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Nahost: Droht ein neuer Massenexodus aus Syrien?

Nahost

Droht ein neuer Massenexodus aus Syrien?

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    Italienische Seenotretter treffen im Mittelmeer seltener auf syrische Flüchtlinge - aber das könnte sich auch wieder ändern.
    Italienische Seenotretter treffen im Mittelmeer seltener auf syrische Flüchtlinge - aber das könnte sich auch wieder ändern. Foto: Petros Karadjias, AP/dpa

    Europäische Regierungen hoffen zehn Jahre nach dem Höhepunkt der syrischen Flüchtlingswelle von 2015 auf die Rückkehr vieler Migranten in ihre Heimat, doch das Gegenteil könnte geschehen: Gewalt und Armut könnten wieder Hunderttausende aus dem Land treiben. Die EU sollte nach Ansicht von Experten finanziell und politisch mehr tun, um Syrien nach dem Ende der Herrschaft von Diktator Baschar al-Assad zu stabilisieren und einen neuen Exodus zu verhindern.

    Wie schnell die Rückkehr in neue Flucht umschlagen kann, zeigte sich im Frühjahr an der syrischen Mittelmeerküste. Als bewaffnete Kämpfer – einige von ihnen aus regierungsnahen Milizen – in das Siedlungsgebiet der syrischen Alawiten eindrangen und mehr als tausend Menschen töteten, flohen innerhalb kurzer Zeit mehr als 20.000 Menschen in den benachbarten Libanon. Seit Assads Sturz im Dezember sind 174.000 Syrer aus dem Libanon nach Syrien heimgekehrt, aber in derselben Zeit wanderten 106.000 Syrer in den Libanon ab.

    Wenn die Hoffnung auf ein gutes Leben ins Syrien schwindet...

    Dass so viele Syrer die Hoffnung auf ein besseres Leben in der Heimat wieder aufgeben, ist ein Alarmzeichen für Europa. Ohne grundlegende Verbesserungen in Syrien werde Europa es schwer haben, Syrer davon zu überzeugen, sich aus der relativen Sicherheit der EU auf den Heimweg zu machen, sagt die Migrationsexpertin Kelly Petillo von der europäischen Denkfabrik ECFR. Ohne Stabilisierung des neuen Staates könnte sogar eine neue Fluchtwelle beginnen, sagte Petillo unserer Zeitung.

    Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR teilt diese Einschätzung. Wenn es nicht gelinge, Syrien mit humanitärer Soforthilfe und einer langfristigen Vision zu unterstützen, werde das die Rückkehr erschweren, erklärte die UN-Organisation. „Jene, die sich zur Rückkehr entschließen, könnten erneut in die Flucht getrieben werden.“

    Hunderttausende gehen zurück in ihre syrische Heimat

    Seit Dezember sind rund eine halbe Million Syrer aus dem Ausland heimgekehrt, einige tausend davon aus Deutschland. Allein aus der Türkei gingen rund 350.000 Syrer nach Hause, wie Zahlen des UNHCR und der UN-Organisation für Migration (IOM) zeigen. Seit Ende des türkischen Schuljahres im Juni verstärkt sich der Trend. Die Zahl der Rückkehrer an den türkisch-syrischen Grenzübergängen hat sich laut Medienberichten von rund 1300 auf 2500 pro Tag fast verdoppelt. Der Westen und arabische Staaten haben ihre Sanktionen aus der Assad-Zeit aufgehoben, es gibt erste Milliardeninvestitionen.

    Doch gemessen an den Verwüstungen des Krieges sind diese Erfolge nur Tropfen auf den heißen Stein. Von den rund sechs Millionen Syrern, die vor Assad ins Ausland flohen, leben die allermeisten noch in ihren Gastländern. Wohnraum, Jobs und Schulen sind rar im neuen Syrien, Rückkehr hausen in Zelten oder in zerbombten Häusern. Straßen- und Stromnetze sind zerstört.

    Hat die Regierung die Extremisten im Griff?

    Hinzu kommt, dass die islamistische Übergangsregierung von Präsident Ahmed al-Sharaa den Eindruck vermittelt, sie habe Extremisten in ihren Reihen nicht unter Kontrolle oder stärke ihnen sogar den Rücken. Gewalt an Minderheiten, Vorschriften wie die Pflicht für Ganzkörper-Badeanzüge für Frauen – so genannte Burkinis – an öffentlichen Stränden und Berichte über Musikverbote bei Hochzeiten schüren die Furcht, Scharaa wolle eine sunnitische Zwangsherrschaft errichten.

    Noch gibt es keine Anzeichen dafür, dass sich wie 2015 wieder viele Syrer auf den Weg nach Europa machen. Auf den griechischen Ägäis-Inseln, die 2015 die Rekordzahl von 857.000 Bootsflüchtlingen innerhalb eines Jahres registrierten, zählte das UNHCR in diesem Jahr bisher 24.000 Neuankömmlinge, darunter nicht einmal 500 Syrer.

    Es benötigt dringent einen Ausweg aus Armut und Gewalt

    Doch die Zahlen könnten bald wieder steigen. Noch sei Zeit für die internationale Gemeinschaft, „Rhetorik durch Handeln zu ersetzen und die Syrer beim Aufbau einer besseren Zukunft zu unterstützen“, erklärte der Norwegische Flüchtlingsrat. Ewig werde diese Chance aber nicht bestehen. Wenn das neue Syrien keinen Ausweg aus Gewalt, Arbeitslosigkeit und Armut biete, sei eine neue Fluchtwelle absehbar, sagt Petillo. Wie 2015 würden viele Syrer nicht in Nachbarländern bleiben.

    Schon aus eigenem Interesse sollte die EU deshalb mehr in Syrien investieren, nicht nur finanziell, meint die Expertin. So könnte Europa mäßigend auf die Türkei und auf Israel einwirken: Die Türkei hält Teile von Nord-Syrien besetzt, und Israel fliegt seit Dezember immer wieder Luftangriffe in Syrien, auch auf die Hauptstadt Damaskus. Zudem sollte Europa politischen Druck auf Sharaas Übergangsregierung ausüben, um den Schutz von Minderheiten durchzusetzen, sagt Petillo. Vor allem aber erfordert Syrien ein kontinuierliches Engagement der EU. „Es reicht nicht, die Sanktionen aufzuheben und die Syrer dann ihrem Schicksal zu überlassen“, sagt Petillo.

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