Diesmal sprach das Unterbewusstsein aus Friedrich Merz, ohne dass sich wohl irgendjemand, daran störte: In der ARD-Sendung „Arena“ stellte sich der Kanzler den offensichtlich gut vorbereiteten Fragen eines Live-Publikums. Ein rheinhessischer Winzer erinnerte daran, dass der CDU-Chef einst als Oppositionsführer seinen Vorgänger Olaf Scholz als „Klempner der Macht“ schmähte, und wollte nun wissen, mit welchem Handwerker sich der Kanzler heute vergleichen würde. Merz entschied sich für einen Maurer: „Wenn ich das mit dem Maurer sage, dann meine ich es fast ein bisschen ernst, das Fundament ist da, aber wir müssen wesentliche Teile des Hauses neu bauen.“
Tatsächlich wäre Merz in jungen Jahren fast als Maurer am Bau gelandet, wenn es nach seinem Vater gegangen wäre. Zumindest kann man dies in Biografien nachlesen. Der junge, Alkohol und Zigaretten zugetane Friedrich Merz soll es mit seinem frisierten Militärmotorrad in seiner Jugend so wild getrieben haben, dass sein Vater sich bereits nach einer Maurerlehre für den Sohn umgesehen haben soll, falls es mit dem Abitur nichts würde. Doch nach einem Wechsel des Gymnasiums kriegte der Sauerländer doch die Kurve und studierte am Ende wie der Vater Jura.
Merz wird beim Thema Migration persönlich
Heute fürchten Unionsstrategen spontan geäußerte Gedankengänge des Kanzlers. Und so war bei der ARD-Arena natürlich auch die von Merz impulsiv angestoßene „Stadtbild-Debatte“ ein großes Thema. Eine junge Medizinstudentin wollte vom Kanzler wissen, ob ihm nicht bewusst sei, wie negativ solche Aussagen bei Menschen mit Einwanderungsgeschichte ankämen, auf die das Gesundheitssystem stark angewiesen sei. Merz gab sich nun auch vor Publikum so selbstkritisch, wie er es bislang nur hinter verschlossenen Türen intern gemacht haben soll.
„Das würde ich heute anders machen“, sagte der Kanzler. „Ich hätte vielleicht früher sagen sollen, was ich damit meine“, betonte er. Wenn man ihn dafür kritisiere, nehme er das an. „Wir brauchen Migration, wir brauchen Einwanderung“, sagte Merz und gab der Fragestellerin recht, insbesondere, was den Gesundheits- und Pflegebereich angehe: „Meine Eltern leben in einem Pflegeheim“, berichtete der Kanzler. „Ich sehe, was die Menschen dort leisten. Und ohne diejenigen, die aus anderen Ländern kommen, geht es einfach nicht mehr.“ Diese Differenzierung in der Migrationspolitik wolle er künftig stärker betonen.
Warum Merz die alte Migration ins Ruhrgebiet heute für ein Vorbild hält
Das Ruhrgebiet lebe noch heute von der Einwanderung, die dort vor 150 Jahren begonnen habe. Dies habe die Industrienation Deutschland mit groß gemacht. „Und diese Geschichte möchte ich gerne fortschreiben. Unser Land muss ein offenes Land bleiben für Einwanderung derer, die hier arbeiten wollen, die hier leben wollen und die sich in Deutschland integrieren wollen und können“, betonte Merz. Doch es gebe eben auch eine zweite Seite mit Problemen in Zusammenhang mit der seit 2015 stark gestiegenen Zahl von Asylbewerbern, die er in der Debatte um das Stadtbild zu thematisieren versucht habe. „Ich glaube, jeder, der guten Willens war, wusste, was ich damit meinte“, sagte Merz.
Der Kanzler betonte, dass seine Regierung innerhalb von nur sieben Monaten die Zahl der Asylanträge um mehr als die Hälfte reduziert habe. „Die Zahlen gehen weiter runter“, erklärte Merz. Auch innerhalb der EU treibe die Bundesregierung die Zurückdrängung der ungesteuerten Einwanderung maßgeblich voran. „Das hängt sehr stark an Deutschland, wie wir uns in diesen Fragen positionieren“, behauptete der Kanzler.
Die Asylzahlen sinken mehr als anderswo in Europa. Welchen Anteil hat Schwarz-Rot?
Tatsächlich zeigen Zahlen, die die EU kommende Woche veröffentlichen will, dass in Deutschland die Asylzahlen unter den Haupteinwanderungsländern am stärksten zurückgehen: In den ersten neun Monaten 2025 sind sie um 52 Prozent gesunken. Dieser Trend begann allerdings schon unter der alten Bundesregierung: Schon im vergangenen Jahr sanken die Asylzahlen um 30 Prozent.
Fachleute erklärten dies vor allem damit, dass es in den Jahren 2022 und 2023 eine Art Nachholeffekt bei Migranten, aber auch Schleusern gab, der zuvor die Zahlen hochgetrieben hatte. Allerdings kann die aktuelle Bundesregierung aus ihrer Sicht als Erfolg verbuchen, dass die Zahlen in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern deutlich schneller sinken. Zudem liegt die Bundesrepublik erstmals seit 2000 nicht mehr unter den ersten drei der Zuwanderungsländer in der EU.
So scheint zumindest die Asylpolitik ein Bereich, in dem die Koalition ihren Ankündigungen gerecht wurde. Denn auf der Regierungsbaustelle gibt es auch laut Maurer Merz noch viel tun: „Ich gebe zu, ich bin noch nicht zufrieden, aber wir haben angefangen.“
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