Es ist – so viel kann man wohl sagen – nicht das typische Merz-Publikum. In den ersten Reihen stehen Teenager, klammern sich an die metallenen Absperrungen. Bis eben haben sie noch gesungen und getanzt. Auf der Bühne stand Irina Rimes, eine der bekanntesten Popstars des Landes. Für viele wohl ein Idol und an diesem Tag sowas wie die Vor-Band für Friedrich Merz. Sie bejubeln den deutschen Bundeskanzler vielleicht nicht ganz so frenetisch. Aber der Applaus ist laut, als er ihnen entgegenruft: „Ihr seid Teil der europäischen Familie“. Oder: „Wir stehen an eurer Seite, jetzt und in der Zukunft“.
An diesem Mittwoch feiert die Republik Moldau ihren 24. Unabhängigkeitstag. Etwa 80.000 Menschen sind in die Innenstadt von Chişinău gekommen. Auch für den deutschen Bundeskanzler kommt es nicht häufig vor, dass er zu einem so großen Publikum spricht.
Auf der Bühne ist er aber nicht allein. Neben ihm stehen der polnische Ministerpräsident Donald Tusk, der französische Präsident Emmanuel Macron und die Präsidentin von Moldau, Maia Sandu. Viele Menschen im Publikum haben die Fahne Moldaus dabei. Manche auch die europäische Flagge. Tusk und Macron halten ihre Reden auf Rumänisch, der Amtssprache. Das kommt an. Alle vier wirken ehrlich berührt von der Szenerie, dem Fest der Unabhängigkeit in der Hauptstadt, den vielen jungen Leuten. Denn alle wissen: Diese Unabhängigkeit ist bedroht.
Friedrich Merz in Moldau: „Die Freiheit Moldaus ist nicht selbstverständlich“
Es ist in vielerlei Hinsicht ein ungewöhnlicher Besuch. Moldau hat weniger Einwohner als Berlin. Etwa 2,4 Millionen Menschen leben in der ehemaligen Sowjetrepublik, die zwischen Rumänien und der Ukraine liegt. Dass hier gleich drei Regierungschefs gleichzeitig zu Besuch sind und Reden vor dem Volk halten, das kommt eher selten vor. Zumal Regierungschefs, die 40 Prozent der Bevölkerung der EU repräsentieren und deren Ländern fast die Hälfte des europäischen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaften.
Schon am Nachmittag, bevor die Party startet, ist Chișinău geschmückt. Die Menschen stehen in T-Shirts in den Straßen, filmen die vorbeirasenden Wagenkolonnen der Regierungschefs. In der Innenstadt sind Jahrmarktstände aufgebaut, bunte Luftballons flattern.
Moldau – das zeigt nicht nur die Bevölkerung – freut sich auf den Besuch der Regierungschefs. „Ihre Anwesenheit hier – Frankreich, Deutschland und Polen – zeigt nicht nur Ihre Unterstützung für Moldau“, sagte die Präsidentin des Landes, Maia Sandu, schon zuvor, bei einer gemeinsamen Pressekonferenz am Nachmittag. „Sondern auch, dass das europäische Projekt fortgesetzt wird und wir ein Teil davon sind.“ Sandu versucht, ihr Land in die EU zu führen. Frankreich, Deutschland und Polen unterstützen sie dabei. Merz gab zurück: „Mir ist es persönlich eine Ehre und eine Freude zugleich, dass wir diesen Tag in diesem Land hier verbringen dürfen.“
Aber die Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag sind nicht der einzige Grund für den Besuch. In einem normalen Jahr würde der deutsche Bundeskanzler wohl nicht mit zwei Amtskollegen extra nach Chisinau reisen. Es ist kein normales Jahr, sondern 2025 – und eben jene Unabhängigkeit, die Moldau an diesem Tag feiert, ist massiv bedroht. In einem Monat stehen Parlamentswahlen an. Sandu steht zwar selbst nicht zur Wahl. Die Abstimmung darf man aber durchaus als Referendum über den proeuropäischen Kurs der Präsidentin verstehen. Moldau ist Beitrittskandidat für die EU, seit 2024 wird darüber verhandelt. Russland versucht massiv, die Wahlen zu beeinflussen – mit Desinformationskampagnen, mit Cyberattacken, mit Finanzierung von pro-russischen Kandidaten.
Moldau ist von Russland direkt bedroht
Die Reise von Merz „setzt ein Zeichen der Unterstützung für den proeuropäischen Kurs von Staatspräsidentin Sandu und der von Ministerpräsident Recean geführten Regierung“, hieß es vor der Reise aus Regierungskreisen. Merz bekräftigt das bei seinem Besuch. Die Freiheit Moldaus „ist nicht selbstverständlich“, sagt er vor Journalisten. „Das führt uns jeden Tag der grausame Krieg in der Ukraine vor.“ Dass es jederzeit anders kommen könne, das spürten die Menschen in diesem Land, glaubt Merz. Die anstehenden Wahlen können „entscheidend sein.“
Aber Moldau ist nicht nur angesichts der Wahlen von Russland bedroht. Von Chișinău sind es etwa 150 Kilometer bis nach Odessa, zur Grenze sind es weniger als 100. In kaum einem anderen Land außerhalb der Ukraine ist man dem Krieg so nah. Und keines ist wohl so sehr durch Russland bedroht. Die 2,4 Millionen Einwohner des Landes hätten einer russischen Invasion wohl wenig entgegenzusetzen. Deutschland unterstützt das Land schon heute. Die Sorge vor einer Invasion ist hier trotzdem allgegenwärtig – auch wenn man nicht direkt an Russland grenzt.
Aber der Unabhängigkeitstag ist nicht das einzige Jubiläum. Genau einen Tag nachdem Moldau 1991 seine Loslösung von der Sowjetunion verkündete, trafen sich Hans-Dietrich Genscher, Roland Dumas und Krzysztof Skubiszewski, die damaligen Außenminister von Frankreich, Deutschland und Polen. Sie gründeten das Weimarer Dreieck. Ein Gesprächskanal, um die europäische Integration voranzutreiben.
Das Bündnis hat in den vergangenen Jahren schwierige Zeiten durchgemacht, vor allem unter der rechtspopulistischen und deutschlandkritischen PIS-Partei in Polen. Und Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) wurde häufig vorgeworfen, die Achse zu vernachlässigen. Das kann man von Merz nicht sagen. Es ist der erste gemeinsame Auslandsbesuch im Weimarer Format. In anderen Fällen waren entweder andere Länder dabei, oder die drei Staatschefs trafen sich in den eigenen Ländern. Den Besuch in Moldau kann man durchaus als Zeichen einer verstärkten Zusammenarbeit verstehen.
Für den Kanzler war das Bündnis mit Paris und Warschau von Beginn an ein Fokus seiner Amtszeit. Es war die erste Amtshandlung des gern als Außenkanzler betitelten Merz, nach Paris zu reisen. Nur, um wenige Stunden später in Warschau Donald Tusk zu besuchen. „Mir liegen diese beiden Länder sehr am Herzen“, sagte er damals. Dass er das ernst gemeint hat, auch das ist eine Botschaft dieses Besuchs.
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