Plastik dringt immer tiefer in Leben und Körper der Menschen ein. Mehr als zwei Dutzend Gesundheitsexperten betonen im Fachmagazin The Lancet: „Kunststoffe verursachen Krankheiten und Todesfälle vom Säuglingsalter bis ins hohe Alter.“ Wie kann die Menschheit die Flut von Plastik eindämmen? UN-Länder wollen nach tagelangem Feilschen bis Donnerstag, spätestens Freitagmorgen ein globales Abkommen gegen Verschmutzung durch Plastik verabschieden. Doch die großen Öl-Produzenten, Saudi-Arabien, Russland und auch die USA blockieren einen weitreichenden Vertrag. EU-Umweltkommissarin Jessika Roswall, warnt: „Wir bewegen uns nicht genug nach vorne.“ Und Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, schloss sogar ein Scheitern der Verhandlungen nicht aus.
Ertrinkt die Welt wirklich in Plastik?
Das scheinbar unverwüstliche Plastik findet sich überall. Als Material für Flaschen, in Uhren, in Laptops. Kunststoff verschandelt die Gebirge, belastet Wald und Flur, verstopft Meere und Siedlungen. Bislang wurden auf der Welt mehr als zwölf Milliarden Tonnen Plastik hergestellt. „Rund drei Viertel des Stoffs existieren immer noch: auf Mülldeponien, in der Umwelt oder in den Ozeanen“, schreibt Greenpeace.
Wird die Plastik-Produktion weiter steigen?
Falls die Länder nicht gegensteuern, wächst der Output weiter. Im Jahr 2024 belief sich die Produktion laut den UN auf 500 Millionen Tonnen. Schon 2025 könnten es gemäß Greenpeace 516 Millionen Tonnen sein: Die Umweltschützer prognostizieren: „Bis 2060 dürfte sich diese Menge sogar mehr als verdoppeln, mit verheerenden Folgen für Mensch, Tier, Klima und Natur.“
Wie greift Plastik unsere Gesundheit an?
Der Geoökologe Stefan Krause von der Universität Birmingham, betont: „Mikro- und Nanoplastik nimmt man über die Nahrung, das Wasser und die Luft auf.“ Die Stoffe erreichten schon im Mutterleib das ungeborene Baby. Ablagerungen seien in den meisten Organsystemen und in Arterien von Menschen nachgewiesen worden. Selbst Partikel, die wieder vom Körper ausgeschieden werden, könnten vorher Additive im Körper freisetzen. Viele chemische Stoffgruppen beeinflussen den Körper und können Entzündungen verursachen, einige seien krebserregend.
Wie lauten die zentralen Ziele der Verhandlungen in Genf?
Die zentralen Ziele von rund 100 Ländern lauten so: die Herstellung von Plastik zu reduzieren, die Mehrfachverwertbarkeit der Produkte, das Recycling sowie eine umweltschonende Entsorgung zu fördern und Finanzhilfe für arme Länder zu gewährleisten. In dem offiziellen Leitfaden für die Verhandlungen wird verlangt, den gesamten Lebenszyklus von Kunststoffen abzudecken: vom Design über die Produktion bis hin zur Entsorgung, „um die Kreislaufwirtschaft für Plastik zu fördern“.
Wer bremst die Verhandlungen aus?
Erdöl dient als Grundprodukt für Plastik. So verwundert es kaum, dass die großen Erdölländer Saudi-Arabien, Iran und Russland einen schwachen Vertrag anstreben. Die Öl-Staaten lehnen eine Begrenzung der Plastik-Produktion ab. Sie bieten allenfalls an, über die Entsorgung der Abfälle zu reden. David Azoulay vom Zentrum für internationales Umweltrecht (CIEL), umschreibt die Beweggründe der Bremser: „Für sie geht es nicht nur um eine Frage der Wirtschaftlichkeit, sondern um den Erhalt ihrer Machtstrukturen.“ Zudem stehen die USA unter Präsident Donald Trump auf der Bremse.
Was sagt die Industrie?
Der Branchenverband Plastics Europe räumt ein: Umweltverschmutzung durch Kunststoff ist ein „großes Problem“. Christine Bunte, Hauptgeschäftsführerin von Plastics Europe Deutschland, will die Kreislaufwirtschaft vorantreiben, mit „ambitionierten, länderspezifischen Zielen für Recycling und den Einsatz von recycelten Kunststoffen in neuen Produkten“. Entscheidend ist demnach, dass sich die Länder verpflichten, nationale Ziele zu verabschieden und durchzusetzen. Weiter fordert der Verband eine geordnete Abfallentsorgung für die 2,7 Milliarden Menschen ohne solche Systeme.
Wann könnte ein Vertrag in Kraft treten?
Die Genfer Verhandlungen knüpfen an die fünfte Runde in Südkorea an, die im Dezember 2024 ohne Einigung endete. Die erste Runde fand 2022 statt. Falls die Parteien jetzt ein Abkommen verabschieden, muss es noch unterzeichnet und ratifiziert werden. Der gesamte Prozess bis zum Inkrafttreten kann Jahre dauern. Der Delegationsleiter von Panama, Juan Carlos Monterrey-Gomez, unterstreicht: Das schlimmste Ergebnis ist „nicht Uneinigkeit, sondern eine Vereinbarung, die so schwach ist, dass sie nichts ändern würde“.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren