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Wolfgang Kubicki: Wie gefährlich wird dieser Mann für den Kanzler?

FDP

Ring frei für Kubicki: Wie gefährlich wird dieser Mann für den Kanzler?

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    Wolfgang Kubicki im Februar beim politischen Aschermittwoch seiner Partei in Dingolfing.
    Wolfgang Kubicki im Februar beim politischen Aschermittwoch seiner Partei in Dingolfing. Foto: Uwe Lein, dpa

    Vor zwei Wochen etwa bekam Wolfgang Kubicki einen Anruf. „Hier ist der Eierarsch“, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Der Anrufer: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Kurz zuvor hatte er die FDP für tot erklärt. Wohl aus strategischen Überlegungen, die verbliebenen FDP-Wähler will man ja abholen, da kann der Tod nicht schnell genug eintreten, im Zweifel leistet der Kanzler da auch mal Sterbehilfe. Kubicki war erbost, eine „Frechheit“ sei das gewesen, und so sprach der FDP-Mann ebenso öffentlichkeitswirksam aus, was er sich in dem Moment dachte. Nämlich, dass der Kanzler ein „Eierarsch“ sei. 

    Inzwischen haben die beiden Politiker sich wohl vertragen. Kubicki und Merz kennen sich lange. Sie sind beide über 70, teilen eine wirtschaftsliberale Grundeinstellung, sie neigen zu spitzen Formulierungen und sie sind beide Mitglieder des Ritterkonvents des Aachener Karnevalsvereins. „Ich vermute mal, er rief an, um mir zu gratulieren“, sagt Kubicki im Gespräch mit unserer Redaktion. Gerade eben hatte Henning Höne, FDP-Chef in Nordrhein-Westfalen, seine Kandidatur um den Parteivorsitz zurückgezogen. Der Weg für Kubicki war frei.

    Am Wochenende findet der Parteitag der FDP in Berlin statt

    Nur war das vielleicht nicht der einzige Grund. „Ein bisschen auch, weil er die Witterung hat, dass es ernst werden könnte“, glaubt Kubicki. „Wir als Freie Demokraten sind ja momentan die größte Gefahr für die Union, weil wir mit unseren wirtschaftspolitischen Vorstellungen aus dem bürgerlichen Lager kommen.“ Die Kritik könne man dann nicht so einfach abtun wie bei der AfD, die man einfach als rechtsradikal abstempeln kann. „Vielleicht hatte er aber auch einfach mal wieder Lust, mit mir zu reden.“

    Kubicki und seine FDP also die größte Gefahr für die Union. Echt jetzt? Eine Partei, die in Umfragen zuletzt zwischen drei und vier Prozent lag? Muss man die Drohung ernst nehmen? Oder ist das nur Medienspektakel, das letzte Aufbäumen einer Partei und ihres verwegensten Wahlkämpfers? Ein Mann, den seine Gegner einen Rechtspopulisten schimpfen und der sich selbst einmal als „Quartalsirren“ beschrieb.

    Während der Kanzler in diesen Tagen in seine Heimat im Sauerland fährt und Gerüchte abwehren muss, dass er vielleicht gar nicht mehr lange Kanzler ist, bereitet sich der selbsternannte Quartalsirre auf den Parteitag der FDP vor. Am Wochenende soll er zum Vorsitzenden gewählt werden. Gegenkandidaten hat er keine mehr, doch die Delegierten muss er trotzdem überzeugen. Parteien, die ihren Chef mit annähernd 100 Prozent wählen, sind ihm zwar suspekt – aber über 70 Prozent wären Kubicki schon wichtig.

    Das Pfingstwochenende hat er genutzt, um ein letztes Mal vor dem großen Tag zu entspannen. Auf seinem elf Meter langen Motorboot – der „Liberty“ – schipperte er von seinem Heimatort, dem Ostseebad Strande etwas außerhalb von Kiel, über Glücksburg bis in dänische Gewässer. Weiter nördlich verwest gerade der Buckelwaal Timmy, auch so ein dauer-medienpräsenter Norddeutscher, der wie die FDP zuletzt um sein Überleben kämpfte, in dem Fall aber wortwörtlich. Es soll kein schlechtes Omen sein.

    Enttäuschte Bürgerliche, da gibt es einiges zu holen für die FDP

    Wie auch immer: Ein schönes Wochenende sei das gewesen, nicht ohne Grund sind die Einwohner von Schleswig-Holstein im Glücksindex immer ganz oben. Seit Dienstag ist Kubicki in Berlin, im Glücksindex verlässlich auf den hinteren Plätzen. Auch der FDP-Chef in spe ist nicht gerade ein Fan der Stadt, viel zu schlecht regiert, aber hilft ja nichts, hier findet halt der Parteitag statt. Ein paar letzte Interviews gibt er noch und feilt an seinen beiden Reden.

