Angela Merkel war noch Kanzlerin, als Friedrich Merz zu einem Interview im Sommer 2020 demonstrativ im grünen Anzug erschien und passend dazu auch noch eine grüne Krawatte trug. Er traue sich zu, sagte der CDU-Chef dann, das Profil der Union in einer Koalition mit den Grünen klar erkennbar zu machen. Auch den passenden Kanzlerkandidaten hatten die C-Parteien damals - Armin Laschet, einst Mitglied der berühmten Pizza-Connection, einer lockeren Gesprächsrunde grüner und konservativer Abgeordneter in Bonn.
Ein Lacher an der falschen Stelle und ein wenig solidarischer Markus Söder beendeten damals nicht nur Laschets Kanzlerträume jäh, sondern auch alle Gedankenspiele über ein schwarz-grünes Bündnis im Bund. Auf Landesebene regiert die CDU zwar in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg noch halbwegs friktionsfrei mit den Grünen - nach der Wahl im Südwesten im März aber könnte das schon anders aussehen. Obwohl die Grünen mit Cem Özdemir einen Spitzenkandidaten nominiert haben, der wie gemalt scheint für ein Bündnis mit der CDU, kokettiert deren Landesvorsitzender Manuel Hagel bereits öffentlich mit einem bunten Dreier aus Union, SPD und FDP. Mögen sie das Land mit Winfried Kretschmann auch solide und ohne parteipolitische Scheuklappen regiert haben: Für die in den Umfragen deutlich führende CDU sind die Grünen offenbar nicht die erste Wahl.
Schwarz-Grün? Momentan wären beide Parteien zu schwach für eine Zweierkoalition
Wenn das schon für Baden-Württemberg gilt, die Hochburg der grünen Realpolitiker, dann gilt das für künftige Wahlen im Bund umso mehr - ganz abgesehen davon, dass die beiden möglichen Partner im Moment zu schwach wären um eine Zweierkoalition zu bilden. Unter Friedrich Merz ist die CDU wieder konservativer geworden, während die Grünen in den Parlamenten immer jünger und immer linker werden. So überlagert das Trennende das Verbindende von Jahr zu Jahr mehr.
Zwar haben einige Abgeordnete die alte Pizza-Connection diskret wieder aufleben lassen. Der Ton, den die Parteioberen setzen, aber ist ein anderer. Merz etwa hat die Grünen im Wahlkampf zum Hauptgegner erklärt, er trug auch keinen grünen Anzug und keine grüne Krawatte mehr, sondern setzte schon früh auf eine Koalition mit der SPD. Die Grünen haben in den Augen vieler Unionspolitiker in der Ampel nicht den Nachweis ihrer Regierungsfähigkeit erbracht, sondern eher das Gegenteil, man denke nur an Robert Habecks rigides Heizungsgesetz, an den übereilten Ausstieg aus der Atomkraft oder Annalena Baerbocks oberlehrerinnenhafte Außenpolitik.
Ist nach dem Abgang von Kretschmann Özdemir der letzte Realo bei den Grünen?
Einen Mann wie den früheren Parteichef Fritz Kuhn, der einst mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben wollte und Unternehmer nicht als Klassenfeinde, sondern als Partner betrachtete, sucht man bei den Grünen heute vergebens. Habeck konnte selbst als Wirtschaftsminister nicht über seinen dirigistischen Schatten springen. Nun verlässt mit Kretschmann der vorletzte große Realo die Bühne. Özdemir, der Letzte, tickt zwar ähnlich wie Kuhn und „Kretsch“, wird aber schon Mühe haben, die Grünen zumindest als Juniorpartner in der Regierung zu halten.
Baden-Württemberg als Blaupause für den Bund, mit einer starken Union und pragmatischen Grünen? Wohl kaum. Schwarz-Grün, lange als neue Antwort für neue Zeiten gefeiert, hat seine Faszination verloren. Und der Realo Özdemir ist bei den neuen Grünen kein Anführer mehr, sondern ein politischer Außenseiter.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren