Das Zentrum von Washington wirkte außergewöhnlich ruhig, bevor es von mehreren Schüssen jäh erschüttert wurde. Mit dem Thanksgiving-Fest stand der wichtigste uramerikanische Familienfeiertag bevor. Beamte und Lobbyisten befanden sich auf dem Weg zu ihren Angehörigen draußen im Land. Donald Trump spielte auf seinem Anwesen in Florida eine Runde Golf. Rund um das Weiße Haus schienen bei strahlendem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen nur ein paar Touristen herumzustreifen.
Um kurz nach 14 Uhr Ortszeit, so zeigen es Videoaufnahmen, kam nahe der Metro-Station Farragut West, gut zwei Häuserblocks vom Sitz des Präsidenten entfernt, ein Mann um die Ecke und eröffnete das Feuer auf eine Gruppe uniformierter Nationalgardisten, die dort patrouillierte. Zwei Soldaten wurden lebensgefährlich verletzt. Andere eilten ihnen zu Hilfe, schossen den Attentäter an und nahmen ihn fest.
Trump ist in der Defensive
Nicht nur die Szenerie an der Straßenecke änderte sich schlagartig, als Dutzende jaulende Polizeifahrzeuge herbeieilten. Auch politisch schienen sich die Gewichte zu verlagern. Angesichts schlechter Umfragewerte, der Debatte über die Epstein-Akten, der öffentlichen Kritik an seiner politischen Instrumentalisierung des Militärs und des Befremdens auch von republikanischen Senatoren über seinen vom Kreml inspirierten Ukraine-Plan war Trump zuletzt ungewohnt lange in der Defensive gewesen. Noch ehe Genaueres über die Tat bekannt war, präsentierte er sich nun wieder als Mann der eisernen Härte, der das „Tier“, wie er den Täter nannte, „einen sehr hohen Preis“ zahlen lassen werde.
Der Aufenthaltsstatus des Täters ist ebenso unklar wie seine Motive. Doch scheint er nach dem überstürzten Abzug der US-Truppen vom Hindukusch ein spezielles Evakuierungsprogramm für gefährdete Afghaninnen und Afghanen genutzt zu haben. Die Biden-Regierung hatte die „Operation Allies Welcome“ gestartet, um vor allem ehemalige lokale Mitarbeiter des US-Militärs und der Botschaft vor möglichen Vergeltungsaktionen der Taliban zu schützen. Der mutmaßliche Täter soll mit dem CIA in Kandahar zusammengearbeitet haben. Die Republikaner haben in der Vergangenheit bemängelt, dass die Sicherheitsüberprüfung der insgesamt 76.000 Menschen, die so in die USA kamen, nicht gründlich genug gewesen sei.
Bluttat als Brandbeschleuniger
In der politisch extrem aufgeheizten Stimmung der USA wirkt die Bluttat wie ein Brandbeschleuniger. Während noch völlig unklar war, ob der Attentäter ein politisches Motiv hat, erklärte Trump die Schüsse in einer Videobotschaft bereits zum „Terrorakt“ und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.
In einem ersten Schritt stoppte die zuständige Behörde USCIS die Bearbeitung aller Einwanderungsanträge von Afghanen. Doch dabei dürfte es kaum bleiben: Schon fordern ultrarechte Hardliner wie Senator Tommy Tuberville ein Einreiseverbot für alle Muslime. Die rechte Fox-Moderatorin Laura Ingraham behauptete zudem, alle amerikanischen Kritiker des Einsatzes der Nationalgarde in den Städten hätten nun „Blut an ihren Händen“.
Entsendungen von Truppen eskaliert Lage weiter
Tatsächlich wird die Entsendung der militärischen Reserveeinheit auf amerikanische Straßen höchst kontrovers diskutiert. Trump hatte im August erste Truppen nach Washington beordert, weil die Stadt angeblich die Kriminalität nicht in den Griff bekommt. Inzwischen sind hier 2188 Soldaten aus neun Bundesstaaten stationiert. Jane Mayer, eine Investigativreporterin des Magazins The New Yorker, nannte die Bluttat deshalb „tragisch und unnötig“. Die Nationalgardisten hätten „praktisch nichts zu tun“, schrieb sie bei X: „Es ist eine reine politische Inszenierung – zu welch einem hohen Preis!“
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