Juri Vinograd hat nichts außer einem kleinen Rucksack bei sich, als er aus der umkämpften ukrainischen Stadt Cherson flieht. Mit einem kleinen Boot gelangt der 73-Jährige auf die andere Seite des Dnjepr und von dort aus auf die Krim, ehe er in einen Bus steigt, der ihn in das fast 1000 Kilometer entfernte Georgien bringt. Es ist die vorletzte Etappe auf seinem Weg nach Israel, wo seine Tochter Anna lebt. Arye Sharuz Shalicar erinnert sich noch gut, wie er den Schwiegervater am Flughafen in Tel Aviv abgeholt hat: „Er hatte rote Augen vom Weinen und einen leeren Blick.“ Später wird der Neuankömmling sagen: „Mein Körper ist in Israel. Meinen Kopf und meine Seele habe ich in Cherson gelassen.“
Die Geschichte von Juri Vinograd an sich ist schon beklemmend genug – im Hause Shalicar aber ist sie nur eines von vielen Dramen. Der 48-jährige Arye selbst arbeitet im zivilen Leben im Stab von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, war nach den Massakern der Hamas vom 7. Oktober 2023 aber vor allem als Soldat an der Grenze zum Gazastreifen im Einsatz. Er hat israelische Opfer gesehen, die zu beschreiben alles gerade noch Ertragbare überschreitet, auch das, was man als Zeitung den Lesern zumuten kann. Und er schaut besorgt in den Iran, aus dem seine eigene Familie stammt. Seit sie in den Siebzigerjahren vor dem wachsenden Antisemitismus unter dem damaligen Schah nach Deutschland geflohen sind, haben seine Eltern keinen Fuß mehr in ihr Heimatland gesetzt. Die Sehnsucht aber stirbt zuletzt.
Einen Direktflug aus Tel Aviv nach Teheran gab es zuletzt 1979
Shalicar sagt von sich, er fühle sich, obwohl in Göttingen geboren und in Berlin aufgewachsen, ebenfalls als Exil-Perser. Aber er war noch nie im Land seiner Vorfahren. Als Israeli einfach in den Iran zu reisen – undenkbar. Ein Direktflug von Tel Aviv nach Teheran gar – den gab es zuletzt im Februar 1979. Sein Verhältnis zur Ukraine dagegen ist trotz der familiären Bande eher distanziert, wofür er auch den von ihm empfundenen Antisemitismus in der früheren Sowjetrepublik verantwortlich macht. Ja, das Land gehöre jetzt zur Familie, weil er eine gebürtige Ukrainerin geheiratet hat, aber die Ereignisse dort gingen ihm nicht so nahe wie die im Iran. „Der Iran ist in mir“, sagt Shalicar. Das macht einen Unterschied. Mit seinen Eltern spricht er noch immer Persisch.
Den Schwiegervater vor den russischen Angriffen gerettet, die eigenen Eltern in Sorge um ihre Geschwister, die noch im Iran leben, er selbst als Beamter und Offizier der Reserve an einer Nahtstelle des Nahost-Konfliktes: In kaum einer Familie bündeln sich die geopolitischen Probleme so wie in der von Arye Sharuz Shalicar, zu der obendrein auch noch ein paar eingeheiratete Kurden gehören. „Ich lebe parallel in mehreren Konfliktzonen“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. „Mein Herz ist jeden Tag am Fiebern.“ Seinen Eltern, persische Juden, die ihm später aus Deutschland nach Israel gefolgt sind, geht es ähnlich. Ständig höre sein Vater Radio auf Persisch, erzählt Shalicar. Anrufen könne er seine Verwandten im Iran aber nicht mehr. „Das ist gerade zu gefährlich. Wir wollen niemanden gefährden.“ Die Mullahs, soll das wohl heißen, hören mit.
Sein Lebenstraum: Israels Botschafter in einem freien Iran
Eine Familie unter solchen Umständen zusammenzuhalten, ist schier unmöglich. Shalicars Schwiegermutter lebt in Bayern, sie hat die Ukraine mit ihrer Tochter lange vor deren Vater verlassen, andere Verwandte sind vor den Mullahs in die USA geflohen. Er selbst hängt auch noch an Deutschland, wo er bis zum Jahr 2001 gelebt und es zu einer gewissen Bekanntheit als Autor mehrerer Bücher gebracht hat, darunter eines mit Briefen seines Schwiegervaters aus der Ukraine („Tagesbuch aus Cherson“) und eines über seine ganz persönlichen Erlebnisse im Gaza-Krieg („Überlebenskampf“). Was ihn antreibt, ist die Hoffnung. Jede Schreckensherrschaft, sagt er, komme einmal an ihr Ende. „Es ist nur eine Frage der Zeit.“ Im Iran gebe es kaum eine Familie, in der noch niemand von den Handlangern des Regimes entführt, geschlagen, weggesperrt oder gar getötet worden sei. Nach den jüngsten Protesten allerdings ist der Widerstand wieder abgeflaut, und auch US-Präsident Donald Trump hat seinen markigen Drohungen gegen die Machthaber in Teheran bisher keine Taten folgen lassen.
An dem Tag, an dem das Mullah-Regime stürzt, weiß Shalicar allerdings, was er zu tun hat. Dann wird er sich für einen neuen Posten bewerben – den des ersten israelischen Botschafters in einem freien Iran. „Das ist mein Lebensziel“, sagt er. Erreichbar im Idealfall mit einem Direktflug aus Tel Aviv.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren