Im Physikunterricht ist die Weg-Zeit-Funktion noch eine der leichteren Aufgaben. Zwei Züge fahren mit einer bestimmten Geschwindigkeit aufeinander zu – wann und wo treffen sie sich? Komplizierter wird es, wenn beide Züge auf dem gleichen Gleis unterwegs sind. Welcher Lokführer bremst wie stark, wie hart ist der Aufprall noch und welche Schäden richtet er im schlimmsten Fall an?
Im Streit um den Weiterbetrieb der letzten Atomkraftwerke sitzen FDP-Chef Christian Lindner und Wirtschaftsminister Robert Habeck in den Cockpits der beiden noch ungebremsten Züge – und der Mann im Stellwerk, in diesem Fall Olaf Scholz, hat bisher nichts unternommen, um deren Zusammenstoß zu verhindern. Als ginge sie das alles gar nichts an, halten der Kanzler und die SPD sich bisher aus einem Konflikt heraus, in dem es um nicht weniger geht als die Energieversorgung einer der größten Volkswirtschaften der Welt. Zwar hat Scholz schon im Sommer angedeutet, dass auch er sich eine Verlängerung der Reaktorlaufzeiten vorstellen kann. In welchem Umfang allerdings lässt er bis heute im Unklaren. Wer aber, wenn nicht der Kanzler und die größte Regierungspartei, sollten in einer derart elementaren Frage den Takt vorgeben. Hat Scholz nicht gesagt, wer bei ihm Führung bestelle, der bekomme sie auch?
Kanzler und SPD überlassen den Atomstreit den anderen Ampel-Parteien
Faktisch überlassen die Sozialdemokraten und ihr Regierungschef die Debatte über die Atomkraft den Grünen und der FDP. Motto: Sollen die sich doch einigen. Darauf zu warten und zu vertrauen aber wäre angesichts der Probleme ein politischer Drahtseilakt, zu unkontrolliert sind die beiden Züge noch unterwegs, zu groß die Unterschiede in den Positionen. Die FDP hat die Frage nach den Laufzeiten viel zu spät streitig gestellt, bis heute nicht nach Verbündeten in der SPD gesucht und steht nach der vermasselten Niedersachsenwahl nun noch mehr unter Druck. Die Grünen halten dafür umso verbissener an ihrem Nein zur Atomkraft fest, als lehre die aktuelle Situation nicht genau das Gegenteil.
Wer aber sollte diese Widersprüche auflösen, wenn nicht der Bundeskanzler? Der Mann, den das Grundgesetz verpflichtet, die Richtlinien der deutschen Politik zu bestimmen und die Verantwortung für sie zu tragen. Eine Linie für einen möglichen Kompromiss könnte etwa so aussehen, dass neben den beiden Reaktoren in Ohu bei Landshut und Neckarwestheim auch der in Lingen im Emsland bis zum Frühjahr am Netz bleibt und die Koalition bis Jahresende dann im Lichte der aktuellen Situation entscheidet, ob noch eine weitere Verlängerung oder gar der Kauf neuer Brennstäbe nötig ist.
Koalitionen sind schon an kleineren Herausforderungen zerbrochen
Sollten die Grünen auf ihrem kategorischen Nein dazu bleiben, wird Scholz auch das vermeintlich Undenkbare denken müssen – ob eine andere Koalition in dieser Krise nicht besser für das Land wäre als eine, deren Fliehkräfte bereits bedrohliche Züge annehmen. Noch ist die Ampel weit von einem Bruch entfernt, die Sehnsucht jedoch, dass sich in schwierigen Zeiten die großen Parteien zusammentun und das Land gemeinsam aus der Krise führen, ist seit jeher groß in Deutschland – und die Arbeit von Union und SPD in der Finanzkrise ein gutes Argument dafür. Koalitionen sind schon an kleineren Fragen als der zerbrochen, ob ein Land sehenden Auges in eine schwere Rezession schlittert.
Nur eine Frage müsste die Union im Falle eines Falles noch beantworten: Könnte Friedrich Merz als Vizekanzler unter Scholz arbeiten oder ist das Ego des CDU-Vorsitzenden zu groß dafür?