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Zwei Jahre in der Gewalt der Hamas: So kämpfen sich die deutschen Geiseln zurück ins Leben

Israel

So kämpfen sich deutsche Geiseln nach zwei Jahren bei der Hamas zurück ins Leben

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    Rom Braslawski bei seiner Freilassung.
    Rom Braslawski bei seiner Freilassung. Foto: dpa

    Die Musik war Alon Ohels Leben – und sie ist es jetzt wieder. Am 7. Oktober 2023 tanzt der junge Pianist ausgelassen auf dem Nova-Festival in der Nähe des Gazastreifens, als die Terrorschwadronen der Hamas über die Feiernden herfallen, mehr als 300 Menschen töten und Dutzende entführen, darunter auch ihn. Nach seiner Freilassung vor einer Woche setzt sich der 24-Jährige dann noch im Krankenzimmer an ein kleines, weißes Keyboard, das eigens für ihn dort aufgebaut wurde, und beginnt zu spielen. Momente der Normalität seien das, sagt seine Mutter Idit im israelischen Fernsehen erleichtert. Seit dem Tag, der in Israel alles verändert hat, hat ihr Sohn kaum andere Menschen und praktisch kein Tageslicht gesehen.

    Alon Ohel ist eine von vier Geiseln mit deutschem Pass, die vor einer Woche freigelassen wurden – Nachfahren deutscher Juden, die vor den Nazis fliehen mussten. Durch Splitter eines Schrapnells am Kopf wurde er so schwer verletzt, dass seine Familie zunächst fürchtete, er könne für immer erblinden. Inzwischen allerdings sind die Ärzte optimistisch, dass sie seine Sehkraft mit einer Operation retten können. Während der Gefangenschaft wurde Ohel von einer anderen Geisel notdürftig medizinisch versorgt.  Dennoch, sagt seine Mutter, sehe er auf dem rechten Auge im Moment nur sehr wenig.

    „Er hatte Angst, gelyncht zu weren“

    Welche Qualen und Schmerzen die Geiseln in Gaza erleiden mussten, erfährt die Welt erst allmählich. Wie Alon Ohel treten sie selbst noch nicht an die Öffentlichkeit, sondern lassen Angehörige für sich sprechen. Diese berichten von Isolation, von Folter, Hunger und perfidem Psychoterror wie im Fall von Rom Braslawski, einem weiteren Deutsch-Israeli, der auf dem Nova-Festival als Wachmann eingesetzt ist und mehrere Besucher noch aus der Gefahrenzone bringt, ehe er selbst verletzt wird und in die Hände der Terroristen fällt.

    Seine Entführer hätten ihn gedrängt, als Gegenleistung für bessere Haftbedingungen zum Islam überzutreten, berichtet seine Mutter Tami. Zwei Jahre lang sei ihr Sohn alleine gefangen gehalten, immer wieder misshandelt und im Ramadan zum Fasten gezwungen worden, teilweise in einem Verlies mit den Leichen anderer Geiseln. „Er hatte Angst, gelyncht zu werden.“ Einmal erzählen ihm seine Folterer, er könne ohnehin nicht zurück in seine Heimat, weil der Iran Israel gerade von der Landkarte des Nahen Ostens getilgt habe. Am Ende wiegt Rom Braslawski nur noch 42 Kilo. Wie Alon Ohel hat auch er Monate im Dunklen verbracht, weshalb er sich nun umso mehr nach der Sonne und nach Helligkeit sehnt. „Er steht am Fenster und schaut in den Himmel“, sagt seine Mutter. Kein Handy, keine Gespräche. Nur Licht und Luft.

