Es ist der Klassiker aus dem Arbeitsleben: Man hat eine gute Idee und will sie umsetzen, doch dann redet der Chef dazwischen. Das Unternehmen ist in diesem Fall die Deutsche Bahn, der Chef des staatseigenen Konzerns die Bundesregierung, die schon jeden DB-Vorstandsvorsitzenden zermürbt hat. Jetzt hat es Richard Lutz erwischt, von dem es zum Beginn seiner Amtszeit noch hieß: „Keiner kennt die Deutsche Bahn so gut wie Herr Dr. Lutz.“
Der Geschasste war nie der große Kommunikator wie etwa Hartmut Mehdorn, der den Begriff „Bahnchef“ prägte und im Konzern, aber auch in Talkshows und Nachrichtensendungen wortgewandt und stilsicher auftrat. Lutz arbeitete im Hintergrund und dass ihm da keine sichtbaren Erfolge gelungen sind, hat ihm jetzt eine Fahrkarte in den Ruhestand eingebracht. Dabei war Lutz nicht schlechter als seine Vorgänger, die ihm bereits einen riesigen Schuldenberg und marode Konzernstrukturen vererbten.
Verkehrsminister Schnieder muss jetzt liefern
(CDU) verkauft die Personalie als großen Coup. Allerdings hatte man solch eine Entscheidung schon von seinen Vorgängern Volker Wissing und Andreas Scheuer erwartet. So ganz mutig, wie Schnieder gerade tut, ist der Schritt also nicht. Womöglich war es noch nicht einmal seine Entscheidung. Schnieder kann peinlicherweise noch keinen Nachfolger oder eine Nachfolgerin nennen - das könnte darauf hindeuten, dass Lutz selbst entnervt hingeschmissen hat.
Die Politik hat es immer wieder verstanden, den Vorstandsvorsitzenden in den Mittelpunkt der allgemeinen und durchaus berechtigten Kritik an der Deutsche Bahn zu stellen. Züge zu spät? Bahnhöfe zu dreckig? Ständig nur Miese? Der Bahnchef war schuld. Dabei hatten Lutz und seine Vorgänger genau mit den Problemen zu kämpfen, über die andere Konzernchefs auch klagen: Hohe Energiekosten, überbordende Bürokratie, Fachkräftemangel. Dinge also, die von der Politik zu verantworten sind.
Mehdorn, Grube, Lutz und die vor ihnen waren keine unerfahrenen Manager. Sie alle hatten das, was den meisten der wechselnden Politiker, die für die Bahn zuständig sind, fehlt: Ahnung. Schnieder kann jetzt zeigen, dass er die Bahn verstanden hat. Man darf gespannt sein, wen er für das Führerhaus des maroden Konzerns gewinnen kann und wie seine Bahnreform aussieht, die er am 22. September vorstellen will. Deren Titel „Agenda für zufriedene Kunden auf der Schiene“ jedenfalls klingt wenig vielversprechend einmal wieder eher nach Vertrösten denn nach Zupacken.
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