Die Turnschuhe glänzen weiß. Selbst die Sohlen strahlen vor Sauberkeit. Die Streifen an den Seiten der Sneaker sollen an eine große Sportmarke erinnern. Doch die Schuhe sind keine echte Markenware. Ein Exemplar ist am Fuß von Ahmed Kasom, der sich vorbeugt und eine Schleife in die Schnürsenkel bindet. Der andere steckt auf einer Prothese. Ein Stahlrohr mit Fuß. Mit ihr wird der 29-Jährige wieder ohne Krücken gehen können. Ein Prothesentechniker der Hilfsorganisation Handicap International passt die Prothese vorsichtig an. Es waren Monate des Wartens. Behandlungen und Bandagierung des amputierten Beins, Physiotherapie, Gleichgewichtsübungen, Gesprächstherapien, Anpassungen der Prothese. Die letzte ist nun erfolgt.
Ahmed Kasom steht auf. Er ist ein großer, schlaksiger Mann. Jetzt also die ersten Schritte im Dämmerlicht des Zuhauses. Das Zuhause besteht aus vier Wänden, über die eine Plane gespannt ist. Große Sitzkissen reihen sich auf dem grauen Betonboden entlang der Wand. Ein Gaskocher steht auf einer Kiste im Eck, ein Vorhang teilt den Raum hälftig. Dahinter befindet sich der Schlafbereich. Während man in Berlin darüber diskutiert, wie würdig es sich in Syrien lebt und wie man mehr Flüchtlinge dazu bringt, Deutschland zu verlassen, wohnt eine sechsköpfige Familie hier, im Bezirk Idlib, auf weniger als 25 Quadratmetern.
Ahmed Kasom lebt in einem kleinen Dorf, verdingt sich als Tagelöhner. Viele kleine Flüchtlingscamps ducken sich hier zwischen die Olivenhaine. Kasom packt überall an, wo nach seiner Arbeit gefragt wird. „Am besten läuft es zur Olivenernte“, erklärt er. Im Januar passiert das Unglück mit seinem Bein. Auch im Umfeld seines Dorfes wurde in dem jahrelangen Krieg gekämpft. Eine Landmine hatte er trotzdem nicht zwischen den Bäumen befürchtet. Ein dumpfer Knall. Die Explosion frisst sich in die Knochen. Ahmed Kasom kann sich noch einige Meter weiter schleppen. Dort finden ihn die anderen Arbeiter, bringen ihn ins Hospital. Der junge Mann überlebt. Aber als er nach der Operation erwacht, ist sein Bein unterhalb des rechten Knies amputiert.
Sobald er mit der Prothese wieder gehen kann, will er bei der Olivenernte arbeiten
„Es war ein unglaublicher Schock für mich. Es hat lange gebraucht, bis ich mich wieder als ganzer Mensch gefühlt habe“, erklärt er. Die psycho-soziale Unterstützung durch Handicap International habe ihm viel geholfen: „Nicht aufgeben, das war das große Ziel.“ Im Orthopädie-Zentrum des Aqrabat Krankenhauses wird ihm eine Prothese angefertigt. Unterstützt wird die Einrichtung ebenfalls von Handicap International. Jetzt macht er endlich zuhause die ersten Schritte. Zuerst wackelig, dann geht es hinaus an die Sonne. Er holt immer sicherer zu großen Schritten über den staubigen Boden aus.
„Passt“, sagt Ahmed Kasom. Über sein Gesicht zieht ein Lächeln. Hinter ihm taucht sein Jüngster auf. Keine vier Jahre ist er alt. Er trägt zwei Krücken aus Aluminium zu seinem Vater, die größer sind als das Kind. Die ganze Familie lacht. „Die brauche ich jetzt nicht mehr allzu oft“, meint Ahmed Kasom und streichelt seinem Sohn über den Kopf. Mit der Prothese hofft er, wieder voll arbeiten zu können. Dann geht es wieder zur Olivenernte. Was der 29-Jährige nicht verhindern wird können, Angst wird dabei oft sein Begleiter sein.