    Wie will er angreifen? Die Frage hat zwei Dimensionen – eine kommunikative, eine inhaltliche. Fangen wir mit den Inhalten an. Drei Themen will Kubicki bei seiner Rede auf dem Parteitag setzen: Wirtschaftswachstum, Bürokratieabbau, Migration. Nicht zufällig auch Kernthemen der Union. Und mit Ausnahme der Migration hat die Koalition da bisher auch nicht viel vorzuweisen.

    Das Wählerpotenzial jedenfalls ist da. Gut ein Fünftel der enttäuschten Unionswähler geht Umfragen zufolge zur AfD. Der größte Teil resigniert und gibt an, für niemanden stimmen zu wollen. Enttäuschte Bürgerliche, da gibt es einiges zu holen für die FDP. Die Frage ist nur: Wie erreicht man die?

    Da wäre man bei der Kommunikation. „Wir sollten uns darauf fokussieren, dass wir als politische Kraft wenigstens mal wieder wahrgenommen werden und überhaupt Themen transportieren können“, sagt Kubicki. „Nichts ist schlimmer, als nicht wahrgenommen zu werden.“  

    Tatsächlich wird in der digitalen Öffentlichkeit, die zunehmend in der Informationsflut der sozialen Medien stattfindet, Aufmerksamkeit die entscheidende Ressource im Kampf um Stimmen. Und auffallen, das kann Kubicki.

    Dafür hat er so seine Strategien. Er ist zum Beispiel ein Meister der beleidigenden Nicht-Beleidigung. Er habe den Kanzler ja nicht Eierarsch genannt, sagt er zum Beispiel. Nein, nein – er wurde gefragt, was er sich in dem Moment dachte, und da sei er ja als Jurist und Politiker der Wahrheit verpflichtet und das habe er nun mal gedacht. Ähnlich war es, als er in der Bild-Zeitung mal erklärte, in seiner Stammkneipe werde Karl Lauterbach „Spacken“ genannt. Hat ja nicht Kubicki gesagt, er gibt es nur wieder. Im Spiel der Aufmerksamkeitsökonomie macht das keinen Unterschied, Schlagzeilen produziert man so oder so. Jede Aufmerksamkeit ist gute Aufmerksamkeit, gerade für eine Partei in der außerparlamentarischen Opposition.

    Bei den Landtagswahlen sieht Kubicki Chancen

    Aber reicht das, um der Union ein wenig Wasser abzugraben? Kubicki glaubt daran. „Wenn wir es erst mal wieder über die fünf Prozent schaffen, dann bin ich mir sicher, wird es einen Run geben“, sagt er. Ein Blick auf die kommenden Landtagswahlen: In Mecklenburg-Vorpommern werde es schwer, meint er, da sei die FDP in der Fläche zu wenig vertreten. Aber in Sachsen-Anhalt sieht er Potenzial. Auch wenn die Gefahr besteht, dass man in einem Zweikampf zwischen Union und AfD unter die Räder kommt. „Zwischen Volksfront und völkischer Front muss es eine starke Partei der Freiheit geben“, das ist die Botschaft, die er bei den Wählern setzen möchte. Und Berlin, das wird eh so schlecht regiert, „das ist ja noch schlimmer als auf Bundesebene“. Da wird schon ein bisschen was abfallen für seine Partei.

    Im Wahlvolk ist man bisher skeptisch. Einer Forsa-Umfrage zufolge glaubt die Mehrheit nicht an ein Comeback. Wobei zur Wahrheit auch gehört, dass die FDP nie die Partei der Mehrheit war. Ein paar Prozentpunkte würden ja reichen. Für die FDP sowieso, aber auch um den Kanzler zu nerven, für den das am Ende entscheidende Prozentpunkte werden könnten, die der Union für Platz eins fehlen.

    Jedenfalls steigen die Werte für die Liberalen wieder, seit Kubicki am Osterwochenende seine Kandidatur verkündet hat. Der Bayer Martin Hagen, sein designierter Generalsekretär, ist in der Euphorie des Neubeginns sogar schon einen Schritt weiter. „Sobald wir in den Umfragen wieder über fünf Prozent kommen“, prophezeit er, „kann es auch schnell wieder in die Zweistelligkeit gehen.“ Der designierte Vorsitzende selbst will allerdings erst von einem Kubicki-Effekt reden, wenn die Partei in den Umfragen wieder stabil bei Werten von sechs Prozent und mehr liegt.

