Es lief nicht gut für die ukrainische Armee in den vergangenen Monaten. Zwar ist Russland auch drei Jahre nach Kriegsbeginn noch weit von einem bequemen Durchmarsch entfernt, doch die mit hohem Blutzoll eroberten Gebiete will sich der Kreml nicht mehr aus der Hand nehmen lassen. Einschließlich der bereits 2014 annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim kontrolliert Russland inzwischen etwa 20 Prozent des ukrainischen Gebiets. Nur mithilfe seiner Verbündeten konnte der Präsident Wolodymyr Selenskyj sich gegen den Aggressor zur Wehr setzen. Doch seit US-Präsident Donald Trump in dieser Woche die Unterstützung für die Ukraine ausgesetzt hat, wächst deshalb die Sorge, wie lange das Land noch durchhalten kann.
Zwar wollen die Europäer auf ihrem Gipfel an diesem Donnerstag ein Zeichen setzen, ausgleichen können sie das US-Engagement aber kaum. Einer Aussage Selenskyjs zufolge stammen derzeit fast 40 Prozent der in der Ukraine eingesetzten Waffen aus den USA, weitere knapp 30 Prozent aus europäischen Staaten. „Die Vereinigten Staaten belieferten die Ukraine mit Artilleriemunition, Panzerfahrzeugen, gezogenen Haubitzen, Patriot-Flugabwehrbatterien sowie Raketen- und Flugkörpersystemen mit großer Reichweite wie HIMARS und ATACMS – viele davon sind hochentwickelte Systeme, die nur die Vereinigten Staaten liefern können“, schreibt das Institut für Kriegsstudien (ISW) in seinen regelmäßigen Analysen. Unklar ist allerdings, welche einzelnen Waffenlieferungen aktuell angestanden wären und deshalb vom Stopp betroffen sind.
Front könnte sich zugunsten Russlands verschieben
„Ich denke die Auswirkungen an der Front werden vermutlich erst einmal nicht so dramatisch sein, aber im Laufe der Monate wären die Ukrainer vermutlich gezwungen, mehr Territorium aufzugeben“, sagt Joachim Krause, ehemaliger Direktor am Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel (ISPK). Der Frontverlauf ist vor allem dann von Bedeutung, wenn der Krieg entlang der Kampflinien eingefroren werden soll. Konkret könnte Russland zudem nun lange anvisierte Ziele wie die Städte Pokrowsk, Tschassiw Jar und Kupjansk erobern.
Schon einmal hatten die USA im vergangenen Jahr Hilfszahlungen für Kiew blockiert – damals wurde vor allem die Munition in der ukrainischen Armee knapp, die Ukraine verlor an der Front Gebiete. Die Europäer konnten ihr Versprechen, schnell mehr Artillerie-Munition zu liefern, nicht einhalten. Inzwischen hat es die Ukraine selbst geschafft, die eigene Produktion hochzufahren. „Und auch die Europäer sind deutlich besser aufgestellt als noch vor einem oder zwei Jahren“, sagt Krause. Rheinmetall etwa wolle dieses Jahr 700.000 Stück Artilleriemunition herstellen, das wäre das Zehnfache dessen, was die Firma vor drei Jahren produzieren konnte. „Auch die EU bemüht sich, mit einem Sonderprogramm die Munitionsherstellung in mehreren Staaten hochzufahren“, sagt Krause. „Dadurch werden die Handlungsspielräume für die Europäer größer, den Ukrainern auch ohne USA zu helfen, besonders an der Front.“
Stellt Trump der Ukraine keine Aufklärungsdaten mehr zur Verfügung?
Kritischer dürfte der Blick auf die Flugabwehr sein. Hier setzt die Ukraine derzeit auf die amerikanischen Patriot-Systeme. Auch deshalb schlägt Kiew nun vor, dass Moskau als Zeichen des Friedenswillens seine täglichen Luftschläge einstellt. „Russland muss den täglichen Beschuss der Ukraine sofort einstellen, wenn es wirklich ein Ende des Krieges will“, schreibt der Leiter des Präsidentenbüros, Andrij Jermak, bei Telegram. Auch Selenskyj schlägt als ersten Schritt hin zu einer Friedenslösung einen beiderseitigen Waffenstillstand bei Angriffen aus der Luft und von der See vor.
Von großer Bedeutung könnte für die Ukraine zudem sein, ob und in welchem Umfang von dem Hilfsstopp auch der Zugang zu Aufklärungsdaten der USA und die Nutzung von Starlink gehören. „Sollten die Amerikaner diese Hilfestellung nicht mehr leisten, hätte das für die Ukrainer erhebliche Nachteile, die wir Europäer nicht ausgleichen könnten“, sagt Krause. Offensichtlich bestätigt sich zumindest eine Sorge: Die Bereitstellung von Geheimdienstinformationen an Kiew wird laut CIA vorerst ausgesetzt. Die Aufklärungsdaten sind für die ukrainische Armee wichtig, weil sie so Präzisionsschläge hinter der Frontlinie auf Logistikhubs und Stäbe der russischen Armee vornehmen kann. Auch die ukrainische Flugabwehr ist stark auf US-amerikanische Daten, beispielsweise über Raketenstarts und in der Luft befindliche strategische Bomber Russlands angewiesen. Hinter Starlink wiederum verbirgt sich ein System des Trump-Beraters Elon Musk. Es sichert die Internetverbindung per Satellit. Finanziert wird der Betrieb von etwa 25.000 Starlink-Terminals derzeit durch Polen. Ein europäisches Satellitensystem („Iris 2“) ist erst im Aufbau. (mit dpa)
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