Startseite
Icon Pfeil nach unten
Politik
Icon Pfeil nach unten

Recherche-Duo enthüllt: Das war Merkels größter Irrtum im Umgang mit Putin

Interview

Recherche-Duo Gloger und Mascolo: „Merkels Grundannahme über Putin war falsch“

  • |
  • |
  • |
  • |
    Katja Gloger und Georg Mascolo im Live-Interview mit Chefredakteur Peter Müller und Außenpolitik-Chefin Margit Hufnagel.
    Katja Gloger und Georg Mascolo im Live-Interview mit Chefredakteur Peter Müller und Außenpolitik-Chefin Margit Hufnagel. Foto: Marcus Merk

    Frau Gloger, Sie waren viele Jahre für den „Stern“ in Russland und haben mit Ihrem Mann Georg Mascolo das Buch „Das Versagen“ über die Hintergründe der deutschen Russlandpolitik recherchiert. Der Angriff auf die Ukraine jährt sich nun zum vierten Mal. Wie erinnern Sie sich an den Tag?

    KATJA GLOGER: Für mich hatte dieser Tag einen Vorlauf. Ich erinnere mich sehr genau an den 12. Juli 2021 – ausgerechnet mein Geburtstag. Der Kreml veröffentlichte auf seiner Webseite einen langen historischen Aufsatz von Wladimir Putin, in dem er begründet, warum aus seiner Sicht Ukrainer und Russen „ein Volk“ seien. Ich habe viel von Putin gelesen, aber das wirkte wie eine Kriegserklärung. Der zweite Moment kam dann wenige Monate später, als in Papieren des russischen Außenministeriums Vorschläge für deine neue europäische Sicherheitsordnung präsentiert wurden, die im Kern darauf hinausliefen, die Nato-Präsenz aus Europa zurückzudrängen. Da verstärkte sich bei mir das Gefühl, dass etwas ganz Schlimmes passieren würde. Und man muss hinzufügen: Der 24. Februar 2022 war nicht der Beginn. Es war die Fortsetzung dessen, was 2014 begann, mit der Krim-Annexion und dem russischen Krieg im Osten der Ukraine im Donbass.

    Herr Mascolo, Ihr Buch beginnt mit Putins Bundestagsrede. Viele denken, Putin habe sich später irgendwann radikalisiert. Gab es diesen „anderen Putin“ wirklich?

    MASCOLO: Das ist ja die Frage: Wer ist eigentlich dieser Wladimir Putin? Der Putin von 2022 ist nicht identisch mit dem von 2000, aber dennoch war seine Ausrichtung früh erkennbar. Und sie wurde in Deutschland auch erkannt: Wir haben mit vielen Leuten gesprochen, die an Schlüsselstellen dabei waren. Ein Diplomat, der Joschka Fischer im Frühjahr 2000 zu Putin begleitete, notierte danach: „Hochintelligent, hart, skrupellos. Kalter, entschlossener Operateur.“ Und dass man mit so jemandem nicht befreundet sein will. Putins Projekt war nicht eine Modernisierung, gar Demokratie für Russland, sondern immer Machtsicherung. Die ersten Opfer seiner Präsidentschaft waren die Russinnen und Russen selbst: Unabhängige Medien, Ansätze zu Rechtsstaatlichkeit, Opposition – all das wurde früh zurückgedreht.

    Frau Gloger, Sie haben Putin als Journalistin begleitet und hatten außergewöhnliche Einblicke. Wie haben Sie ihn kennengelernt?

    GLOGER: Das war eine der spannendsten Erfahrungen meines journalistischen Lebens, den russischen Präsidenten über Monate immer wieder zu begleiten. Auf Auslandsreisen, aber vor allem, ihn zu Hause besuchen zu können, in seiner Residenz vor den Toren Moskaus. Er schien durchaus stolz darauf, die Annehmlichkeiten seines Amtes zu präsentieren, Symbole der Macht: das große Schwimmbad, die Turnhalle, in der er Judo praktiziert, der elegante Reitstall mit Vollblütern. Zugleich präsentierte er sich als bescheidener, überaus höflicher, ratsuchender Mann, der viel über Demokratie und soziale Marktwirtschaft wissen wollte. Aber wenn man ihn fragte, wie er das in Russland umsetzen will, war da diese merkwürdige, distanzierte Leere. In Wahrheit hatte er etwas ganz anderes vor. Wir unterschätzen, was es bedeutet, Offizier des KGB zu sein – in einem der blutigsten und mächtigsten Geheimdienste der Geschichte sozialisiert worden zu sein. Mit Putin, so kann man es sagen, übernahm der Geheimdienst die zentralen Machtfunktionen in Russland. Und Putin ist bis heute stolz darauf, ein „Tschekist“ zu sein. Er hält jedes Jahr am „Tag des Geheimdienstmitarbeiters“ Reden voller Pathos und betont, der Feind sitzt im Westen.