    Die Kubickis sind gerade im Osterurlaub auf Mallorca, als in Deutschland die Debatte über die künftige Parteispitze an Fahrt aufnimmt

    Sicher war er sich mit der Kandidatur nicht von Beginn an. Ein Rückblick: Kurz nach seiner Entscheidung, zu kandidieren, sitzt Wolfgang Kubicki in seinem Büro in Berlin und erzählt von den Diskussionen mit seiner Frau Annette. Eigentlich ist sie dagegen, dass er sich das alles noch einmal antut. Den Stress. Die Öffentlichkeit. Die Häme auch, die der FDP häufig entgegenschlägt. Die Lebensplanung der beiden sieht bis dahin anders aus: schöne Urlaube, mehr Zeit für ihre gemeinsame Leidenschaft, das Golfen, und überhaupt – der Jüngste, stichelt sie, sei er mit seinen 74 Jahren ja nun auch nicht mehr. Am Ende aber sagt sie: „Es ist besser, du versuchst es.“

    Die Kubickis sind gerade im Osterurlaub auf Mallorca, als in Deutschland die Debatte über die künftige Parteispitze an Fahrt aufnimmt. Friedrich Merz hat die FDP schon für tot erklärt, Marie-Agnes Strack-Zimmermann wäre gerne Teil einer Doppelspitze, die außer ihr aber niemand will, und dann ruft auch noch Christian Lindner bei ihm an, mit dem er die Liberalen nach der verlorenen Bundestagswahl 2013 vier Jahre durch die außerparlamentarische Opposition geführt hat.  Kann man sich dem noch entziehen? „Ich bin nicht die Zukunft dieser Partei“, sagte Kubicki damals im Gespräch mit unserer Redaktion. „Aber ich will, dass diese Partei eine Zukunft hat.“

    Anders als sein Vorgänger Christian Dürr wird er den FDP-Vorsitz nach allem, was man weiß, ehrenamtlich übernehmen, ohne Gehalt. Als erfolgreicher Anwalt ist er nicht nur wirtschaftlich unabhängig, als ehemaliger Vizepräsident des Bundestages hat er für die laufende Wahlperiode auch noch Anspruch auf ein Büro mit einem Mitarbeiter und einer Sekretärin. Das liegt zwar etwas versteckt in einem Nebengebäude am Ende eines langen Flures, in dem ausgerechnet die Linkspartei ihre Büros hat. Von dort aus aber hat er in den vergangenen Wochen seine Kampagne zur Wiederbelebung der FDP gesteuert, die seit der Wahl im Saarland im März 2022 bei jeder Landtagswahl verloren hat und bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr geradezu abgestürzt ist – von 11,4 auf nur noch 4,3 Prozent. Der Ampel-Malus.

    Er will nicht die Zukunft der FDP sein, aber wie sie aussieht, liegt auch in Kubickis Hand

    Ein Jahr gibt er sich nun Zeit, um seine Partei zu retten. Wenn es ihm bis dahin nicht gelingt, die FDP wieder auf sicheres demoskopisches Terrain zu führen, wird sich die V-Frage in der FDP wieder neu stellen. Als Nachlassverwalter des deutschen Liberalismus sieht Wolfgang Kubicki sich nicht. Dazu spielt er dann doch zu gerne Golf.

    Was er sich aber schon vorgenommen hat: einen neuen Stil in der FDP zu etablieren. Um ihn hat er ein Team von Nachwuchspolitikern geschart. Sein Generalsekretär in spe Martin Hagen, Henning Höne als Vize, die frühere Generalsekretärin Linda Teuteberg, aber zum Beispiel auch Susanne Seehofer, die Tochter des früheren CSU-Chefs und bayerischen Ministerpräsidenten. „In der Vergangenheit habe ich erlebt, dass viele der jungen Talente eher scheu sind und kernige Aussagen meiden. Aus lauter Angst, es könnte Widerstand geben“, sagt Kubicki. Aber das gehöre zum politischen Spiel dazu. „Und zu diesen Jungen sage ich: Ich verteidige jeden, der sich in der Öffentlichkeit präsentiert und damit für die Freien Demokraten und für die liberale Sache wirbt“, sagt er. „Oder mal etwas persiflierend: Wenn es ganz böse wird, dann kommt der alte Löwe und steht an eurer Seite.“

    Kubicki ist vielleicht nicht die Zukunft der FDP. Aber in seiner Hand liegt es, wie die Zukunft der Partei aussieht. Sofern sie denn eine hat.

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