    Nach ihrer Rückkehr versuchen die Geiseln auf sehr unterschiedliche Weise, zurück ins Leben zu finden. Für Alon Ohel sind es die ersten Minuten am Klavier. Rom Braslawski, dem die Islamisten ihre Religion aufzwingen wollten, legt als Erstes seine Tefilin an, die jüdischen Gebetsriemen, und sagt zu seiner Familie: „Ich bin Jude, ich bin stark.“ Gali und Ziv Berman wiederum, die umtriebigen Zwillingsbrüder aus dem Kibbuz Kfar Aza, die ebenfalls einen deutschen Pass haben, streifen sich Trikots ihres Lieblingsvereins Maccabi Tel Aviv über. Gesehen haben die beiden Fußballfans sich während ihrer Gefangenschaft nicht, sie waren getrennt voneinander eingesperrt. Über ihre Erlebnisse reden wollen sie noch nicht. „Wir sind alle glücklich und erleichtert“, antwortet ihre Mutter Talia in einer kurzen Mail. Aber jetzt sei nicht die Zeit für Interviews, sondern eine Zeit des Heilens angebrochen.

    Große Fußballfans: Ziv und Gali Berman
    Große Fußballfans: Ziv und Gali Berman Foto: glomex

    „Es war ein Albtraum“, hat Talia Berman im vergangenen Jahr im Gespräch mit unserer Redaktion gesagt. „Schüsse, Schreie, Explosionen.“ Als die Terroristen der Hamas am 7. Oktober Kfar Aza überfallen, können ihr Mann Doron und sie sich noch in den Schutzraum ihres Hauses retten. Gali und Ziv jedoch, die gleich in der Nähe wohnen, sind verschwunden.

    Viele der Geiseln, die jetzt zurückgekehrt sind, waren nach allem, was man bisher weiß, ständig gefesselt und vegetierten in den Tunneln unter dem Gaza-Streifen vor sich hin. Ein Video aus dem August etwa zeigt Rom Braslawski abgemagert und mit seinen Kräften am Ende. Er fleht um sein Leben und sagt, er könne kaum noch stehen. Anders als die meisten anderen Geiseln wird er nicht von der Hamas festgehalten, sondern vom Islamischen Dschihad, der zweiten Terrororganisation in Gaza.

    Unter den Toten ist auch der junge Soldat Itay Chen

    Um nicht nur die körperlichen Wunden heilen zu können, sondern möglichst auch die seelischen, laufen in Israel bereits mehrere Spendenaktionen für Therapien. Häufig haben die Heimkehrer weite Teile ihrer Gefangenschaft in den berüchtigten Tunneln, in fensterlosen Kellerräumen oder käfigartigen Zellen verbracht. Immer wieder wurden sie verlegt, mit dunklen Kapuzen über dem Kopf oder Augenbinden im Gesicht. Zu den Opfern, die diesen Terror nicht überleben, gehört auch der 19-jährige Deutsch-Israeli Itay Chen, der am 7. Oktober als Wehrpflichtiger in einer Panzerbrigade dient, die die Gemeinden am Gazastreifen schützen soll. Seine Tante Orly ahnt im Mai im Gespräch mit unserer Redaktion schon, dass er vermutlich nicht mehr lebt. Sie sagt aber auch: „Wir haben nichts von ihm.“ Niemand habe Itay gesehen. „Deshalb glauben wir, dass er vielleicht noch am Leben sein könnte.“ Und falls nicht, fügt sie dann leise hinzu, wolle die Familie ihn wenigstens beerdigen können.

    Selbst das aber ist alles andere als sicher. Die Leiche von Itay Chen gehört wie die eines weiteren Opfers mit deutschem Pass, Tamir Adar, zu den Leichen, die die Hamas angeblich nicht mehr findet. Kobi Ohel, der Vater des Pianisten Alon, kann nur erahnen, was das für deren Familien bedeutet: „Mein Herz ist jeden Moment bei ihnen.“ Sein Sohn dagegen hat überlebt und kann sich nun auf ein ganz besonderes Konzert freuen. Der bekannte Pianist Igor Levit hat der Familie versprochen: „Wenn ltay zurückkommt und wieder bei Kräften ist, werde ich mit ihm vierhändig Musik machen.“

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