Der Turbo hat 16 Beine und schaut ungläubig zurück. Warum geht hier nichts? Hubertus Lindner hat noch etwas Mühe, die Leinen zu sortieren, dann gibt er das Kommando: „Okay!“ Auf geht es mit Gebell. Der Turbo düst los. Und den Mitläufern, die mithilfe eines Klettergurtes und Karabinern Teil des Gespanns sind, bleibt nichts anderes übrig, als mitzurennen. Ganz schön flott, so eine Husky-Seilschaft. Kein Wunder, sie bringt es auf insgesamt acht HS, acht Huskystärken. Jedes einzelne Tier könnte rund 230 Kilo ziehen. So geht Powerwandern im Lechtal. Gut, dass es später auch um das richtige Atmen gehen wird.
Gramais im Lechtal, 45 Einwohner, bald 46, der Wirt wird noch einmal Großvater. Ein paar Häuser, die am steilen Berghang kleben, eine Kirche mit einem kleinen Friedhof, das Gasthaus Alpenrose. Hier stehen noch einige wunderschöne, wettergegerbte Tiroler Bauernhöfe mit ihren mächtigen dunklen Balken. Rosenbüsche wachsen in den Gärten, dazu Salate, Zwiebeln und einiges mehr. Rundherum Blumenwiesen, Wälder, am Horizont grasige Berge, felsige Spitzen. Gramais ist die kleinste Gemeinde Österreichs und liegt auf 1321 Höhenmetern in einem weiten Hochtal. Hierher hat es Hubertus Lindner, dunkle kurze Haare, kein Gramm Fett am Körper, nach einem radikalen Lebenswandel verschlagen. „Der Ort hat mich geheilt“, wird der Ex-Manager nachher sagen.
Die Husky-Seilschaft kommt in ihrer Routine an
Es ist ein heißer Tag, deshalb nur eine kleine Runde mit den Huskys. Die Tiere sind nicht für die Wärme gemacht, lieben viel mehr die Kälte. Auslauf brauchen sie dennoch jeden Tag. Doch bevor es richtig losgeht: Teambuilding. Eine Baustelle im Ort hat das Hundegespann aus der Routine gebracht. Die Katze am Wegesrand ist auch einen Spurt wert. Und außerdem steht da am Ende der langen Leine ein unbekannter Mensch, der nicht damit gerechnet hat, dass enge Serpentinen abgekürzt werden können. All das führt zu Verwicklungen. Die lange Leine … Hubertus Lindner hat erst mal zu tun, das Hundegespann in die Spur zu bekommen.
Dann geht es auf einen schmalen, ziemlich ebenen Weg und die Husky-Seilschaft, heute aufgeteilt in je vier Tiere und ein Mensch, ist in ihrer Routine angekommen. An der Spitze die verständige Freya, an ihrer Seite Loki, ihr Bruder. Das sind die Leithunde im Gespann und hören auf jedes Wort von Hubertus Lindner. Und der sieht an den spitzen Ohren, ob die Tiere mit ihrer Aufmerksamkeit bei ihm sind. Kommandos braucht es nicht viele: Langsam. Bleib. Gerade. Gee für rechts, haw für links. Musher-Sprache, wie wenn man in Finnisch-Lappland und nicht im Lechtal unterwegs wäre. Damit ist alles gesagt, mehr braucht es nicht. Die Mitläufer haben übrigens nicht zu melden.
Die Huskys geben dem Wanderer ordentlich Schubkraft
Aber jetzt läuft es und man spürt, hier ist ein eingespieltes Team am Start. Freya und Loki legen los, der Rest zieht mit und der Mensch als Schlusslicht bekommt ordentlich Schubkraft, ist mit ungewohntem Tempo unterwegs, so als würde man eiligen Schrittes eine Schnellstraße überqueren. Der Husky-Booster zieht. An schmalen oder steilen Stellen übernimmt Lindner sicherheitshalber alle acht Huskies.
Der Weg bietet immer wieder wunderbare Ausblicke. Auf die Dorfkirche St. Johannes, grasige Berge, die Gipfel der Seitentäler. Die Huskies sind netterweise in einem langsameren Tempo angekommen. Flott sind sie immer noch. Der Hubertus ebenfalls. Man selbst also auch. Die sogenannte Panoramarunde ist ein weiter Kreis rund um das Dorf herum.
Im lockeren Laufschritt im Lechtal unterwegs
Während es nun im lockeren Laufschritt auf breiten Wegen dahin geht, erzählt Hubertus Lindner seine Lebensgeschichte. Wie er als Bub partout nicht in die Schule gehen wollte, weil er lieber immer draußen war, nicht stillsitzen konnte. „Ich wollte frei sein“, sagt er heute rückblickend. Lindner stammt aus Niederösterreich, die Eltern Bauern. „Einfache Verhältnisse“, erzählt der 49-Jährige. Ein Lehrer hatte Verständnis für den Buben, schickte ihn erst täglich mit dem Dackel los und lockte ihn so allmählich in die Schule. „Er hat mir vermittelt, dass ich richtig bin, wie ich bin“. Das habe er damals gebraucht. „Dieser Lehrer hat mein Eis zur Zivilisation gebrochen“. So sei Hubertus Lindner Einser-Schüler geworden. Der Ehrgeiz habe ihn gepackt. Schulabschluss, Studium, Karriere. Als SAP-Projektleiter hat er in Österreich unter anderem 16 Kliniken in Betrieb genommen. Jahrelang sei er „krass auf Erfolg programmiert“ gewesen. Doch irgendwann sei alles zu viel geworden. Vor allem die Erreichbarkeit rund um die Uhr und Machtstrukturen habe er nicht mehr aushalten können, erzählt er. Er hatte mehrere Hörstürze, eine Beziehung scheiterte. Lindner nahm ein Sabbatical und begann mit 35 Jahren die Ausbildung zum staatlich geprüften Berg- und Skiführer. Er ließ die Maßanzüge hinter sich, kehrte nicht mehr in sein altes Leben zurück. „Ich mache etwas ganz oder gar nicht“. So sei er jetzt auch noch. „Als Bergführer will ich dann schon auch durch die Eiger-Nordwand führen.“ Dieses Gefühl brauche er immer wieder. Dieses fokussiert sein, diese Verantwortung, „ja auch das sich seinen Ängsten stellen.“ Der Flucht aus der Arbeit folgte eine mehrjährige Suche, die hier oben im kleinsten Dorf Österreichs geendet hat. Wegen seiner Frau Claudia ist er ins Lechtal gekommen. Hier wurde aus dem Herrn Magister der Hubsi, so wird er hier von allen genannt. „In Gramais habe ich mich geheilt.“ Mühsam habe er lernen müssen, „dass es schön ist, da sein zu dürfen“. Demütig sei er geworden. Dabei habe ihm auch die Geburt seines mittlerweile achtjährigen Sohns Darius geholfen. Und natürlich die Huskys. Die Begegnung mit Vallu, seinem ersten Husky, war nicht Schicksal, korrigierte er, denn das könne man nicht beeinflussen. „Es war Karma“. Gespürt habe er, „dass ich mit Huskys durch die Berge führen werde.“
Gramais zieht außergewöhnliche Menschen an
Dieser Ort scheint außergewöhnliche Menschen anzuziehen. Auch die Britin Hannah Brown hat es über viele Umwege - unter anderem wohnte sie in Brasilien und Chile - nach Gramais geführt. Hier hat sie im Gemeindehaus einen hellen Yogaraum. Und gerade entsteht neben dem Basecamp von Hubertus Lindner ein Holzhaus, ihr neues Yogazentrum, in dem sie auch Yoga-Thai-Massagen anbieten will. „Irgendwann hatte ich die Idee, eine Yogini in den Bergen zu sein“, erzählt Hannah lächelnd.