Ein Gefühl, das für Millionen von Syrerinnen und Syrern über Jahre ein ständiger Begleiter war. Der „Arabische Frühling“, die Hoffnung auf eine Demokratisierung Syriens, endete 2011 in einem blutigen Krieg mit den unterschiedlichsten Kriegsparteien: Der Islamische Staat, die Demokratischen Kräfte Syriens im Osten und verschiedene Oppositionsgruppen unterschiedlicher Herkunft kämpften um Macht und Vorherrschaft. Lange Zeit sah es so aus, als sei Diktator Assad dank seiner militärischen Unterstützung durch den Iran, die libanesische Hizbollah und Russlands nicht zu besiegen. Russland unterstützte das Regime mit massiven Luftangriffen. Städte und Dörfer verwandelten sich in Trümmerwüsten. Bis heute sind die Ruinen und Felder mit Blindgängern verseucht.
Nach Einschätzung von Menschenrechtsorganisationen erfuhren oppositionelle Gruppen wiederum Hilfe unter anderem aus den USA, der Türkei oder Saudi-Arabien. Dann kam 2024 eine schnelle und für viele unerwartete Wende: Zwischen 27. November und 8. Dezember 2024 eroberten Rebellen des Bündnisses Hayat Tahrir al-Sham (HTS) weite Teile des von Assad-Truppen beherrschten Landes. Die HTS hatte in der Provinz Idlib zuvor eine autonome Zone errichtet. Zusammen mit der Oppositionsgruppe SNA stürzte sie das Regime. Assad floh am 8. Dezember 2024 nach Moskau. Eine militärische Koalition unter der Führung der HTS bildete eine Übergangsregierung. Ende Januar 2025 wurde der HTS-Vorsitzende Ahmed Al-Scharaa zum Übergangspräsidenten ernannt. Er kündigte eine dreijährige Übergangsphase mit einer Verfassungsreform an. Ein stabiler Frieden für ganz Syrien ist noch nicht eingekehrt. Ethnische und religiöse Minderheiten, wie Christen, Drusen oder die Alawiten, klagen laut Informationen von Human Rights Watch über die Unterdrückung ihrer Rechte. Es kommt in Teilen Syriens immer wieder zu Gefechten.
Vergangene Woche ist der deutsche Außenminister in Syrien. Er besucht den weitgehend zerstörten Vorort Harasta nordöstlich der Hauptstadt Damaskus und zweifelt angesichts der massiven Verwüstungen daran, dass eine große Zahl syrischer Flüchtlinge freiwillig dorthin zurückkehren werde. „Hier können wirklich kaum Menschen richtig würdig leben“, sagt CDU-Mann Johann Wadephul. Seither ist man in Berlin bemüht, die neu entbrannte Syrien-Debatte wieder einzufangen. Denn in der Unionsfraktion verstehen nicht wenige Wadephuls Äußerung als Distanzierung vom Merz stellt dann auch umgehend klar: „Der Bürgerkrieg in Syrien ist beendet. Es gibt jetzt keinerlei Gründe mehr für Asyl in Deutschland und deswegen können wir auch mit Rückführungen beginnen.“ Er setzte darauf, dass ein großer Teil der syrischen Flüchtlinge freiwillig zurückkehren werde, um sich am Wiederaufbau des Landes zu beteiligen.
Viele der Patienten in den Krankenhäusern sind Kinder, denen Explosionen Körperteile weggerissen haben
In Idlib droht keine Gefahr durch Kämpfe, die Sicherheitslage ist stabil. Doch die Dichte an Landminen und Blindgängern gilt hier als besonders hoch. In den Regierungsbezirken von Idlib und Aleppo im Nordwesten des Landes liegen beispielsweise die meisten Landminen vergraben. Städte wie Aleppo erlebten zudem schwere Luftangriffe. Seit 2011 wurden in Syrien etwa eine Million Minen und explosive Kampfmittel, darunter auch ein hoher Anteil improvisierter Sprengfallen, in Wohnhäusern und selbst Schulen eingesetzt. „Bis zu 30 Prozent dieser Kampfmittel sind nicht detoniert, das heißt, zwischen 100.000 und 300.000 nicht explodierte explosive Kampfmittel liegen noch immer in Trümmern, auf Feldern, Zufahrtsstraßen und in Grundwasserleitern in ganz Syrien“, heißt es bei Handicap International.
