Eine halbe Stunde vor Mitternacht zupft eine Referentin am Sakkoärmel . „Du hast morgen Deinen ersten Termin um acht.“ Kretschmann schaut auf seine Uhr und sagt: „Oooh“. Dann lässt er sich noch einen Rotwein an den Stehtisch bringen. Er ist gerade in Fahrt, diskutiert in der Landesvertretung Baden-Württembergs in Berlin mit der früheren ARD-Journalistin Hanni Hüsch. Sie will von ihm wissen, was konkret gegen die AfD hilft. „Sie erwarten Wunder von uns, aber wir können nicht zaubern“, antwortet Kretschmann. Sie verteidigt sich und fällt in den Singsang ihrer Heimat: „Ich bin Rheinländerin, ich erwarte Wunder.“
Wer, wenn nicht er, könnte die Antwort auf ihre Frage haben. Landesvater im Südwesten, erster und einziger grüner Ministerpräsident, bekennender Katholik und überzeugter Ex-Kommunist, einer, der mit Philosophen argumentiert und dabei wirkt, als rede er mit Freunden in der Schafkopfrunde.
Bald hört Winfried Kretschmann auf
Winfried Kretschmann ist ein politisches Wunder. Das Weltorakel Henry Kissinger wollte einst von ihm wissen, wie er es als Öko geschafft hat, im Herzland Regierungschef zu werden. Das Wunder hat sich entschieden, zu verblassen. Kretschmann hört auf, bei der Landtagswahl im März tritt er nicht mehr an. Der 77-Jährige dreht seine Abschiedsrunde.
Zu den Ritualen solcher Abschiede gehört es, dass irgendjemand eine Biografie veröffentlicht. In Kretschmanns Falle hat es die frühere Fernsehkorrespondentin des Südwestrundfunks, Dagmar Seitzer, getan. „Im Herzen grün“, heißt das Buch. „Es ist in vielem gut getroffen“, sagt Kretschmann bei der Vorstellung. Für einen Schwaben ist das ein geradezu überschwängliches Lob, das natürlich auch seinem Leben gilt.
Marx ist die Theorie, Murx die Praxis
Es ist ein westdeutsches Leben, in dem die einstigen Bürgerschrecke der 68er den Marsch durch die Institutionen antraten und am Ende an den Hebeln der Macht ankamen. Die eigenen Irrungen und Wirrungen aus der Studentenzeit hat man sich selbst großzügig verziehen. Kretschmann ist natürlich auch der verlorene Sohn seiner Kirche. Priester sollte und wollte er werden, wegen schlagender Patres an seinem Internat wollte er dann nicht mehr. An der Uni wurde er Anfang der 70er Jahre Mitglied einer katholischen Studentenverbindung, bevor er zum Kommunismus konvertierte („fataler Irrtum“). Die Kommunisten versprachen das Paradies auf Erden und nicht erst im Jenseits. Er trat aus der Kirche aus und zehn Jahre später wieder ein. Besser Zentralkomitee der Katholiken als Zentralkomitee der Kommunisten.
Nach dem Studium arbeitet Kretschmann als Lehrer, Biologie und Chemie sind da seine Fächer. Um den Lehrplan schert er sich nicht, lässt Schüler im Bio-Unterricht an Fröschen lecken. Im Jahr 1979 klingelt dann eine Ur-Grüne bei ihm an der Haustür und fragt, ob er sich für die Landtagswahl aufstellen lassen wolle. „Sie hatte gehört, dass ich in der Schule unkonventionell war“, sagt er. Ein Jahr später sitzt er im Landtag und ist von da an Berufspolitiker. Doch die Karriere hätte auch jäh vorbei sein können. Vor der Landtagswahl 1984 versäumen die Grünen eine Frist in Kretschmanns Wahlkreis und können dort nicht antreten. Joschka Fischer, damals Umweltminister in Turnschuhen im benachbarten Hessen, holt ihn zu sich. Doch die Zusammenarbeit der ausgeprägten Egos scheitert.
Kretschmann garantiert den Sieg
Vergessen haben die Grünen ihn nicht, 1988 zieht er wieder in den Landtag ein und gehört ihm bis heute an. Es folgen zunächst die langen Jahre in der Opposition. Die CDU ist im Ländle unangefochtene Staatspartei. „Never ever hätten wir geglaubt, 2011 den Ministerpräsidenten stellen könnten“, erinnert sich einer der Wahlkampfmanager an die Zeit vor 15 Jahren.
Die Wahl damals, so Biografin Seitzer, sei noch nicht wegen des Spitzenkandidaten gewonnen wurden. Der Kampf um Stuttgart 21 und die Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima spielten für Grün. Erst die beiden Wiederwahlen waren dann Kretschmann-Wahlen. Was sieht er als sein Vermächtnis? Es ist die Politik des Gehörtwerdens. Zu kontroversen Themen werden Bürger zufällig ausgelost und diskutieren darüber. Das soll ihnen das Gefühl geben, auch zwischen den Wahlen die Politik gemeinsam beeinflussen zu können.
Warum dann im Ländle so viele Menschen unzufrieden sind, darauf weiß auch der Landesvater keine Antwort. „Wir hirnen jede Woche darüber“, sagt er. Die AfD hat sich in den Umfragen vor die Grünen geschoben. Im Bund schon lange, jetzt auch in Baden-Württemberg. Mit Kretschmann ist seine Partei groß geworden, jetzt, da er abtritt, rutscht sie wieder in die Nische.
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