Einatmen, Ausatmen. Mit sanfter Stimme leitet Hannah die Atemübung an. Im kleinen Gramais fühle sie eine besondere Energie. Sie versucht mit ihren Kunden und Kundinnen, so viel Yoga wie möglich draußen auf den Bergwiesen zu machen, Asanas mit Bergblick. Auch die alten Yogis seien barfuß in den Bergen unterwegs gewesen. Hannah ist heute aber lieber mit ihren Barfußschuhen unterwegs. In Gramais könne man das „normale, hektische Leben etwas zur Seite schieben“, erzählt sie. Die Bewohner hier im Dorf hätten eine tiefere Verbindung zur Natur und den Tieren. Manchmal hat sie das Gefühl, hier werde gelebt, was sie unterrichte. „Viele Leute von Gramais brauchen gar kein Yoga“, sagt sie und leitet die nächste Übung an. Der herabschauende Hund. Wie passend. Und während der Mensch die Schenkel dehnt und die Schultern stärkt, ist in der Ferne ein wenig Gebell zu hören.
Wie sich Huskys von normalen Hunden unterscheiden
Die Arbeit mit den Huskys sei besonders, erzählt Hubertus Lindner. „Diese Tiere halten dir täglich den Spiegel vor.“ Gerade Vallu, habe es ihm anfangs nicht einfach gemacht, habe ihn mehrere Wochen lang schlichtweg ignoriert. Huskys wollen im Gegensatz zu Hunden nicht gefallen, seien viel wilder und eigenwilliger, erklärt Hubertus Lindner. Seit 2022 hat er acht Huskys, die in einem großen Stall mit Auslauf leben. Streng genommen seien sie keine Hunde, betont Hubertus. Sie stammten vom längst ausgestorbenen ostsibirischen Tamyir-Wolf ab. Der Stoffwechsel der Tiere passe sich ihrer Aktivität an. In Ruhephasen sei er langsamer, bei körperlicher Anstrengung werde er immer effektiver. Huskys ermüden nicht, sie seien jeden Tag aufs Neue zu Höchstleistungen fähig, regenerieren sich quasi während des Laufens, erforschten Wissenschaftler während des längsten Schlittenrennens der Welt in Alaska. Mindestens zwei Stunden am Tag sei Lindner mit den Tieren beschäftigt. Im Winter gehe er mit ihnen manchmal bis zu acht Stunden auf Skitour. Dafür sei er weltweit der einzige Anbieter.
Einige Serpentinen und kleine Bachläufe später, in welche die Husky-Schar begeistert ihre Zungen gehängt haben, macht die Panorama-Tour rund um Gramais ihrem Namen alle Ehre. Sanfte Blumenwiesen, das hübsche Dörfchen ein paar Kilometer entfernt, nicht von ungefähr hat hier jemand ein Bänkchen aufgestellt. Doch die Vierbeiner-Seilschaft legt einen Zahn zu, sie weiß, dass es Richtung Heimat geht. Futter in Aussicht, da gibt es kein Halten mehr.
Die Autorin recherchierte auf Einladung von Lechtal Tourismus und Husky Mountaineering
Wissenswertes über Gramais
Anreise: Mit dem Auto bis Häselgehr im Lechtal. Hier biegt die acht Kilometer lange Bergstraße nach Gramais ab.
Husky-Wandern: Ein Husky-Erlebnistag kostet 99 Euro pro Person. Individuelle Touren sind teurer. Hubertus Lindner bietet in seinem Basecamp in Gramais auch Übernachtungen mit Frühstück an. Kontakt: www.bergschule-lechtal.com
Yoga: Hannah Brown bietet Yoga-Kurse und Individuelle Yoga- und Massagetermine in Gramais und im Lechtal an. Kontakt: www.secretgardenyoga.com
Info: Das Tiroler Lechtal liegt zwischen Reutte und Warth. www.lechtal.at
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