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Julia Ruhs und die Kontroverse um „Klar“: Alle mal wieder abregen!

Kommentar

Alle mal wieder abregen! Die Debatte um Julia Ruhs ist befremdlich

Daniel Wirsching
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    Julia Ruhs erhielt für das Format „Klar“ sehr viel Lob – und sehr viel Kritik.
    Julia Ruhs erhielt für das Format „Klar“ sehr viel Lob – und sehr viel Kritik. Foto: Jann Wilken, NDR

    Die BR-Moderatorin und Focus-Kolumnistin Julia Ruhs darf künftig nicht mehr die umstrittene BR/NDR Sendung „Klar“ präsentieren – zumindest nicht im NDR. Der BR hält weiter an ihr fest. Dass diese Personalie umgehend zum Politikum werden würde, war klar. Die Journalistin ist zu einer Projektionsfläche geworden, wie das Medienjournalist Stefan Niggemeier vor einigen Wochen schon treffend analysierte: Ihr publizistischer Erfolg beruhe auf einer problematischen Polarisierung, innerhalb derer sie sich als Heldin und Feindbild gleichzeitig anbiete.

    Seit der am Mittwoch öffentlich gemachten Sender-Entscheidung steht Ruhs erst recht im Zentrum einer nicht mehr enden wollenden Debatte, die auch dieses Mal wenig überraschend erschreckend ideologisch, polemisch und vereinfachend geführt wird. Wieder einmal also geht es um „links“ gegen „rechts“ und umgekehrt. Wieder einmal geht es um „Cancel-Culture“, wieder einmal um (etablierte) Medien, insbesondere den öffentlich-rechtlichen Rundfunk – ob er die Breite der Gesellschaft angemessen repräsentiert und ob man ihm noch trauen kann. Gerade im Falle Ruhs jedoch sind das einige Umdrehungen zu viel.

    Ist da eine Journalistin mit konservativeren Ansichten unerwünscht?

    Dazu trägt sie selbst bei, wenn sie von Intrigen gegen sie durch „linkere Redakteure im NDR“ raunt. Oder von einer politischen Einflussnahme durch SPD und Grüne. In einem Interview sagte Ruhs, es sei von diesen die Ansage gemacht worden: „Meinungsvielfalt ist schön und gut – aber wir bestimmen, wo sie aufhört“. Das Narrativ: Sie, als Journalistin mit konservativeren Ansichten, sei unerwünscht.

    Problematisch an all dem ist so einiges. Nicht zuletzt, dass der NDR seine Entscheidung bislang auch auf Anfrage nicht begründet hat, während der BR auf „die ermutigenden Werte der Medienforschung zu Inhalten und Präsentation“ hinwies. 63 Prozent der Befragten hätten „Klar“ in einer Online-Studie die Schulnote 1 oder 2 gegeben. Das Format bediene den „Wunsch nach Meinungsvielfalt sowie klarer Haltung“.

    Der letzte Satz veranschaulicht eindrucksvoll das Problem, ja die Misere: „Klar“ ist ein Reporter-Magazin. Als Reporter-Magazin allerdings sollte es den entsprechenden Journalismus bieten, nicht ein Potpourri aus Meinungen, das die Meinungen eines offenkundig avisierten „rechten“ Publikums zu bestätigen sucht. Derartiges ist fatal – und das ist eine Kritik, die genauso auf ein (vermeintlich rechtes) Format wie „Klar“ als auch auf ein (vermeintlich linkes) Format wie „Monitor“ angewendet werden muss. Es muss um Journalismus gehen, nicht um Haltungsnoten im Meinungskampf.

    In diesen Zeiten der Gereiztheit braucht es eine klare Trennung von Bericht und Kommentar

    Das nämlich führt zu Polarisierungen und Spaltungen. Es führt zu persönlichen gegenseitigen Vorwürfen, zu einer toxischen Emotionalisierung. Es führt weg vom Journalismus und der klaren Trennung von Bericht und Kommentar. Es ist diese Trennung, die in Zeiten großer Gereiztheit wichtiger denn je wäre. Weil sie zu einer Versachlichung beiträgt. Demnach ist es auch alles andere als eine gute Idee, die angeblich „guten alten Zeiten“, in denen sich zum Beispiel bei „Frontal“ Bodo H. Hauser und Ulrich Kienzle wie Parteipolitiker von CDU und SPD zofften, aufleben zu lassen. Julia Ruhs, die da eine Lücke füllen soll, ist und muss auch keine Sigmund Gottlieb-Nachfolgerin sein.

    Für die Kritik an journalistischen Angeboten ist es dagegen bitter nötig, diese endlich wieder an journalistischen Maßstäben zu bemessen. Und zu denen sollten vollkommen selbstverständlich Ausgewogenheit und eben eine klare Trennung von Bericht (samt Einordnungen) und Kommentar zählen. Auf dieser Ebene kann man etwa der ersten Ausgabe von „Klar“ mit dem Titel „Migration: Was falsch läuft“ Einseitigkeit und einen Mangel an Differenzierung vorwerfen sowie einen raunenden Ton. Das begann bereits mit der Anmoderation von Ruhs: „Was jetzt kommt, wird vielleicht nicht jedem gefallen.“ Es setzte sich fort in einem Duktus, der vorgab, man berichte über Themen, über die sonst nicht – in dieser Klarheit – berichtet würde.

    Warum Ruhs „Klar“ nicht auch künftig im NDR moderieren darf, ist nicht nachvollziehbar

    Ein solche Kritik heißt nicht, dass das Format nicht seine Berechtigung hätte oder gar zu verteufeln wäre. Es ist, wie Ruhs, auch nicht „ein bisschen rechtsextrem“. Es ist ein völlig legitimes journalistisches Angebot, das man als gelungen oder misslungen bewerten kann. Nicht mehr, nicht weniger. Warum Julia Ruhs es nicht auch künftig im NDR moderieren darf, ist nicht nachvollziehbar und unverständlich.

    Und was den Umgang mit Meinungen angeht: Die muss man aushalten können – gleich, aus welcher Richtung sie kommen.

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