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Russland feuert mehr Drohnen und Raketen: Wie lange kann Putins Armee diese Zermürbungsschlacht in der Ukraine durchhalten?

Krieg in der Ukraine

„Ewiger Krieg“: Wie lange hält Putin die Zermürbungsschlacht durch?

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    Der russische Präsident Wladimir Putin während eines Besuchs eines Kommandopostens der russischen Armee.
    Der russische Präsident Wladimir Putin während eines Besuchs eines Kommandopostens der russischen Armee. Foto: Russian Presidential Press Service/AP, dpa

    „Wir kämpfen heute“, sagte Wladimir Putin diesen Sommer vor Offiziersschülern, „genauso um unsere Zukunft. Die Teilnehmer der Spezialkriegsoperation sind die direkten Erben der Helden des Großen Vaterländischen Krieges.“ Russlands Präsident vergleicht seine Ukraine-Spezialoperation (russisch kurz SWO) gern mit dem opferreichen Abwehrtriumph der Sowjetvölker gegen Hitlerdeutschland. Warum auch nicht? Der „Große Vaterländische“ dauerte 1412 Tage, die SWO kommt – Stand 15. Dezember 2025 – inzwischen auf 1390 Tage.

    In diesen Tagen keimt wieder einmal Hoffnung auf, dass diese seit 45 Monaten andauernde Zermürbungsschlacht ein Ende finden könnte. Nun, wo seit Sonntag in Berlin Delegationen aus den USA und der Ukraine zusammenkommen, um über einen möglichen Waffenstillstand zu beraten. Es geht darum, gemeinsam mit europäischen Vertretern Positionen abzustimmen. Ein Vertreter Moskaus ist allerdings nicht dabei.

    Selenskyj wirft Putin vor, seinem Land „so viel Schaden wie möglich zufügen“ zu wollen

    In Russland blickt man eher argwöhnisch auf die Verhandlungen in Berlin. Die Beiträge der Europäer und der Ukraine zum Friedensplan von US-Präsident Donald Trump würden „wohl kaum konstruktiv sein“, sagte Putins außenpolitischer Berater Juri Uschakow vor Beginn der Gespräche dem russischen Staatsfernsehen. „Darin liegt das Problem.“ Moskau verlangt, dass Kiew seine Truppen auch aus jenen Gebieten im umkämpften Industriegebiet Donbass abzieht, die Russland bisher nicht erobern konnte und die von der Ukraine weiter kontrolliert werden.

    Unterdessen spüren die Menschen in der Ukraine die Folgen der russischen Drohnen- und Raketenangriffe. Hunderttausende Familien sind nach den Worten von Wolodymyr Selenskyj ohne Strom. Der ukrainische Präsident wirft Putin vor, seinem Land „so viel Schaden wie möglich zufügen“ zu wollen. „Insgesamt haben die Russen in dieser Woche mehr als 1500 Angriffsdrohnen, fast 900 gelenkte Flugbomben und 46 Raketen verschiedener Typen auf die Ukraine abgefeuert. In nur einer Woche.“

    Bleibt die Frage: Wie lange kann Russland das überhaupt durchhalten? Wie groß sind seine politischen Kraftreserven, reichen sie vielleicht auch zum hybriden Sieg über das nervöse Westeuropa? Und wie unverletzlich ist seine Kriegswirtschaft?

    Zwei MiG-29-Jets einer russischen Kunstflugstaffel fliegen bei einer Vorführung während des „International Military Technical Forum Army“ in der Nähe von Moskau.
    Zwei MiG-29-Jets einer russischen Kunstflugstaffel fliegen bei einer Vorführung während des „International Military Technical Forum Army“ in der Nähe von Moskau. Foto: Pavel Golovkin, AP/dpa

    Laut Putin waren im September über 700.000 russische Soldaten im Einsatz, das Warschauer Zentrum für Oststudien bezifferte im März die Zahl der ukrainischen Frontkämpfer auf 300.000. Angesichts dieses Ungleichgewichts sagen viele Experten seit 2023 den Zusammenbruch der ukrainischen Front vorher. Die aber hält – eigentlich ein militärisches Wunder.

    Vielleicht ist es auch eine Frage der Motivation. Weder Putin selbst noch die Durchschnittsrussen glauben ernsthaft an einen Existenzkampf wie im Krieg gegen Hitler. Es gab keinen Massenansturm der Freiwilligen, keine Generalmobilmachung, doch eine Massenflucht junger Männer, als im September 2022 eine Teilmobilmachung von 300.000 Mann begann. Nur ein Bruchteil der sieben bis acht Millionen wehrfähigen Russen kämpft in der Ukraine. Man schickt auch die knapp 300.000 Rekruten nicht an die Front, die alljährlich ihre Wehrpflicht ableisten, um keine neue Soldatenmütterbewegung zu provozieren. Putins Autokratie ist populistisch, der Kreml will passive, zufriedene Konsumpatrioten.

