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„Mut und Empathie: Stephan Werhahn über die Zukunft Europas“

Interview

Adenauer-Enkel: „Wenn in der Welt gerade irgendwas Schlimmes passiert ist, drückte das die Stimmung“

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    „Pragmatisch einen anderen Weg einschlagen, um ans Ziel zu gelangen“: Stephan Werhahn hat ein Buch darüber geschrieben, wie Europas Zukunft aussehen könnte.
    „Pragmatisch einen anderen Weg einschlagen, um ans Ziel zu gelangen“: Stephan Werhahn hat ein Buch darüber geschrieben, wie Europas Zukunft aussehen könnte. Foto: dpa

    Herr Werhahn Sie bauen immer wieder Ansichten Ihres Großvaters Konrad Adenauer in Ihr Buch „Europas Resilienz“ ein. Sie waren 13 Jahre alt, als der erste Kanzler der Bundesrepublik starb. Wie haben Sie ihn als Enkel erlebt?

    STEPHAN WERHAHN: Wir hatten dreimal im Jahr Gelegenheit, ihn familiär zu treffen. Bei seinem Geburtstag im Januar. Dann gab es im Mai oder Juni ein Familienfest, wenn die Kirschen in seinem Garten geerntet wurden, und vor allen Dingen zu Weihnachten. An diesen Tagen konnte man sich mit ihm unterhalten, wie man das so als Zehn- oder Zwölfjähriger macht. Wenn in der Welt gerade irgendwas Schlimmes passiert ist, drückte das die Stimmung. Wenn sich etwas Schönes ereignet hatte, war es natürlich fröhlicher. Als Kind konnte ich das sehr genau spüren.

    Wie sind Sie später damit umgegangen, Enkel von Konrad Adenauer zu sein?

    WERHAHN: Im Laufe meiner Entwicklung wurde ich natürlich ständig mit ihm in Verbindung gebracht. Die Kunst für mich war, daraus eine eigene Identität und authentische Positionen zu entwickeln.

    Die Welt ist in Bewegung, Machtstrukturen werden geradezu pulverisiert. Welchen Platz sollte Europa in Zukunft anstreben?

    WERHAHN: Europa sollte versuchen, die fünfte Großmacht auf der Erde zu sein - nach den USA, China, Russland und Indien. Dazu muss man Europa von innen renovieren, hätte ich fast gesagt. Aber auch zum Teil neu errichten. Ein Fundament ist da, aber es ist noch nicht zu Ende gebaut.

    Ihr Buch ist von dem Optimismus geprägt, dass sich die EU weiterentwickeln kann. Die Friedensforscherin Nicole Deitelhoff sprach kürzlich in einem Interview vom „Ende des Westens“. Was antworten Sie ihr?

    WERHAHN: Es mag Risiken geben. Aber man muss vor allen Dingen eine wirkliche politische Union Europas anstreben.

    Wie soll diese Union aussehen?

    WERHAHN: Zunächst einmal sollte Großbritannien eines Tages wieder dazugehören. Wir brauchen ein europäisches Parlament, das eine europäische Regierung wählt. Aus der EU-Kommission sollte so eine Art Senat nach US-Vorbild entstehen, in dem jedes Land angemessen vertreten sein würde.

    Doch sind nicht derzeit die Fliehkräfte im westlichen Lager größer als das Einigende?

    WERHAHN: Das kann man auch andersherum sehen. Nehmen Sie als Beispiel die Verteidigung. Da müssen wir angesichts der angespannten Sicherheitslage mehr tun. Wir müssen eigene Waffen und Flugabwehrsysteme produzieren. Und da kann nicht jedes der 27 Länder in Europa sein eigenes System bauen – die EU-Staaten müssen sich auf Standards einigen. Wenn die Mitgliedsstaaten gemeinsam produzierte Waffensysteme kaufen, führt das auch zu einem politischen Zusammenrücken.

    In Amerika sehen wir Massenabschiebungen und Rechtlosigkeit vieler Migranten. Fürchten Sie nicht, dass Europa seine Seele verliert, wenn die Flüchtlingspolitik zu weit verschärft wird?

    WERHAHN: Europa darf seine Seele nicht verlieren. Die Menschenrechte dürfen nie aus dem Blickfeld geraten. Gleichzeitig kann es aber auch nicht sein, dass wir gezwungen werden, Menschen aufzunehmen, die weder qualifiziert sind, noch hier arbeiten können, und unsere Gesellschaft als Sozialfälle belasten. Das überfordert Europa. Mit diesem Problem müssen wir uns befassen, zumal die afrikanische Bevölkerung von heute rund 1,5 Milliarden Menschen auf prognostizierte 3,8 Milliarden 2100 wachsen soll. Wir brauchen einen viel stärkeren Austausch auf Augenhöhe, mit Ausbildungsprojekten, insbesondere im IT-Bereich. Das würde Europa und Afrika zugutekommen.

    Derzeit dreht sich alles um Donald Trump. Wie sollte die EU ihm begegnen?

    WERHAHN: Die Chance liegt darin, dass wir gezwungen sind, verteidigungsfähig zu werden und uns gegen handelspolitische Schikanen wehren zu können. Im Übrigen stört mich die Art und Weise, wie in Amerika heute Business gemacht wird. Wenn Menschen nicht wie Menschen, sondern als Kostenstelle behandelt werden.

    Sie fordern, dass in Brüssel Mehrheitsentscheidungen eine weit größere Rolle spielen, um handlungsfähiger zu werden. Ist eine solche Reform realistisch?

    WERHAHN: Ja. Ich denke an eine Methode, die der damalige französische Außenminister Robert Schuman angewandt hat. 1950 hat er die beiden wirtschaftlich enorm wichtigen Sektoren Kohle und Stahl aus nationaler Kontrolle herausgelöst und die europäische Montanunion gegründet – Keimzelle der späteren EU. Heute könnte man Bereiche wie Verteidigungsindustrie oder KI- und Digitalindustrie aus den nationalen Zuständigkeiten, aber auch aus der EU herausnehmen. Dann wären die wichtigsten europäischen Staaten gemeinsam für diese Sektoren zuständig. Kleinere Staaten dürften dann versuchen, dabei zu sein, um zu profitieren – allerdings gilt ein Mehrheitsprinzip, ohne Vetorecht. Das würde Europa schneller und effektiver machen.

    Ohne Empathie für Europa werden wir nicht weiterkommen, schreiben Sie. Wie kann man Leidenschaft für Europa wecken?

    WERHAHN: Indem man an die Basis geht. Wir müssen bei Themen wie urbanem Verkehr oder Müllentsorgung viel stärker voneinander lernen. Wir brauchen mehr grenzüberschreitende Jugendförderung, Kultur oder Sport. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

    Was kann uns Adenauer heute noch sagen, wenn es um ein vereintes Europa geht?

    WERHAHN: Adenauer hat nie das Ziel aus den Augen verloren. Wenn etwas nicht funktionierte, wie die 1954 gescheiterte Gründung einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, hat er eben die Integration Deutschlands in die Nato vorangetrieben. Pragmatisch einen anderen Weg einschlagen, um ans Ziel zu gelangen: Das nenne ich adenauersche Denke.

    Zur Person: Stephan Werhahn, wurde 1953 als Enkel des Kanzlers Konrad Adenauer in Neuss am Rhein geboren. Werhahn arbeitete als Manager und Politiker. Sein neues Buch heißt „Europas Resilienz“.

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