Ganz langsam hebt ein Bagger einen länglichen Steinbrocken an, der auf der Erde liegt. Die Kamera fährt näher heran, als der Brocken sich leicht dreht, und dann ist ein steinernes Frauengesicht zu sehen. Das letzte Mal, dass jemand dieses Gesicht gesehen hat, ist fast 1500 Jahre her, denn die Statue ist einer der jüngeren Funde in Laodikeia bei Denizli in der Türkei. Festgehalten hat den Moment Dogan Pegen. Er ist einer der rund 100 Archäologen vom Museum in Denizli, die hier arbeiten, und als er den Film auf seinem Handy zeigt, strahlt er. Es sind Momente wie diese, für die er Archäologie studiert hat, und er hat das Glück, so etwas öfter zu erleben.
Archäologen graben seit 2003 großflächig in Laodikeia
In Laodikeia waren immer wieder einmal Forscher am Werk, aber erst seit 2003 wird dort großflächig gegraben und es gibt noch viel zu entdecken. Die Stadt war zu ihrer Blütezeit so bedeutend wie Ephesus oder Pergamon, und auch die Ausgrabungen müssen den Vergleich mit diesen viel berühmteren Stätten nicht scheuen. Allerdings ist es hier längst nicht so voll wie in den bekannten Orten, die deutlich näher an der ägäischen Küste liegen und Ziel vieler Tagesausflüge sind. Viele Besucher kommen auch zu den berühmten Kalkterrassen von Pamukkale, die nur wenige Kilometer entfernt sind, lassen die Stadt Laodikeia aber links liegen. Wer trotzdem kommt, hat einen der fünf großen Marktplätze, die römischen Bäder, prächtigen Straßen oder das riesige Stadion oftmals fast für sich allein.
Dogan steht oben auf den Rängen des westlichen Theaters von Laodikeia, das einst Platz für etwa 10.000 Menschen geboten hat. Die Ränge sind wiederhergestellt, teils mit Originalsteinen, teils mit neuem Material, an der Bühnenrückwand wird noch gebaut, ein Kran überragt die Kulisse. „Hier fand 2021 nach über 1500 Jahren wieder eine Aufführung vor Publikum statt“, erzählt der Archäologe stolz und auch diesen Sommer sind Konzerte im Theater geplant. Weil die verwöhnten Einwohner von Laodikeia schon damals die Abwechslung geliebt haben, gibt es im Nordwesten der Stadt noch ein zweites Theater, das sogar etwas größer ist. Hier wuchert jedoch noch Gras auf den Rängen und bunte Blumen blühen in den Ritzen. Es ist vorerst nicht geplant, dieses Theater auch zu restaurieren. Die riesigen Ausmaße sind trotzdem gut zu erkennen und der „Vorher-Nachher-Effekt“ im Vergleich zum anderen Theater beeindruckt.
Über blühende Wiesen, auf denen hier und da noch ein paar Säulentrümmer herumliegen, führt Dogan zum Trajansbrunnen, der erst vor wenigen Jahren wieder aufgebaut wurde. Umringt von Säulen und einigen Sitzplätzen steht ein überlebensgroßes Standbild des Kaisers Trajan über einem Brunnenbecken. Die Statue wurde zwar irgendwann einmal vom Sockel gestoßen, aber nie fortgeschafft, erklärt Dogan. Aus rund 500 Bruchstücken haben die Archäologen den Kaiser mühsam zusammengeflickt und wieder an seinen Platz gehoben. Der Brunnen ist auch deshalb einzigartig, weil an seiner Vorderseite ein antikes Wassergesetz zu lesen ist, das den Umgang mit dem wertvollen Gut in der antiken Stadt geregelt hat.
Thermalwasser spielte früher eine wichtige Rolle in Laodikeia und auch für eine Augensalbe war die Kurstadt bekannt, deren Bewohner aber vor allem durch den Handel mit Baumwolle reich geworden sind. Gehandelt wurden die Waren vor allem auf den Marktplätzen, aber an den Rändern der breiten Straße sind auch die Mauern kleiner Läden noch deutlich zu erkennen. Diese antiken Shoppingmeilen sind heutzutage auch ohne Sonderangebote und bunte Auslagen noch absolut sehenswert. Sie führen auch zum Tempelbezirk, in dem die Archäologen hinter einem Säulenportal ein begehbares Glasdach über einer der Kultstätten errichtet haben. Säulen mit verschiedenen Symbolen aus der Mythologie und Gründungsgeschichte der Stadt liegen dort scheinbar kreuz und quer etwa drei Meter unter den Füßen der Besucher. Der Tempel steht am Rande des Stadthügels und bietet eine fantastische Aussicht in die Umgebung. Am Horizont ist am Hang der nächsten Hügelkette das weiße Weltwunder Pamukkale zu erkennen. Auch dort sprudelt seit Jahrtausenden Thermalwasser voller Mineralien, fließt den Hang herunter und bildet die berühmten weißen Becken. „Baumwollschloss“ heißt Pamukkale auf Deutsch, und schon aus der Ferne wird klar, warum.
Schon kurz nach Christi Geburt gab es hier auch eine große christliche Gemeinde. Unter Kaiser Konstantin entstand ganz in der Nähe des Tempelbezirks eine Basilika, deren prächtige Mosaikböden ebenso erhalten sind wie ein großes Becken, in dem Massentaufen stattfinden konnten. Gereicht hat das offenbar nicht, denn in der biblischen Offenbarung im Neuen Testament kommt Laodikeia nicht besonders gut weg. Johannes schreibt einen seiner sieben Briefe an die Gemeinde dort. „Weil du aber lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien“, heißt es da nicht besonders freundlich. Kritisiert werden sollte mit dieser Lauheit der geistliche Hochmut und der halbherzige Glaube.
Mit vollem Herzen dagegen sind Dogan und seine Kollegen weiter an der Arbeit und legen noch mehr antike Monumente in der Stadt frei. Zum Beispiel die Arkaden rund um einen der großen Marktplätze. Sie bestehen aus einer geschlossenen Mauer und einem Säulengang. „Die eingestürzte Mauer war einst komplett mit Fresken bemalt“, erklärt der Wissenschaftler. Rund 30 Meter davon stehen schon wieder. Weil die Steine sozusagen mit dem Gesicht nach unten auf den Boden gefallen sind, blieben die Fresken gut erhalten. Fast wie in der barocken Kirchenmalerei werden großflächig Marmor und andere Gesteine nachgeahmt. An geschützten Stellen unter einem der Bögen wurden die Farben wieder restauriert und leuchten ungewöhnlich bunt. Doch, genau so müsse man sich ganz viele Gebäude in der Stadt vorstellen, sagt Dogan und räumt mit dem Irrglauben auf, alle Säulentempel müssten weiß, hellbeige oder grau sein.
Forscher entdecken weitere steinerne Schätze
Auch an einem kleinen Odeon, einer Art Sitzungssaal, laufen noch die allerletzten Arbeiten, bevor es irgendwann im Sommer offiziell zugänglich gemacht wird. Bis dahin kann es zwar jeder Besucher schon sehen, aber Fotos dürfen nicht gemacht werden. Es ist bestimmt noch lange nicht der letzte steinerne Schatz, der in Laodikeia Stück für Stück ans Licht geholt und erforscht wird. So wie die noch immer unbekannte Schöne, die jetzt wieder bewundert werden kann.
Kurz informiert
Anreise: Denizli hat einen Flughafen, doch meist werden Pamukkale und Laodikeia im Rahmen eines mehrtägigen Ausflugs von der türkischen Riviera aus angesteuert. Wer an der Ägäisküste urlaubt, ist von Izmir etwa fünf Stunden unterwegs.
Unterkunft: Rund um Pamukkale gibt es zahlreiche Thermalhotels, auch die Großstadt Denizli bietet eine Auswahl an Unterkünften in allen Preisklassen.
Anschauen: Zu Pamukkale gehören auch die Ausgrabungsstätte „Hierapolis“ und der „Kleopatra Pool“, in dem man über den Überresten eines alten Tempels schwimmen kann.
Informationen: Die offizielle Tourismusseite der Türkei ist unter https://goturkiye.com/de-de zu erreichen.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren