Raketen in Abu Dhabi, Explosionen am Flughafen von Dubai, ein Angriff von mehr als 50 Drohnen in Saudi-Arabien: Die arabischen Golf-Staaten leiden unter einem Krieg, den sie nicht wollten, der aber trotzdem ihre Zukunft prägen wird. Für die Zeit nach dem Iran-Krieg zeichnet sich jetzt schon ab, dass es mit der Sorglosigkeit auf dem bisherigen Spielplatz der Reichen vorbei ist.
Staaten wie Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) hatten sich in den vergangenen Jahren einen Ruf als sichere Häfen aufgebaut. Touristen, Anleger, High-Tech-Unternehmen und Jet-Setter strömten in die reichen Länder der Golf-Region, die sich auf eine Zukunft nach dem Ölzeitalter vorbereiten wollten.
Vor der Eskalation in Nahost waren Golf-Staaten sichere Plätze
„Stabilität, Sicherheit, globale Anbindung, Tourismus, Finanzdienstleistungen und Investorenfreundlichkeit“ seien die Hauptmerkmale des Geschäftsmodells in der Region gewesen, sagt der Nahost-Sicherheitsexperte Kristian Patrick Alexander von der Denkfabrik „Rabdan Security and Defense Institute“ in Abu Dhabi. Dieses Modell beruhte auf der Annahme, dass die Region zwar politisch angespannt sei, „die Golfzentren selbst aber weitgehend abgeschirmt bleiben“, sagte Alexander unserer Redaktion. „Genau diese Annahme ist durch die iranischen Raketen- und Drohnenangriffe erschüttert worden.“
Die traumatische Gegenwart wird die Zukunft prägen. Bis zum Kriegsbeginn am 28. Februar hatten sich die Araber auf den Schutz durch die USA verlassen, die große Stützpunkte in der Region unterhalten. Doch dann nahm der Iran die amerikanischen Militäranlagen und Einrichtungen der Öl- und Gasindustrie am Golf ins Visier, um Druck auf die Araber auszuüben: Sie sollen sich bei Donald Trump für ein rasches Ende des Krieges einsetzen.
Verhältnis zu den USA ist angekratzt
Dass die USA die arabischen Partner in den Krieg hineingezogen haben, werde Folgen für das künftige Verhältnis zwischen den Golf-Staaten und Washington haben, glaubt Thomas Demmelhuber, Experte für die Golf-Region an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. „Die Golfstaaten werden auf Dauer einer amerikanischen Sicherheitsgarantie keinen Glauben schenken“, sagte Demmelhuber.
Trump, der noch im vergangenen Jahr bei seinem Besuch am Golf gefeiert wurde, hat viel Ansehen in der Region verloren. Viele Länder seien der Meinung, Amerika habe den Krieg begonnen und werde die arabischen Staaten mit den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sicherheitspolitischen Kosten sitzen lassen, sagt auch Sicherheitsexperte Alexander.
Golfstaaten investieren mehr Geld für die Rüstung
Umgekehrt gilt zudem: Das Verhältnis zwischen dem Iran und den arabischen Staaten hatte sich vor dem Krieg verbessert, doch damit ist es ebenfalls erst einmal vorbei. Der Iran wird auch nach dem Krieg als Bedrohung für die Golf-Araber wahrgenommen werden, mit sicherheitspolitischen Konsequenzen: „Abschreckung wird das Mittel der Wahl auf beiden Seiten sein“, erwartet Demmelhuber. Auch der Trend zur Aussöhnung der Araber mit Israel wird durch den Krieg zumindest vorerst gestoppt. Vertrauliche sicherheitspolitische Kontakte mit der führenden Militärmacht Israel dürften wegen des Misstrauens gegen den Iran aber weiterlaufen.
Schon vor dem Krieg hatten die Golf-Staaten viel Geld in die Rüstung gesteckt – diese Ausgaben werden künftig drastisch wachsen. Hamad bin Jassim bin Jaber al-Thani, einflussreicher Ex-Regierungschef von Katar, schlägt als Konsequenz aus dem Iran-Krieg die Bildung einer Art arabischer Nato vor. Die sechs Staaten des Golf-Kooperationsrates – Bahrain, Katar, Kuwait, Oman, Saudi-Arabien und die VAE – sollten ihre militärischen Kräfte in einer Allianz bündeln, die mit der Türkei und der islamischen Atommacht Pakistan kooperieren könnte, schrieb Thani auf der Plattform X.
Was passiert nach dem Krieg?
Einige Anzeichen sprechen tatsächlich dafür, dass der Krieg die Golf-Staaten enger zusammenschweißt. So haben sich die vor dem Krieg eher angespannten Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und den UAE verbessert. Doch künftig wird es nicht nur Harmonie geben. „Die Golfstaaten werden noch aggressiver um Investoren, Großevents und Touristen konkurrieren, um zu zeigen, wer am schnellsten wieder der sichere Hafen für Investoren, Touristen und Influencer-Sternchen ist“, glaubt Demmelhuber.
Dieser härtere Wettbewerb könnte die Golf-Region zumindest vorübergehend für Anleger und Touristen billiger machen. Alexander nennt als Möglichkeiten „zeitlich begrenzte Preisnachlässe im Tourismussektor, etwa günstigere Flugangebote, reduzierte Hotelpreise oder Sonderprogramme für internationale Besucher und Geschäftsreisende“. Doch erst einmal muss der Krieg enden.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren