird gerade vertan. Positiv ist sicher, dass die Länder ein Stück mehr Flexibilität bekommen, wenn es um die Planung der Krankenhausversorgung geht. Das war ein wichtiges Entgegenkommen der Bundesregierung. Aber diese Spielräume sind zeitlich eng begrenzt, meist auf drei Jahre –und im Ausnahmefall mit der Option auf sechs. Doch das ist praxisuntauglich, weil die Kliniken längerfristige Planungssicherheit benötigen.
Wo liegt das Problem? Die Regelung soll ja insbesondere Kliniken auf dem Land abseits der Ballungsräume sichern ...
ENGEHAUSEN: Die Klinken müssen wegen neuer Vorgaben bei den sogenannten Leistungsgruppen hochqualifizierte Fachärzte mit Zusatzweiterbildungen einstellen. Man finde aber solche Medizinerinnen oder Mediziner in der Realität nicht, wenn der Klinikstandort oder die Abteilung nur für drei Jahre gesichert ist. Solche Spezialisten suchen langfristige Perspektiven. Die Unsicherheit durch die Krankenhausreform führt dazu, dass Ärzte sich frühzeitig umorientieren. So verspielt man Vertrauen und Stabilität.
Mit der Krankenhausreform soll den Kliniken mit der sogenannten Vorhaltefinanzierung ein Grundbetrag zur Verfügung stehen, damit sie nicht nur tatsächliche Behandlungen abrechnen können, sondern auch Geld für das Bereithalten der medizinischen Versorgung. Hilft dieses Modell, die Versorgung sicherzustellen?
ENGEHAUSEN: Die in der Reform beschlossene Vorhaltefinanzierung ist und bleibt ein Etikettenschwindel, da diese vermeintliche Grundfinanzierung auch künftig rein von Fallzahlen abhängt, wie die bisherigen Fallpauschalen. Hier wird zusätzlich ein Bürokratiemonster geschaffen, das nicht nur kleine Krankenhäuser verrückt macht, sondern alle – auch die großen Maximalversorger und Universitätskliniken. Je komplexer das Leistungsangebot eines Hauses ist, desto größer ist die Gefahr, dass irgendein Bereich durch Abrechnungsverbote oder neue Vorhaltezahlen und komplexe Berechnungen ins Leere läuft.
Wird die Reform über viele Jahre zur Dauerbaustelle?
ENGEHAUSEN: Den Kliniken bringt die Reform Unsicherheit und das ist das Schlimmste, was man einem Krankenhausbetrieb, der ja von den Menschen lebt, antun kann. Wir brauchen Verlässlichkeit – für Patienten, für Mitarbeitende, für langfristige Personalentscheidungen. Stattdessen haben wir ein Versuchslabor, in dem mit Abrechnungsmodellen experimentiert wird. Die Regelungen sind so kompliziert, dass nicht einmal Fachleute durchblicken. Wir steuern auf eine Situation wie im Steuerrecht zu, dass nur noch große Konzerne mit Spezialabteilungen von komplizierten Regelungen profitieren können. Die Vorhaltefinanzierung gehört komplett zurück auf den Entwicklungstisch, nicht nur aufgeschoben. Das Hemd ist von Anfang an falsch geknöpft und es hat noch dazu viel zu viele Knöpfe. Deshalb muss man zurück auf Anfang. Der von Karl Lauterbach hinterlassene Reformwust ist aber auch für Politiker kaum durchschaubar. Das ist das Tragische: Wir steuern sehenden Auges auf eine Reformgesetzgebung zu, die in der Praxis nicht funktioniert, und keiner traut sich derzeit, den Reset-Knopf zu drücken.
Zur Person: Roland Engehausen ist seit fünf Jahren Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft, dem Zusammenschluss der Klinikträger. Zuvor war er Vorstandsvorsitzender der Krankenkasse IKK Südwest.
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