Wenn man sich mit Markus Söder über Winfried Kretschmann unterhält, schwingt da eine gänzlich unironische Wertschätzung mit. Das ist gleich in doppelter Hinsicht bemerkenswert. Weil sich erstens der bayerische Ministerpräsident – und das darf man wohl sagen, ohne ihm nahezutreten – für eine Ausnahmeerscheinung hält. Und da ist es dann nicht ganz so einfach, anderen auch eine Ausnahme zu bescheinigen. Und weil zweitens jener Winfried Kretschmann bekanntlich der einzige grüne Landesvater ist und es dem CSU-Chef doch beinahe körperliche Schmerzen bereitet, sich wohlwollend über die Grünen zu äußern.
Winfried Kretschmann hält letzte Rede – 46 Jahre nach der ersten
Jedenfalls hört man bei Söder so etwas wie Wehmut heraus, dass die Ära Kretschmann in ein paar Wochen enden wird. Und so geht es vielen. In diesen Tagen befindet sich der baden-württembergische Ministerpräsident auf einer Art Abschiedstournee. Gerade hat er seine letzte Rede im Landtag gehalten – unglaubliche 46 Jahre nach der ersten. Der Zeit hat er ein großes Interview gegeben. Und im Wahlkampf gelingt es ihm nur mit Mühe, keinen Schatten auf jenen Mann zu werfen, den er gerne als Nachfolger hätte.
Cem Özdemir, ein anatolischer Schwabe, wie er sich selbst nennt, ist Spitzenkandidat der Grünen. Wie Kretschmann kein Fundamentalist, sondern Realo. Er weiß natürlich, dass es keinen Sinn macht, den Mann, der 15 Jahre Inbegriff eines Landesvaters war, kopieren zu wollen. CDU-Kontrahent Manuel Hagel nutzt wiederum jede Gelegenheit, um öffentlich zu betonen, wie angenehm die Zusammenarbeit in der Koalition mit Kretschmann gewesen ist – und dass Özdemir aber ein ganz anderer Typus sei.
Wäre Kretschmann auch in der CDU gut aufgehoben gewesen?
Dass Kretschmann, zumindest der Ältere, auch in der Union ganz gut aufgehoben gewesen wäre, wie es die Schwarzen im Ländle gerne erzählen, würde selbiger natürlich vehement dementieren. Aber Fakt ist doch, dass die Zeiten, in der er mit der Mao-Bibel durch die Gegend gelaufen ist, schon sehr, sehr weit zurückliegen. Ein bisschen was Rebellisches ist dennoch geblieben in ihm. Kurioserweise zeigte sich das in den vergangenen Jahren aber eher in einer latenten Trotzigkeit gegenüber den eigenen Leuten.
Als Regierungschef eines Landes, das so sehr von der Automobilindustrie geprägt ist, konnte er aber ja auch schlecht den Kampf für das Verbrenner-Aus anführen. Bis heute legendär auch seine trockene Klarstellung: „Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg fährt einen Daimler. Basta. Ich nehme eine Daimler S-Klasse, ich kann doch keinen Fiat fahren!“
Pragmatismus statt Ideologie, Leuten zuhören, auch wenn sie anderer Meinung sind, und zumindest in Erwägung ziehen, dass sie recht haben könnten – das war es, was Kretschmann zur Ausnahmeerscheinung machte. „Man muss sich der Realität stellen, da kann man auch nicht rumweinen“, sagte er nun in dem Zeit-Interview – und äußerte sich auch zu seinem Fan in München.
Kretschmann wagt eine Prognose zu Markus Söders Zukunft
„Söders Stil ist völlig anders, das ist halt bayerische Liturgie, die sich ganz nach dem Volk richtet“, sagte er und wagte eine Prognose für die Zukunft des Kollegen aus Bayern: „Als der Markus das erste Mal mit der Lederhose aufs Oktoberfest gegangen ist, wusste ich: Er hat seine ganzen Kanzlerambitionen, zumindest vorerst, aufgegeben. Vorher ist er immer im Anzug dahin gegangen.“
Söder wird ihm die kleine Stichelei verzeihen und auch viele Baden-Württemberger hätten gerne noch mit Kretschmann weitergemacht. Er selbst aber hadert nicht: „Ich freue mich, dass ich die Last der Verantwortung nicht mehr haben werde. Ich bin 77, und so ein Amt ist auch eine Bürde. Es ist einfach vorbei.“
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