Sean Dunn hatte sich auf der Washingtoner Ausgehmeile an der U-Street gerade ein Salami-Baguette gekauft. Ein heißer Augusttag ging zu Ende. Im rosafarbenen Polohemd und kurzer Hose war der 37-Jährige eigentlich auf einen entspannten Abend eingestellt, als er unweit des Imbiss-Ladens auf eine Gruppe uniformierter Grenzschützer stieß, die seit dem Sommer auf Befehl des Präsidenten neben Soldaten und anderen Bundespolizisten überall in der amerikanischen Hauptstadt patrouillieren.
Der einstige Luftwaffen-Hauptfeldwebel, der in Afghanistan gedient hatte, war aufgebracht. Auf einem von Passanten gedrehten Handy-Video kann man sehen, wie er heftig auf die Beamten einredet. „Fickt euch!“, brüllte er: „Was macht ihr hier? Ich will euch nicht in meiner Stadt.“ Dunn redete sich immer weiter in Rage. Er nannte einen Beamten einen „Faschisten“ und schleuderte ihm schließlich den in Papier eingewickelten Sandwich gegen die Brust.
Afghanistan-Veteran bewirft US-Grenzschutzbeamten mit Sandwich
Die zwölf Dollar teure Stulle war dahin. Der Abend ruiniert. Der „Sandwich Guy“ aber wurde binnen weniger Stunden zur nationalen Berühmtheit. Für die einen gilt er als Ikone des Widerstands gegen Donald Trumps Militarisierung der Städte. Für die anderen ist er der lebende Beweis für Anarchie und Chaos, gegen die der Präsident mehr als 2000 Nationalgardisten und hunderte schwerbewaffnete Bundespolizisten auf Washingtons Straßen geschickt hat.
Der Streit eskalierte in den folgenden Wochen gewaltig. Auf Bauzäunen in amerikanischen Städten wurden die Umrisse eines Sandwich-Werfers im Banksy-Stil gesprüht. Im Netz wurde er zum Helden. Trump aber empörte sich: „Diese Leute schleudern Sandwiches, Steine oder sonstwas gegen unsere Beamten. Sie finden es lustig. Dabei ist es ein Anschlag.“ Die von ihm berufene Staatsanwältin Jeanine Pirro, die sich zuvor als knallharte Fox-Fernsehrichterin einen Namen gemacht hatte, klagte Dunn wegen schwerer Körperverletzung an.
Anklage spricht von „gefährlicher Körperverletzung“: 37-Jähriger wird freigesprochen
Seit Donnerstag ist nun klar: Dunn bleibt nicht nur eine mehrjährige Haftstrafe erspart. Er wird nicht einmal wegen einer Ordnungswidrigkeit belangt. Nachdem der Strafprozess schon vor Tagen gescheitert war, sprach ein Geschworenengericht den 37-Jährigen auch vom Vorwurf eines leichten Gesetzesverstoßes frei.
Das war angesichts der maßlosen Aggressivität, mit dem Trumps Justizapparat den Fall verfolgt hat, nicht unbedingt zu erwarten gewesen. Nach dem Sandwich-Wurf war Dunn zunächst weggelaufen, wurde aber bald von einem ganzen Dutzend Beamten gefasst und festgenommen. Kurz darauf wurde bekannt, dass der Mann ausgerechnet im Justizministerium arbeitete. Ministerin Pam Bondi feuerte ihn als „Beispiel für den Deep State“ auf der Stelle. Wenig später stürmte ein schwerbewaffnetes Team von FBI- und Gerichtspolizisten mit Helmen und Kampfanzügen seine Wohnung, als handele es sich um das Versteck eines IS-Terroristen. Den Film von der Razzia veröffentlichte das Weiße Haus auf seinem X-Account.
Dunn hat die Tat nie bestritten. „Ich habe es getan“, bekannte er schon bei seiner Festnahme einem Beamten. „Er hat das Sandwich geworfen“, sagte auch seine Anwältin in ihrem Eröffnungsplädoyer vor Gericht. Es ging allein um die Frage, wie der Protest zu bewerten sei - als „gefährliche Körperverletzung“, wie die Anklage behauptete, oder als „harmloses Ausrufezeichen am Ende eines verbalen Ausbruchs“, wie es die Verteidigung darstellte.
„Sandwich-Guy“ verliert seinen Job im Justizministerium
In einer siebenstündigen Verhandlung versuchte das Gericht herauszufinden, welchen Schaden das 30 Zentimeter lange Salami-Baguette tatsächlich angerichtet hat. „Es ist förmlich explodiert“, schilderte der Grenzschutzbeamte sein Erlebnis plastisch. Freilich trug der Mann eine kugelsichere Weste, auf die das Monsterbrötchen aufprallte. Zu Verletzungen kam es nicht - jedenfalls nicht zu körperlichen: „Es roch nach Zwiebeln und Senf“, berichtete der Polizist. Tatsächlich habe der Senf einen Fleck auf seiner Uniform hinterlassen, und ein Zwiebelring habe sich um die Antenne seines Funkgeräts gewunden.
Je detaillierter die Schilderung wurde, desto absurder klang der Fall. Traumatisch scheint das Erlebnis für den Beamten jedenfalls nicht gewesen sein. In der Verhandlung wurde bekannt, dass im Kollegenkreis darüber geulkt wurde. Der Polizist bekam sogar Plüschspielzeug in Sandwich-Form geschenkt. Auch ein Beweisfoto des essbaren Wurfgeschosses nach der vermeintlichen Explosion entlastete Dunn: Auf dem Bild wirkt das Baguette weitgehend unbeschädigt und steckt noch in seiner Verpackung.
Die Geschworenen, die in einer Sitzungspause nach Medienberichten angeblich Sandwiches verspeisten, fanden den Vorgang offenbar nicht dramatisch. Sie entschieden auf „nicht schuldig“. Dunn zeigte sich erfreut: „Ich bin froh, dass die Gerechtigkeit gesiegt hat.“ Seinen Job im Ministerium ist der impulsive Demonstrant gleichwohl los. Auch die zwölf Dollar für das Baguette wird ihm niemand erstatten. Seine Karriere als Widerstands-Held in Trump-kritischen Kreisen aber dürfte weiter Fahrt aufnehmen. „Lang lebe der Sandwich-Werfer!“, jubelte am Donnerstag der mit dem Präsidenten verfeindete republikanische Ex-Kongressabgeordnete Adam Kinzinger in einem Online-Post.
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