Mit jedem Tag, den der Krieg in der Ukraine dauert, mit jeder wirtschaftlichen Härte, die sie ihren eigenen Bürgern zumuten müssen, wächst der Druck auf die internationale Gemeinschaft, den Konflikt im Osten Europas zu beenden. Erst kürzlich veröffentlichten deutsche Philosophen, Journalistinnen und Schriftsteller in der Wochenzeitung Die Zeit einen offenen Brief, in dem sie eine rasche diplomatische Lösung forderten.
Nun kontern 22 Wissenschaftler und Militärs mit einer Replik in der FAZ und warnen vor zu großen Hoffnungen auf eine diplomatische Lösung. Sie fordern stattdessen eine noch stärkere militärische Unterstützung der Ukraine. Zu den Unterzeichnern der Stellungnahme, die unserer Redaktion vorliegt, gehören die Professoren Carlo Masala, Sönke Neitzel, Joachim Krause und mehrere frühere Generäle der Bundeswehr. Sie schreiben: „Auf keinen Fall darf die Souveränität und Freiheit anderer Völker Gegenstand westlicher Verhandlungsangebote sein. Die Bundesregierung sollte ihre mittel- und langfristigen Erwartungen und Ziele verdeutlichen und besser kommunizieren, auf was sie sich vorbereitet. Notwendig ist eine stringente, nachvollziehbare Strategie, die öffentlich vermittelt wird.“ Viele hätten immer noch nicht verstanden, dass der durch Russland ausgelöste Krieg eine fundamentale Bedrohung der europäischen Sicherheit bedeute. Nur ein Misserfolg der russischen Truppen verschaffe der westlichen Politik die Chance, Einfluss zu nehmen auf die weitere Entwicklung. Anders als von vielen angenommen, gehen die Sicherheitsexperten nicht davon aus, dass der Überfall auf das Nachbarland so etwas wie eine spontane Reaktion war. „In unserer Lageeinschätzung gehen wir davon aus, dass der Angriffskrieg Russlands mehrere Jahre systematisch geplant und vorbereitet worden war“, so die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner des Briefes.
Russland könnte einen langen Abnutzungskrieg führen
Allerdings sei der Überfall auf die Ukraine bislang alles andere als erfolgreich verlaufen. Nur durch den unablässigen Einsatz von Artillerie sei es Russland gelungen, zumindest geringe Geländegewinne zu erzielen. „Die Gefahr besteht, dass Russland versucht, in einem lang andauernden Abnutzungskrieg die Oberhand zu bekommen. Diese Strategie kann nur aufgehen, wenn es Russland gelingt, die westliche Unterstützung für die Ukraine zu schwächen, etwa indem durch das Herunterfahren der Erdgasversorgung eine Rezession – vor allem in Deutschland – ausgelöst wird. Diese Gefahr muss heute benannt und angegangen werden“, so die Experten.
Ihr Rat: Der Westen müsse die Ukraine weiter militärisch und wirtschaftlich massiv unterstützen. „Die enorme Abnutzung der russischen Berufsarmee dürfte erst nach einigen Jahren wieder behoben sein“, glauben die Fachleute. Deshalb würden die nächsten Jahre auch für die westlichen Gesellschaften sehr schwierig, die Politik müsse die sozialen und wirtschaftlichen Folgen abmildern.
Lage in der Ukraine: Angriff auf Großstadt Winnyzja
Unterdessen sind bei russischen Raketenangriffen in der Ukraine erneut zahlreiche Zivilisten und Soldaten getötet worden. Im Zentrum der Großstadt Winnyzja ist Behördenangaben zufolge ein Bürozentrum getroffen worden. Zwölf Menschen seien ums Leben gekommen, weitere 90 seien verletzt worden, teilte der Vizechef des Präsidentenbüros, Kyrylo Tymoschenko, mit. Die jüngsten Luftschläge haben laut Moskau die Ukrainer bis zu 1000 Soldaten und mehr als 100 Militärfahrzeuge und Waffensysteme gekostet. Kiew seinerseits startete erneut vereinzelte Gegenangriffe zur Rückeroberung von Gebieten.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj reagierte auf den Raketenangriff umgehend: „Was ist das, wenn nicht ein offener terroristischer Akt?“, schrieb er im Nachrichtendienst Telegram. Russland töte jeden Tag Zivilisten. „Unmenschen. Mörderstaat. Terrorstaat“, schrieb Selenskyj. Russland betont seit dem Einmarsch in die Ukraine immer wieder, im Nachbarland nur militärische Ziele anzugreifen.