    Und um Iwan-Normalverbraucher nicht zu beunruhigen, wirbt man fürstlich entlohnte Freiwillige an: Der Staat erhöhte in den vergangenen Jahren seine Handgelder auf bis zu umgerechnet 45.000 Euro, den Monatssold auf bis zu 4500 Euro. Für Provinzrussen mit Monatslöhnen von umgerechnet 300 Euro klingt das nach einem Lottogewinn – allerdings unter lebensgefährlichen Bedingungen.

    Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und Bundeskanzler Friedrich Merz am Sonntag in Berlin
    Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und Bundeskanzler Friedrich Merz am Sonntag in Berlin Foto: Fabian Sommer, dpa

    Russland hat seit Kriegsbeginn mehr Feuerkraft, mehr Artillerie und Geschosse. Etwa 100 ukrainischen Kampfflugzeugen stehen mindestens 850 einsatzfähige russische Kampfflugzeuge gegenüber. Sie starten Lenkbomben und Mittelstreckenraketen, an denen es der Ukraine ebenfalls mangelt. Die Produktionszahlen russischer Raketen, die die gesamte Ukraine treffen können, wachsen wie die der Kampfdrohnen.

    Laut dem Washingtoner Center for Strategic and International Studies griffen diesen Oktober 5300 russische Drohnen und 222 Raketen die Ukraine an. Zum Vergleich: Im Jahre davor waren es in diesem Monat 1900 Drohnen und 75 Raketen. Und das US-Institut für Kriegsstudien prognostiziert, Russland könne sehr bald mit 2000 Drohnen in einer Nacht attackieren. Was die Abwehrfähigkeit der Ukraine viel mehr bedrohen könnte als die ebenfalls unangenehme Lage an der Front.

    Ganze Branchen in Russland sind in Schieflage geraten

    Zudem steckt Moskau viel mehr Geld in diesen Konflikt als der kleine Nachbar und seine westlichen Gönner. 6,9 Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts, 40 Prozent des Jahresetats, umgerechnet 149 Milliarden Euro, fließen in diesem Jahr offiziell in den Militärhaushalt. Nach Schätzungen schluckt die Logistik des Feldzugs 45 Milliarden. Weitere 45 Milliarden gehen an die Kämpfer und ihre Familien, etwa 55 Milliarden in die Rüstungsindustrie. Über zwei Drittel fließen also in die eigene Wirtschaft. Landwirtschaft, Industrie, Handel und Dienstleistungssektor funktionieren augenscheinlich weiter wie üblich. Viele Beobachter betrachten weniger die Belastungen der Spezialoperation als ökonomische Gefahr für Russland, sondern vielmehr deren Ende.

    Zwar schrumpft die russische Wirtschaft derzeit – nach Zahlen des Internationalen Währungsfonds von 4,3 Prozent auf 0,6 Prozent Wachstum in diesem Jahr. Und das Loch im staatlichen Jahresetat von umgerechnet 39 Milliarden Euro 2024 wächst 2025 voraussichtlich auf über 63 Milliarden. Aber allein die verfügbaren Gold- und Devisenreserven der russischen Zentralbank von etwa 420 Milliarden Dollar würden den vaterländischen Militärhaushalt noch zweieinhalb Jahre decken.

    Seit 45 Monaten dauert die Zermürbungsschlacht an, hier Bilder eines russischen Angriffs in Saporischschja.
    Seit 45 Monaten dauert die Zermürbungsschlacht an, hier Bilder eines russischen Angriffs in Saporischschja. Foto: Kateryna Klochko, AP/dpa

    Im Sommer allerdings kürzten mehrere Regionen die Handgelder für SWO-Freiwillige drastisch. Seit Anfang November zieht die Armee weniger teure Reservisten ein. Sie sollen zunächst in Russland Feinddrohnen bekämpfen, dürfen laut einem neuen Gesetz aber auch im Ausland eingesetzt werden.

    Die Industrie hat andere Kaderprobleme. Awtowas, der größte Autohersteller des Landes, führte Kurzarbeit ein, die berühmte Rüstungsfabrik Uralwagonsawod will bis Februar 10 Prozent ihrer Mitarbeiter entlassen.

    83 Prozent der Russen sind einer publik gewordenen Geheimumfrage zufolge kriegsmüde

    In Russland sind ganze Branchen in Schieflage geraten. Die vaterländische Stahlproduktion schrumpfte 2024 um 8,6 Prozent, im ersten Quartal dieses Jahres um weitere 7,2 Prozent. Die Kohlebranche erwartet zum Jahresende Gesamtschulden von 16,6 Milliarden Euro, der staatliche Eisenbahnkonzern steht mit knapp 45 Milliarden Euro in der Kreide. Laut dem Exilökonomen Wjatscheslaw Inosemzow führt all das in ein paar Jahren zu staatlichen Emissionen und Inflation. „Dieses Problem kann man nicht beseitigen, aber man kann es verschieben. Und Putin will es verschieben, bis er die Ukraine vernichtet hat.“

    Die jedoch führt ihren Zermürbungskrieg. Ihre Ferndrohnen schlagen regelmäßig in Raffinerien und Ölterminals ein, dazu kommen Milliarden Dollar teure Zufälligkeiten wie der Absturz der russischen Ölexporte nach China und Indien nach Trumps Strafzolldrohungen an die beiden Hauptkunden Russlands. Solche Faktoren drücken die Öl- und Gasexporteinnahmen Russlands im November um 35 Prozent gegenüber dem November 2024.

    Die Notenpresse läuft bereits, die Zentralbank hat 2025 laut Moscow Times schon Staatsanleihen für 4,41 Billionen Rubel herausgegeben, also knapp 48,5 Milliarden Euro. Manche Experten verweisen auf den plötzlichen Kollaps des Zarenreiches nach drei Jahren Weltkrieg 1917. Alexandra Prokopenko vom Berliner Carnegie-Zentrum glaubt, Putin reiche das Geld noch 12 bis 14 Monate, um die SWO und zugleich den Wohlstand seiner Konsumenten zu finanzieren. Dann müsse er sich für eines von beiden entscheiden. Die Exilpolitologin Maria Snegowaja hält einen – weniger kostenintensiven – aber „ewigen Krieg“ für wahrscheinlich.

    Anfang Dezember in der Region Sumy: Auf diesem vom ukrainischen Katastrophenschutz zur Verfügung gestellten Foto löschen Rettungskräfteein Feuer in einem Wohnhaus, das durch einen russischen Angriff ausgelöst wurde.
    Anfang Dezember in der Region Sumy: Auf diesem vom ukrainischen Katastrophenschutz zur Verfügung gestellten Foto löschen Rettungskräfteein Feuer in einem Wohnhaus, das durch einen russischen Angriff ausgelöst wurde. Foto: Ukrainian Emergency Service, AP/dpa

    Wie gesund Russlands Wirtschaft wirklich ist, bleibt unklar, aus dem Maschinenraum kommen beunruhigende Geräusche. Offiziell lag die Inflation im Oktober bei 7,7 Prozent, aber die Benzinpreise sollen dieses Jahr um 15 Prozent zulegen, die Wohnnebenkosten wachsen um knapp zwölf Prozent.

    Auch die Stimmung ist in Bewegung geraten, Wladimir Putin ist inzwischen Führer einer Minderheit. Nach einer publik gewordenen Geheimumfrage des staatlichen Meinungsforschungsinstituts WZIOM vom Oktober sind 83 Prozent der Russen der SWO müde, laut einer gleichzeitigen Erhebung des unabhängigen Lewada-Zentrums votieren 62 Prozent für Verhandlungen.

    Niemand weiß, ob zuerst Russland wirtschaftlich oder die Ukraine militärisch ins Straucheln gerät

    Aber im Alltag bleiben die meisten Russen stumm, haben Angst – kein Wunder, seit Februar 2022 gerieten laut dem Portal OVD-Info 1383 Menschen in politische Strafverfahren. Auch die Wirtschaftsoligarchen der Jelzin- und der ersten Putin-Jahre sind entmachtet. Die Behörden haben zwischen Februar 2022 und August 2024 schon 802 Unternehmen enteignet. Wer seine Aktiva behalten will, zieht den Kopf ein.

    Innenpolitisch scheint Putin keine Gefahr zu drohen, militärisch ist sein Land unangreifbar, er kann sich ganz seiner Art von Außenpolitik widmen. Und er strapaziert gezielt die schlechten Nerven im Westen. Vor allem Europa ist er propagandistisch haushoch überlegen, Bots, Berufsfans und auf Angst setzende Boulevardmedien multiplizieren seine Drohungen, Narrative und Bluffs.

    Niemand weiß, ob zuerst Russland wirtschaftlich oder die Ukraine militärisch ins Straucheln gerät. Aber im Westen favorisiert man die Diskussion um Kiews Kollaps. Unter Russen dagegen kursiert ein alter Sowjetwitz: „Napoleon liest die Zeitung Prawda und ruft: ,Hätte ich so eine Propaganda gehabt, niemand hätte erfahren, dass ich die Schlacht von Waterloo verloren habe.’“ Sollte Putin doch Frieden schließen, würde er nie zugeben, dass seiner Wirtschaft der Bankrott drohte.

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