„Ich freu’ mich über jeden linken Box-Club und jede linke Nachhilfe, die es gibt“, hatte Jette Nietzard zuletzt im Freitagssalon bei Jakob Augstein gesagt. Es ging im Berliner Renaissance-Theater um die Gründe, warum Nietzards Vorgänger an der Spitze der Grünen Jugendorganisation im Herbst 2024 zurück und gleich auch aus der Partei ausgetreten waren. Der Grund damals: Die Grünen seien nicht links genug. Nicht mal ein Jahr später, findet Nietzard, ist das noch immer so. Die 26-Jährige stellt nun ihrerseits auch ihr Amt zur Verfügung. Und platziert erneut ein oder zwei Schwinger.
Sie habe in den letzten neun Monaten versucht, erklärte die Politikerin mit Blick auf ihren für Oktober vorgesehenen Rücktritt, bei den Grünen eine „linke Hoffnung, eine linke Stimme“ zu sein. Allerdings gab es heftigen Widerstand in der eigenen Partei. „Mal wurde ich in Fraktionssitzungen ausgebuht, mal wurde ich von Realo-Spitzenpersonal angeschrien oder von Ministerpräsidenten oder solchen, die es werden wollten, wurde mein Rücktritt gefordert“, fährt die in Westdeutschland geborene Ost-Berlinerin fort und meint damit den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und Cem Özdemir, der ihn gerne im Amt beerben würde.
Sich gegen die AfD mit Waffen wehren?
Ihr sei klar geworden, fährt sie fort, dass sie „in diesem Bundesvorstand“ ihrer Partei keine Zukunft haben könne. Denn: „Bei ständigen Anfeindungen kann einfach keine gute Politik entstehen“. Die Frau polarisiert: Im Frühjahr etwa hatte Nietzard sich auf ihrem privaten Instagram-Kanal gezeigt und dabei einen mit dem Kürzel „ACAB“ bewehrten Pullover getragen. Das steht für „All Cops Are Bastards“. Als Ex-FDP-Chef Christian Lindner nach dem liberalen Wahldebakel aufhörte, gab sie ihm mit auf den Weg: „Ich freue mich, dass der Mann von @francalehfeldt jetzt kürzer tritt, um ihr Karriere und Kind zu ermöglichen.“ Diese populistische Provokations-Liste ließe sich fortführen. Zu Silvester schrieb sie: „Männer, die ihre Hand beim Böllern verlieren, können zumindest keine Frauen mehr schlagen.“ Im Nachhinein distanzierte sie sich von dem ein oder anderen Post. Wohl nicht nur Kretschmann meint, Nietzard sei in der Linkspartei besser aufgehoben.
Bei den Grünen will sie allerdings bleiben. Und als linke Stimme stieß sie Renaissance-Theater gleich eine neue Debatte an. In Augsteins Salon ging es auch um die Frage, wie man 2029 mit einem etwaigen Wahlsieg der vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuften AfD umgehe, wie sehr die Zivilgesellschaft darauf vorbereitet sei. Die Antifaschistin Nietzard sagte: „Ich glaube nicht, dass ich darauf eine Antwort habe. Ich glaube schon, dass es eine Frage ist, wie sieht dann Widerstand aus? Ist der dann intellektuell? Ist der dann vielleicht mit Waffen?“
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