Die Folgen sieht Hesham Alhaj jeden Tag. Im Aqrabat Krankenhaus leitet er die Anfertigung von Prothesen und die Betreuung der Patientinnen und Patienten. Letztere sind nicht selten Kinder, denen Explosionen Körperteile weggerissen haben. Auch Ahmed Kasom ist Patient. Ahmed hat eine Anreise von 40 Kilometern in wackeligen Bussen und Sammeltaxis zu bewältigen. „Ich hoffe, die Prothese gibt ihm eine Chance“, sagt Hesham Alhaj. 8000 Fälle betreut seine Einrichtung im Jahr, sagt er. Hunderte brauchen eine Erstprothese, andere eine Reparatur. Vor den mannshohen Spiegeln üben Versehrte das Gleichgewicht. Oder versuchen, mit ihrer Prothese Gummibälle zu kicken.
„Die vielen Minen und Blindgänger werden leider dafür sorgen, dass wir weiterhin viel zu tun haben“, seufzt Alhaj. Viele Binnenvertriebene kehren seit Monaten an die Orte zurück, aus denen sie geflohen sind. Es ist nicht selten eine gefährliche Rückkehr. „Doch die Menschen wollen natürlich zurück in ihre Heimatorte. So viele Jahre konnten sie es nicht, war ihr Zuhause unerreichbar“, sagt ein Handicap-International-Mitarbeiter in Atmeh.
Ein Blick aus seinem Büro fällt auf die Camps der Binnenvertriebenen. Viele sind bereits größtenteils geleert. Atmeh liegt nahe der türkischen Grenze. An einem Hügel hinauf ziehen sich die Ruinen der Behelfsunterkünfte. Vier Wände, während des Kriegs schnell hochgezimmert. Die Plane darüber haben die Bewohnerinnen und Bewohner bei ihrer Rückkehr mitgenommen. So ist schnell zu sehen, kaum einer ist geblieben. Die Anhöhe wirkt wie mit leeren Bienenwaben überzogen. Mit dem Gros der Binnenvertriebenen zogen auch die Hilfsorganisationen ab. Die wenigen Menschen, die noch da sind, finden immer weniger Unterstützung. Sie sind zurückgeblieben in der Trostlosigkeit der aufgelassenen Camps.
„Von meinem Haus ist nichts übrig“, sagt der Mann
So wie Ibrahim, der auf einem Moped vorbeikommt. Er hat einen Katheder mit einem Urinbeutel unter seiner Jacke und dem Pullover. „Die Ärzte sind weg“, sagt er. Nach Hause könne er nicht. „Von meinem Haus ist nichts übrig. Außer vielleicht Blindgänger in den Trümmern und auf meinen Feldern. Hier habe ich wenigstens einen Ort zum Schlafen. Also was tun?“, meint er traurig. Deswegen bleibt er. Vorerst.
Doch fast alle seiner ehemaligen Nachbarn sind zurückgekehrt. In Kleinstädte wie Sarmin, zum Beispiel. Der Krieg hat dort seine Spuren hinterlassen. In Häuserzeilen klaffen eingestürzte Gebäudeteile, sie erzählen von den Einschlägen schwerer Bomben. Aber aus der örtlichen Zat Al-Nitaqain Schule dringt aufgeregtes Stimmengewirr. Ein Team von Handicap International gibt heute eine ungewöhnliche Stunde. Sie klären über die Gefahren durch Blindgänger und Landminen auf. „Wo können die den überall versteckt sein?“, fragt die Mitarbeiterin der Hilfsorganisation. Die Finger der Kinder schnellen nach oben. „Da, wo kaputte Häuser sind“, sagt ein Mädchen. „Im Garten“, ein anderes. „Auf den Feldern“, meint ein Junge. Dann lernen sie, wie eine Streubombe aussieht, eine Landmine, eine Panzerfaust-Granate … Was zu tun ist, wenn sie eines der gefährlichen Dinger finden. „Ja nicht anfassen“, meint ein Bub mit Stupsnase. „Richtig“, hört das Kind. „Dann kommen wir von Handicap International, kennzeichnen den Sprengkörper. Damit jeder weiß: Hier nicht hingehen. Bald darauf wird das Ding entschärft“, erklärt die HI-Instruktorin.
Ahmed Kasom hat Angst um seine Kinder. Dass noch weitere Sprengsätze in der Nähe seines Dorfes vergraben sind. Sein amputiertes Bein, hofft er, ist die beste Warnung für seine Söhne und Töchter, vorsichtig zu sein.
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