    Heute wird über Friedensgespräche gesprochen. Hat Putin überhaupt ein Interesse an Frieden?

    MASCOLO: Die bisherigen Anzeichen sprechen nicht dafür. Die entscheidende Front der Angriffe verläuft inzwischen im Himmel über den Großstädten der Ukraine, die Angriffe auf die kritische Infrastruktur. Zustände, die wir uns nicht vorstellen wollen: Temperaturen von minus 20 und eine oft nicht mehr existierende Energieversorgung. Das war der Plan Russlands von Beginn an: das Land energielos zurückzulassen. Die Frage ist, ob der Druck irgendwann so groß wird, dass die Ukraine viele Zugeständnisse macht. Und dann beginnt für uns eine neue Phase: Wie stützt man dieses geschundene Land? Der Wiederaufbau wird gigantische Summen kosten. Zu glauben, dass alles vorbei ist, wenn die Waffen schweigen, wäre grundfalsch. Viele Aufgaben kommen dann erst auf uns, auf Europa zu – und sind unsere Pflicht.

    Wird die EU den Mut haben, der Ukraine schnell den Weg in die Gemeinschaft zu ebnen?

    GLOGER: Man muss skeptisch sein. Aber es gibt die Hoffnung, dass der Bundeskanzler vielleicht schon jetzt auf der Sicherheitskonferenz in München eine bahnbrechende Rede hält. Er spricht ja nicht mehr von Zeitenwende, sondern von „Epochenbruch“. Das ist eine Ansage. Hans-Dietrich Genscher sagte einmal: „Die Geschichte wiederholt in der Regel ihre Angebote nicht.“ Man muss sie ergreifen, wenn sie da sind.

    Giftmorde, Tiergartenmord, Cyberangriffe, Wahlbeeinflussungen: Warum hat Deutschland Putin so viel durchgehen lassen?

    MASCOLO: Wenn man mit den Handelnden spricht, finden sie oft selbst keine Erklärung. Der frühere Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang sagte uns: Er habe nicht verstanden und nie verstehen können, warum wir Russland so viel haben durchgehen lassen. Und deshalb heißt unser Buch „Das Versagen“. Spätestens ab 2014 war klar, was Putin will. Es gab kein Erkenntnisproblem, es gab ein massives Umsetzungsproblem. Deutschlands Antwort auf die Besetzung der Krim 2014 war nicht, Abhängigkeit zu reduzieren. Die Antwort war die neue Pipeline Nord Stream 2. Und wir haben sehr wenig für unsere Bundeswehr getan.

    Angela Merkel hatte ein besonderes Verhältnis zu Putin. Sie sprach Russisch, kannte das Land und hatte am Ende doch keine Handhabe. Wie erklären Sie das?

    GLOGER: Merkel wusste, um wen es sich handelt. Und sie hatte eine Strategie: durch stetes Gespräch Putin zu Kompromissen bewegen – auch kleinsten. Russlandpolitik war auch unter Merkel Chefinnen-Sache. Und dieses persönliche Verhältnis spielte eine Rolle. Sie sagte, wie sie selbst beschreibt, in Situationen: „Wladimir, darüber müssen wir noch einmal reden.“ Aber am Ende, sagen viele, ging Merkel offenbar davon aus: Er kalkuliert am Ende so wie wir – Kosten-Nutzen, Risiko-Nutzen. Dass er nicht den extrem riskanten Weg einer möglichen großen Auseinandersetzung mit dem Westen geht. Diese Grundannahme war falsch.

    Gibt es etwas aus Ihren Recherchen, was Ihnen Hoffnung macht?

    MASCOLO: Wir haben uns noch einmal die bemerkenswerten Schilderungen eines Treffens des ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan mit Michail Gorbatschow 1985 in Genf angeschaut. Reagan war ein Science-Fiction-Fan und fragte Gorbatschow unvermittelt: „Wenn die USA von Außerirdischen angegriffen würden, würden Sie uns beistehen?“ Gorbatschow sagte: Ja. Und dann fragte er zurück, ob die USA im gleichen Fall auch Russland verteidigen würden. Und Reagan sagte: Zweifellos. Von da an lief es in den Verhandlungen. Es wurden in kurzer Zeit sogar kühnste Abrüstungsschritte möglich. Manchmal reicht es, dass zwei vernünftige Menschen im richtigen Moment entscheiden, die Welt in eine andere Richtung zu bewegen. Diese Hoffnung sollten wir nie aufgeben.

    Zu den Personen

    Die Journalistin Katja Gloger, Jahrgang 1960, berichtete für den Stern aus Russland und den USA, Georg Mascolo, Jahrgang 1964, war unter anderem Chefredakteur des Spiegel. Ihr gemeinsames Buch „Das Versagen: Eine investigative Geschichte der deutschen Russlandpolitik“ erschien im Ullstein Verlag. (26,99 Euro, 496 Seiten).

    Diskutieren Sie mit
    XXX 4 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren