Giuseppe V. trägt eine schwarze Winterjacke, eine schwarze Kappe und eine schwarze Maske über dem Gesicht. „Waren sie in Sarajevo?“, will ein Reporter vor dem Justizpalast in Mailand von ihm wissen. Ein anderer sagt: „Sagen sie doch etwas, um sich selbst zu entlasten!“ V. aber schweigt. Am Montag wurde der 80-Jährige in Mailand von den Ermittlern der Staatsanwaltschaft vernommen.
Die Vorwürfe sind ungeheuerlich. Der frühere Lkw-Fahrer wird verdächtigt, zwischen 1992 und 1994 an sogenannten Menschen-Safaris während des Bürgerkriegs in Bosnien teilgenommen zu haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Mord aus niederen Beweggründen gegen mutmaßlich beteiligte Italiener, die als „Wochenend-Scharfschützen“ in Sarajevo auf wehrlose Männer, Frauen und Kinder schossen.
30 Jahre nach Bürgerkrieg: Mann weist die Vorwürfe zurück
V. ist umringt von Journalisten, sein Begleiter zieht ihm die Kappe noch weiter ins Gesicht, damit der 80-Jährige auf Fotos und Videos nicht zu erkennen ist. Doch dafür ist es zu spät. Zeitungen und Onlineplattformen sind voll von Berichten über das Verhör. Die italienischen Medien veröffentlichen Vor- und Nachnamen des 80-Jährigen, seinen genauen Wohnort in Nordostitalien. Die Carabinieri führten dort eine Hausdurchsuchung fest.
Sollte der alte Mann, angeblich begeisterter Jäger und bekennender Faschist, nichts mit den Vorwürfen zu tun haben, ist zumindest sein Bild in der Öffentlichkeit zerstört. Sein Mandant habe ihm den Auftrag gegeben, alle Maßnahmen zum Schutz seines Rufes zu prüfen, sagt V.s Anwalt Giovanni Menegon. V. sei an den Taten „absolut unbeteiligt“ gewesen, das habe er auch den Ermittlern erklärt.
Taten liegen viele Jahre zurück
Die Aufgabe der Mailänder Staatsanwälte Marcello Viola und Alessandro Gobbis ist groß. Auf der einen Seite steht der ungeheuerliche Vorwurf im Raum, Italiener und Angehörige anderer westlicher Nationen, darunter auch Deutschland, hätten Mitte der 1990er Jahre aus Spaß Jagd auf unschuldige Menschen, darunter Kinder, gemacht. Bei der Belagerung von Sarajevo zwischen 1992 und 1996 wurden rund 11.000 Menschen getötet.
Auf der anderen Seite liegen die Taten mehr als 30 Jahre zurück. Der Vorwurf gegen V. soll sich etwa auf die Aussage einer ehemaligen Kollegin des Lkw-Fahrers stützen, der wiederum ein anderer Kollege vor etwa 15 Jahren erzählt haben soll, wie sich V. seiner Menschen-Safaris in Sarajevo brüstete. Um einen Beweis handelt es sich dabei sicher nicht.
Einheimische haben für Tötung von Kindern bezahlt
Die Ermittler haben Berichten italienischer Medien zufolge rund zehn Verdächtige genauer im Visier. Darunter sollen ein Bankier aus Triest, ein Turiner, ein Mailänder sowie ein ehemaliger Gebirgsschütze und Ex-Mitglied der UN-Friedenstruppe Unprofor sein. Gesucht werden Hinweise, Namen, Zeugenaussagen, aber auch alte Flugtickets oder Belege für Grenzübertritte. Offenbar war Triest eine Art Drehscheibe für die Trips, die über Belgrad nach Sarajevo führten. Dort beschossen Mitglieder der Armee der bosnischen Serben des 2019 verurteilten Kriegsverbrechers und Serbenführers Radovan Karadžić die Stadt.
Als erstes sollen Einheimische für die Tötung von Kindern und Erwachsenen bezahlt haben. Das berichtet die bosnische Journalistin Mensura Burridge. „Dann trafen nationalistische Gruppen aus Griechenland, Bulgarien, der Ukraine, Russland und Weißrussland ein. Erst später kamen Scharfschützen aus westlichen Ländern, darunter Briten, Deutsche und Italiener“, berichtet Burridge. Ausgelöst hatte die Ermittlungen der italienische Journalist Ezio Gavazzeni mit einer detaillierten Anzeige im vergangenen Jahr. Er beruft sich unter anderem auf Berichte des bosnischen und italienischen Geheimdienstes.
An der Anzeige war auch die italienische Kriminologin Marina Radice beteiligt. Sie sprach von einer „sehr großen Anzahl“ beteiligter Italiener, „sicherlich über hundert“. Aber auch Täter aus anderen westlichen Länder seien zum Töten nach Sarajevo gekommen, darunter aus Frankreich, England, Spanien und den USA. Über Täter aus Österreich gibt es bisher keine Informationen. „Es handelte sich um Personen mit extrem hohen, sicherlich überdurchschnittlichen wirtschaftlichen Ressourcen aus den oberen Gesellschaftsschichten und deren gemeinsamer Nenner vor allem die Leidenschaft für die Jagd war“, sagte Radice im Interview mit fanpage.it. Auf die Frage nach einem Motiv für die Tötungen Unschuldiger antwortete die Kriminologin: „Im Kern ging es um den Adrenalinrausch. Es war schlicht und einfach die Lust am Töten.“
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