Dass der Tegernsee einmal im Jahr – halb bewundernd, halb spöttisch – als das „deutsche Davos“ bezeichnet wurde, hat auch mit der besonderen Verbindung zweier mächtiger Männer zu tun. Das bayerische Idyll ist sowohl dem Bundeskanzler, als auch seinem Kulturstaatsminister ein privater Rückzugsort. Man kennt sich, man vertraut sich. Friedrich Merz hat dort ein Ferienhaus, Wolfram Weimer diente das Gewässer jahrelang als Kulisse für seinen „Ludwig-Erhard-Gipfel“. Benannt nach dem Wirtschaftswundermacher, der hier in Gmund begraben liegt. Inszeniert, um Meinungsmacher und Entscheider aus Politik und Unternehmen zusammenzubringen. War Weimers Nähe zum heutigen Kanzler und dessen Partei für den Gipfel bislang ein wichtiges „Asset“ gewesen, wie man dort wohl sagen würde, also eine Art politischer Vermögenswert, so könnte sie jetzt zum Bumerang werden.
Die Tegernsee-Connection ist ins Gerede gekommen
Denn: Das Tegernsee-Treffen ist ins Gerede geraten, seit der Eindruck entstanden war, dort würden für Leute, die sich das Ticket leisten können, direkte Drähte in die politischen Machtzentren gelegt. Zugang zu Ministerinnen und Ministern gegen Geld? Die Aufregung darüber hatte vor allem mit einem späten Karrieresprung der beiden Nachbarn Merz und Weimer zu tun.
Der eine wurde Kanzler. Doch noch. Der andere stieg ins Kabinett seines Nachbarn auf. Mit Büro direkt im Bundeskanzleramt gilt er als einer der einflussreichsten Einflüsterer im Merz-Kosmos. Und so wurde die Kontaktbörse auf Gut Kaltenbrunn, die Weimer gemeinsam mit seiner Frau groß gemacht hatte, schlagartig zum oblatendünnen Eis für alle Beteiligten.
Auf der Rednerliste stehen viele prominente CSU-Leute
Bloß nicht einbrechen, lautet seitdem die Devise. Weimer gab die Anteile an seiner Media Group vorübergehend ab, Merz blieb dem Event schon im vergangenen Jahr fern. Damals konnte er das glaubhaft mit einer Terminkollision erklären. Antrittsbesuch als Kanzler in Polen und Frankreich. Und in diesem Jahr? Online kündigt der Gipfel wie immer eine Menge Prominenz aus der Union als „Speaker“ an. Kanzleramtschef Thorsten Frei und Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sollten da sein, die beiden CSU-Kabinettsmitglieder Dorothee Bär und Alois Rainer standen bislang auf der Liste, genauso wie die bayerische Landtagspräsidentin Ilse Aigner – und Markus Söder. Doch ob es wirklich so kommt? Am Montag jedenfalls hat ausgerechnet Söder den ersten Stein eines Dominos umgeworfen.
Bayerns Ministerpräsident setzte nicht nur seine 2022 übernommene Schirmherrschaft aus, sondern sagte auch seine persönliche Teilnahme ab. Der bisher im Rahmen des Gipfels gegebene Staatsempfang findet ebenfalls nicht mehr statt. Ob der Freistaat das Treffen weiterhin finanziell unterstützen wird, ist noch unklar. Im November hatte die Staatsregierung diesbezüglich eine Überprüfung eingeleitet. Anlass waren Berichte, die Weimer Media Group habe damit geworben, bei dem Treffen am Tegernsee gegen Geld exklusiven Zugang zu Bundesministern zu vermitteln. Der Veranstalter wies solche Spekulationen zurück. „Ob und wie Gäste und Speaker miteinander ins Gespräch gehen, liegt in deren Ermessen“, teilte man mit. Doch zumindest aus Söders Sicht war das Eis am Tegernsee offenbar zu dünn geworden.
Auch Dorothee Bär kommt nicht zum Ludwig-Erhard-Gipfel
Der CSU-Chef betonte am Montag zwar, die Prüfung sei noch nicht final abgeschlossen. Doch die Zeichen stehen auf Rückzug – und Schadensbegrenzung. „Wir haben das auch natürlich schon mitgeteilt und man hat dafür Verständnis vor Ort. Das ist keine Verurteilung, auch keine vorläufige Bewertung, aber es ist einfach eine faire Balance“, sagte Söder ungewohnt nebulös. Ob nun weitere prominente Gäste ins Grübeln kommen? Am Mittwoch wurde jedenfalls bekannt, dass auch Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) inzwischen ihren Auftritt am Tegernsee abgesagt hat. Offizielle Begründung: eine Terminkollision. Und auch Kanzleramtschef Thorsten Frei (CDU) hat „aufgrund anderweitiger dienstlicher Verpflichtungen“ den Rückzug angetreten.
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