Startseite
Icon Pfeil nach unten
Politik
Icon Pfeil nach unten

Israel-Gaza-Krise spaltet linke Szene und entfacht Gewaltdebatte

Sicherheit

Streit um Israel und Gaza: Wenn Linksextremisten mit Islamisten gegen Linksextremisten marschieren

  • |
  • |
  • |
  • |
    An Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg, wie hier in Berlin, nehmen häufig auch Linksextremisten Teil. Doch in Leipzig halten Teile der linken Szene fest zu Israel. Das sorgt für heftige Konflikte.
    An Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg, wie hier in Berlin, nehmen häufig auch Linksextremisten Teil. Doch in Leipzig halten Teile der linken Szene fest zu Israel. Das sorgt für heftige Konflikte. Foto: Annette Riedl, dpa

    Wo der „Feind“ steht, ist im linksalternativen Leipziger Stadtteil Connewitz normalerweise klar: rechts. Vor zehn Jahren hatte ein Mob aus Neonazis und Hooligans das Viertel überfallen, mit Eisenstangen und Äxten Anwohner verletzt, Läden und Imbissbuden verwüstet. Wohl auch als Reaktion darauf gründete sich die militante „Hammerbande“, ein Teil dieser linksextremistischen Schlägertruppe steht derzeit vor Gericht. Den Angeklagten wird vorgeworfen, mit Hämmern und Handbeilen auf mutmaßliche Rechtsextreme losgegangen zu sein und dabei deren Tod in Kauf genommen zu haben. Nun droht Leipzig erneut eine Eskalation des Hasses, bei der Rechtsextreme indes nur eine Nebenrolle spielen.

    Nach dem mutmaßlich von Linksextremisten verübten Brandanschlag, der die Bewohner mehrerer Berliner Stadtviertel bei klirrender Kälte tagelang ohne Strom zurückließ, hatten die Behörden angekündigt, diese Szene künftig genauer in den Blick zu nehmen. Gelegenheit dazu dürfte sich an diesem Samstag in Leipzig bieten, wo mehrere, teils gewaltaffine linksextremistische Gruppen klären wollen, wer die „wahren Antifaschisten“ sind. Die Gretchenfrage lautet dabei: Wie hältst du’s mit Israel?

    Extremismusforscher: Durch Leipzig verläuft eine Grenze

    Der Extremismusforscher Hendrik Hansen von der Hochschule des Bundes für Öffentliche Verwaltung sagt unserer Redaktion: „In Leipzig zeigt sich wie unter einer Lupe die Zerrissenheit der linksextremistischen Szene, wenn es um Israel geht. Beide Lager, sowohl das antiisraelische, als auch das mit Israel solidarische, sind hier stark vertreten.“ Durch die Sachsen-Metropole verlaufe eine regelrechte Grenze: „Im nordöstlichen Teil der Stadt haben sich antiisraelische Linksextremisten mit migrantisch geprägten Gruppen verbündet, darunter türkische und palästinensische Linksextremisten sowie Islamisten.“

    In Connewitz dagegen dominiere die sogenannte „antideutsche“ Szene, so Hansen. Diese Strömung sei im Kontext der deutschen Wiedervereinigung entstanden, aus Sorge, Deutschland könnte als Großmacht erstarken und die Verbrechen des Nationalsozialismus wiederholen. Der Experte: „Daraus abgeleitet wurde eine starke Solidarität mit Israel als Land und als Schutzraum der Holocaust-Überlebenden.“ Innerhalb der linksextremistischen Szene ist diese Haltung inzwischen massiv unter Druck geraten. Auch in Leipzig gibt es diverse Gruppierungen, die sich kompromisslos an der Seite Palästinas sehen und die „Antideutschen“ dafür angreifen, dass sie die aktuelle Gewalt in Nahost auf die blutigen Massaker der Hamas-Terroristen an israelischen Zivilisten zurückführen.

    Als die Linken sich auf Moskaus Befehl von Israel abwandten

    Die Gruppe „Handala“, vom Verfassungsschutz als extremistisch und antisemitisch eingestuft, hat gemeinsam mit dem „Palästina-Aktionsbündnis“ und der „Migrantifa“ zur Demonstration gegen das vermeintlich „pro-israelische“ Spektrum aufgerufen. Neu seien die Sympathien zwischen Linksextremisten und Islamisten nicht, erklärt Hansen: „Die Gründung Israels war ursprünglich von Linken weltweit begrüßt worden, auch weil in den Kibbuzim neue sozialistische Projekte gesehen wurden. Nach dem Sechstagekrieg 1967, bei dem Israel einen Angriff seiner arabischen Nachbarn zurückschlug, wandte sich die Sowjetunion den Arabern zu. Für die moskautreuen Linken weltweit hatte Israel nun als aggressive, imperialistische Kolonialmacht und amerikanischer Vorposten zu gelten.“ Palästinensische Terroristen lehrten RAF & Co in ihren Ausbildungslagern den Umgang mit Bomben und Maschinenpistolen, es gab Kooperationen bei Anschlägen mit zahlreichen Todesopfern. Und das „Pali-Tuch“ wurde zum linken Lieblings-Accessoire.

    In der aufgeheizten Lage nach dem Hamas-Terror gegen Israel und der folgenden Militäraktion in Gaza hat sich der links-islamistische Schulterschluss erneuert, bei Aufmärschen bleibt es oft nicht bei fanatischen Parolen. „Wie wir etwa bei sogenannten Pro-Palästina-Demonstrationen in Berlin sehen, besteht im israelfeindlichen Lager ein sehr hohes Gewaltpotenzial“, warnt Hansen.

    Konflikt geht mitten durch die Linksparte

    Der Leipziger Konflikt geht mitten durch die Linkspartei: Die Palästina-Linken wollen am Büro von Juliane Nagel vorbeimarschieren, die Landtagsabgeordnete gilt als Streiterin gegen Antisemitismus. Nam Duy Nguyen, zweiter Leipzig-Linker im Landtag, stellte dagegen bislang seine Räume einer Palästina-Gruppe zur Verfügung. „In der Partei Die Linke sind die israel-solidarischen Kräfte längst in die Defensive geraten“, sagt Experte Hansen.

    Noch brisanter wird die Lage dadurch, dass auch die rechtsextremen „Freien Sachsen“ sich am Protest in der verhassten Linken-Hochburg beteiligen wollen – aufseiten der Palästina-Fraktion. Die örtliche Polizei rechnet mit dem Schlimmsten und hat sich vorsorglich mit mehreren auswärtigen Einsatzhundertschaften verstärkt.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 2 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren