Ashton-in-Makerfield hat an diesem sonnigen Frühlingstag auf den ersten Blick nichts Außergewöhnliches zu bieten. In der Marktstadt zwischen Manchester und Liverpool reihen sich die für England typischen braunen Backsteinhäuser aneinander. Junge Eltern schieben Kinderwagen durch den zentral gelegenen Jubilee Park, Rentner sitzen auf den Bänken vor einem Fotoladen. Nichts deutet darauf hin, dass in Makerfield gerade eine der interessantesten politischen Geschichten Großbritanniens geschrieben wird. Am 18. Juni entscheidet sich hier bei einer Nachwahl weit mehr als die Frage, wer diese Region künftig in Westminster vertritt.
Es geht darum, ob Andy Burnham, der Bürgermeister des Großraums Manchester, ins Unterhaus zurückkehrt. Dann könnte aus ihm der nächste Premierminister Großbritanniens werden.
Doch sein höchst unbeliebter Parteifreund Keir Starmer hält weiter an seinem Amt fest. Innerhalb der Labour-Partei ist die Unruhe aber längst nicht mehr zu überhören. Nach den schwachen Ergebnissen bei den Lokalwahlen Anfang Mai und dem Vormarsch der Rechtsaußenpartei Reform UK wächst der Druck, den Kurs zu ändern. Viele in der Partei fragen sich inzwischen nicht mehr nur, ob Starmer weiter regieren kann. Sie fragen sich, ob er Labour angesichts der Bedrohung von Rechts überhaupt in die nächste Wahl führen sollte.
Andy Burnham gilt an der Basis seiner Partei als Hoffnungsträger
In dieser Lage richtet sich der Blick auf Burnham. An der Basis gilt er als Hoffnungsträger, als einer, der Labour verlorene Wähler zurückholen könnte. Wer allerdings die Sozialdemokraten führen will, muss als Volksvertreter im Unterhaus sitzen. Ein Sieg in Makerfield ist für den 56-Jährigen deshalb das Ticket an die Spitze seiner Partei. Gewinnt er die Nachwahl, könnte aus ihm der neue Regierungschef werden – verliert er sie, wäre es vermutlich das Ende seines politischen Comebacks. Für Burnham geht es um alles oder nichts.
Den Menschen in Makerfield ist ihre Verantwortung bewusst. Die Wahl ist in diesen Tagen bestimmendes Thema. Auf den Straßen, in den Pubs und Cafés. „Wir sind die Königsmacher“, sagt Eunice Gandhi, eine Bewohnerin von Makerfield, die sich vor einem Imbiss mit einem älteren Mann unterhält, halb ironisch, halb ernst. Damit spielt sie auf die außergewöhnliche Situation an, dass rund 75.000 Wahlberechtigte darüber entscheiden könnten, wer künftig das Land regiert. Gandhi sieht darin, wie viele andere, eine Chance für den lange vernachlässigten Norden Englands. Die 58-Jährige schildert, als wie tief die Kluft zwischen Makerfield und der Hauptstadt London erlebt wird. Teure Großprojekte oder neue Bahnverbindungen kämen vor allem dem Süden zugute, während man „hier oben“ kaum etwas davon spüre.
Es ist eine alte britische Bruchlinie: der wohlhabendere Süden, das politisch mächtige London, und ein Norden, dem seit Jahrzehnten versprochen wird, er würde endlich aufholen können. Der frühere konservative Premier Boris Johnson fasste dieses Versprechen unter dem Begriff „Levelling Up“, also Aufwertung, zusammen. Doch weder die Tories noch Labour haben die Erwartungen erfüllt, die Menschen in Manchester und Umgebung in die Politik und auch in den Brexit gesetzt hatten.
Leicht wird es für Burnham bei der Nachwahl in Makerfield nicht
Umso positiver hebt Gandhi Andy Burnham hervor, der aus ihrer Sicht „eine Menge Gutes bewirkt“ habe, besonders beim öffentlichen Nahverkehr. Die von ihm eingeführten günstigen Bustickets bezeichnet sie als „fantastisch“. Obwohl ihm manche unterstellen, seine Kandidatur sei ein „Sprungbrett“, verteidigt sie ihn: So funktioniere Politik nun einmal.
Ein wesentlicher Grund für Burnhams Beliebtheit ist gleichwohl, dass er eben nicht in Westminster sitzt. „Er wird nicht mit den Regierungen unter Corbyn oder Starmer in Verbindung gebracht und ist obendrein ein guter Redner, der die Sprache der Menschen spricht und zudem Dinge auf den Weg bringt – zumindest im Großraum Manchester“, erklärt der Politikwissenschaftler Tim Bale im Gespräch mit unserer Redaktion.
Leicht wird es für Burnham dennoch nicht. Bei den Lokalwahlen gewann die rechtspopulistische Partei Reform UK um Brexit-Treiber Nigel Farage in mehreren Stadtteilen rund um Makerfield Mandate. Manche wählten die Partei aus Protest gegen Labour, andere wegen ihrer harten Linie in der Migrationspolitik. Zuwanderung wird in Großbritannien als Belastung empfunden, auch weil viele Britinnen und Briten den Eindruck haben, dass Wohnraum, Arzttermine und öffentliche Leistungen knapper werden. Genau auf dieses Gefühl setzt Reform UK. Dass die Wahl-Tendenz längst kein lokales Phänomen mehr ist, zeigen die Umfragen. In der jüngsten YouGov-Erhebung liegt Labour landesweit bei 18 Prozent, gleichauf mit den Konservativen – und deutlich hinter Reform UK. Die Partei kommt auf 27 Prozent.
Für Burnham könnte diese Stimmung gefährlich werden. Der Bürgermeister von Greater Manchester gilt zwar als einer der populärsten Labour-Politiker des Landes. Doch selbst in Makerfield, einer früheren Labour-Hochburg, ist sein Vorsprung marginal. In Umfragen liegt er bloß drei Prozentpunkte vor den Rechtspopulisten: 43 zu 40 Prozent.
Wie es nach einem Sieg Burnhams in Makerfield für ihn weiterginge
Ob er mit seinem Programm ausreichend punkten kann? Es zielt auf eine Renaissance der Kommunen: Neben dem massiven Neubau von Sozialwohnungen fordert er eine Verschmelzung des Pflegesektors mit dem staatlichen Gesundheitsdienst NHS. Burnham setzt auf eine Bildungsoffensive abseits akademischer Pfade und inszeniert seine Agenda als Weckruf an die eigene Parteispitze, die Sorgen der Arbeiterklasse wieder ins Zentrum der britischen Politik zu rücken.
Gewinnt er in Makerfield, bedeutet das nicht, dass von dort ein direkter Weg in die Downing Street Nummer 10 führt. Als Abgeordneter im Unterhaus bräuchte Burnham zunächst die Unterstützung von 20 Prozent der Labour-Abgeordneten, um Keir Starmer herauszufordern. Beobachter halten es für möglich, dass er genügend Unterstützer in der Fraktion mobilisieren kann. Politologe Bale geht überdies davon aus, dass er gute Chancen hätte, einen anschließenden Führungswahlkampf zu gewinnen. Dann hätte es Andy Burnham tatsächlich in die Downing Street Nummer 10 geschafft – und die Menschen von Makerfield wären wirklich Königsmacher gewesen.
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