Die Ungleichheit in Deutschland hält an. Die reichsten zehn Prozent besaßen mehr als zwei Drittel des Vermögens. 40 Prozent der deutschen Haushalte hingegen können keinerlei Ersparnisse vorweisen. Es gibt noch eine andere Zahl, die laut der Wissenschaftlerin Martyna Linartas die Unwucht belegt. Der sogenannte Vermögens-Gini (ein Koeffizient). 1 bedeutet höchstmögliche Ungleichheit, 0 würde Ausgeglichenheit bedeuten. In Deutschland lag er vor wenigen Jahren noch bei 0,83. Das ist derselbe Wert wie bei Mexiko.
Diese Zahlen kennt Linartas alle auswendig. Die Politikwissenschaftlerin von der Freien Universität Berlin hat ihre Doktorarbeit darüber verfasst. Und daraus dann das Sachbuch „Unverdiente Ungleichheit“ gemacht. Sie kam als kleines Kind mit ihren Eltern aus Polen. Die Familie musste im ersten Jahr in einem Obdachlosenheim leben, bevor es in die eigenen vier Wände ging. Ihre Familiengeschichte ist die eines erfolgreichen Aufstiegs. Beide Eltern haben Karriere in der Wirtschaft gemacht, Linartas wird selbst erben, wie sie sagt. Aber – und das ist der Grund – für ihre Arbeit an dem Thema: „Die soziale Mobilität in Deutschland ist nicht mehr gegeben. Hier ist nicht mehr jeder seines Glückes Schmied. Im Vergleich der OECD-Länder stehen nur noch die USA schlechter da. Und dass man es da vom Tellerwäscher noch zum Millionär schaffen könnte, gilt schon lange nicht mehr.“
Linartas, die früher im Bundestagsbüro von Annalena Baerbock (Grüne) arbeitete, sagt, es sei die Ausnahme, dass ihre Familie es geschafft habe. „Ich kenne sehr viele Menschen, die genauso fleißig waren, die genauso ins Risiko gegangen sind, die auch nicht auf den Kopf gefallen waren, die aber einfach weniger Glück hatten oder weniger Solidarität erfuhren.“
Ungleichheit ist ein massives Problem für die Demokratie
Ihr Befund ist deshalb klar. Wenn man sich darauf einigt, dass massive Ungleichheit für Demokratien ein massives politisches Problem darstellt, dann geht es nur über Steuergerechtigkeit. Das Mittel der Wahl wäre eine reformierte, progressive Erbschaftssteuer. Nicht auf Omas Häuschen (das ist seit 2009 von der Erbschaftsteuer ohnehin ausgenommen). Sondern bei den oberen Prozent. Linartas ärgert deshalb, dass die Bürgergeld-Debatte so im Zentrum der politischen Diskussion steht – und nicht Superreiche. Sie spricht von „Überreichen“. Sie sagt: „Wegen Privilegien von Überreichen bei der Erbschaftssteuer sind dem Fiskus seit 2009 mehr als 88 Milliarden Euro entgangen.“
Die Diskussionen über die Erbschaftssteuer sind so alt wie die Steuer selbst, die in Deutschland erstmals zur Zeit der Weimarer Republik erhoben wurde. Das häufigste Gegenargument, nach dem ein erspartes Erbe bereits mehrfach besteuert wurde (etwa über die Einkommens- und Körperschaftssteuer, Kapitalertragssteuer oder bei Immobilien über die Grunderwerbsteuer), zählt für sie nicht: „Das mag in Ländern gelten, in denen der Verstorbene die Steuer zahlt. Aber nicht in Deutschland – hierzulande zahlt der Erbe die Steuer auf sein neues, unverdientes Einkommen.“
Linartas will umverteilen, weil die Ungleichheit ihrer Meinung nach die politischen Extreme unterstütze. „Das Ungerechtigkeitsgefühl, das Gefühl, es aus eigener Kraft und mit ausreichender Bildung eben nicht mehr schaffen zu können, das stärkt die politischen Ränder. Das ist die größte Bedrohung für unsere Demokratie.“
Lebensstil Superreicher schadet der Umwelt
Durch ihren Lebensstil, diesen Vorwurf erhebt auch Linartas, verursachen wohlhabende Menschen zudem nach einer Analyse der Organisation Oxfam das Vielfache an klimaschädlichen Treibhausgasen wie Ärmere. Während die reichsten 0,1 Prozent der Weltbevölkerung pro Kopf und Tag mehr als 800 Kilogramm Kohlendioxid (CO2) ausstoßen, waren es nach Daten aus dem Jahr 2023 bei den ärmsten 50 Prozent nur zwei Kilogramm täglich.
Die Pro-Kopf-Emissionen haben bei den Reichsten im Zeitraum seit 1990 demnach deutlich stärker zugelegt. Ähnlich sieht das Bild für Deutschland aus, hier allerdings mit Bezug auf Daten aus dem Jahr 2022. Jemand aus den reichsten 0,1 Prozent der Bevölkerung verursacht laut Oxfam täglich mehr als 840 Kilogramm CO2-Emissionen, während jemand aus den ärmsten 50 Prozent auf 16 Kilogramm kommt.
Bundesumweltminister Carsten Schneider bezeichnete den Klimawandel als soziale Frage. „Es sind nicht die Menschen mit kleinem Geldbeutel, die das Problem verursachen, weder bei uns noch in anderen Teilen der Welt. Den größten ökologischen Fußabdruck haben die Reichen und Superreichen mit ihrem Konsum und ihren Aktienportfolios. Die Antwort darauf muss eine engagierte und soziale Klimapolitik sein.“ (mit dpa)
Info zum Buch: Martyna Linartas, „Unverdiente Ungleichheit - Wie der Weg aus der Erbengesellschaft gelingen kann“, Rowohl Verlag, 320 Seiten.
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