Ja, ja, Cem Özdemir ist gar kein Grüner im eigentlichen Sinne. Genau wie Winfried Kretschmann. Und wenn der 35-jährige Dominik Krause München tatsächlich den populären Oberbürgermeister Dieter Reiter geschlagen hat, dann ist das ein Sonderfall. Diese jungen Leute in den Großstädten halt. Und dass die Grünen bei der Kommunalwahl in Bayern insgesamt lautstarke Lebenszeichen gesendet haben, bedeutet noch lange nicht, dass sie vielleicht doch nicht so erledigt sind, wie alle dachten. Lauter Einzelfälle? So kann man schon argumentieren, aber womöglich gibt es eben doch eine zweite Erklärung für das grüne Lebenszeichen vom Wahlsonntag.
Könnte es sein, dass sich die Union verschätzt hat?
Könnte es nicht auch sein, dass die Union mit ihrer Einschätzung, die Mitte der Gesellschaft habe ein für alle Mal genug von diesen nervtötenden grünen Ideen, einfach danebenliegt? Özdemir jedenfalls hat keine Flut, kein Fukushima gebraucht, um die Landtagswahl in Baden-Württemberg zu gewinnen. Dominik Krause in München auch nicht. Vielmehr ist es beiden gelungen, Themen wie Klimaschutz und Nachhaltigkeit ohne Zeigefinger zu setzen. Themen, von denen die meisten Menschen insgeheim ja doch wissen, dass sie uns schon bald einholen werden und dass es deshalb in Wahrheit gar keine „grünen“ Ideen sind.
Leute wie Kretschmann und Özdemir sind wählbar für Anhänger der Union. Und genau hier beginnt das Dilemma von Friedrich Merz und Markus Söder: Einerseits verachten sie „grüne Ideologen“, andererseits dienen selbige wunderbar als Projektionsfläche für die Angst der Konservativen vor moralinsaurer Bevormundung. Wenn dann solche Pragmatiker daherkommen wie der „anatolische Schwabe“ von der schwäbischen Alb, der sich zuletzt sogar in Stimme und Sprechtempo an seinen Vorgänger Kretschmann angenähert hatte und demonstrativ mit dem ausgestoßenen „schwarzen Schaf“ der Grünen, Boris Palmer, auftrat, dann wird es argumentativ schnell eng für die Union.
Die Wahlkampferzählung des CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel, sein Kontrahent sei vielleicht ein Realo, die Grünen hinter ihm aber allesamt Fundamentalisten, hat jedenfalls nicht gezogen. Dabei war sie zumindest in Sichtweite der Wahrheit.
Für die Grünen kann das Eis dünn werden
Hier liegt die neue Herausforderung für die Grünen selbst, wenn der erste Jubel verstummt ist: Als strahlender Sieger kann Özdemir den Vorwurf, er verrate die eigenen Prinzipien, entspannt abperlen lassen. Wer gewinnt, hat erst mal recht. Und doch wäre es ein Trugschluss, zu glauben, wenn nur alle so wären wie er, dann könne man einen neuen Anlauf Richtung Volkspartei nehmen. Denn Fakt ist eben auch, dass der harte Kern, der den Grünen unabhängig vom Zeitgeist die Treue hält, großen Wert auf diesen Markenkern legt. Hier kann das Eis schnell dünn werden.
Was Özdemir den Kollegen Merz und Söder voraushat
Wie sonst vielleicht nur noch die SPD neigen die Grünen dazu, sich in Lagerkämpfen zu verheddern. Dabei steht hinter der Summe der vermeintlichen Einzelfälle dieses Wahlsonntags eine klare Botschaft, die alle betrifft: Gerade in derart polarisierten Zeiten sehnen sich immer mehr Menschen nach Politikerinnen und Politikern, die Gräben überwinden, die den Anspruch haben, auch für jene zu regieren, die ganz anderer Meinung sind. Gemeint ist nicht Einheitsbrei um des lieben Friedens willen. Gemeint ist die Fähigkeit, zumindest in Erwägung zu ziehen, dass die mit der anderen Meinung auch recht haben könnten. Özdemir hat die Fähigkeit. Merz und Söder arbeiten noch daran.
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