Strampeln im Stiefel kann in Stress ausarten, weil auf engen Landstraßen die Laster an nah einem vorbeidonnern. Oder man wählt eine Route abseits der asphaltierten Straßen, die unvermittelt im Nirgendwo endet. Weil die Beschilderung aufhört. Italien auf zwei Rädern zu erkunden, kann aber auch wunderschön sein. Weil die Landschaft bezaubernd ist und südlich des Brenners die Sonne schon mehr Kraft hat. Eine abwechslungsreiche Tour im Veneto, dem Hinterland von Venedig, auf einem besonderen Radweg ohne Autoverkehr.
Wir lassen den Touristenhotspot bewusst links liegen und bewegen uns auf zwei Rädern im grünen Hinterland der Lagunenstadt - auf der Suche nach den unbekannteren Sehenswürdigkeiten. Der insgesamt 125 Kilometer lange Radweg von Treviso nach Ostiglia führt fast schnurgerade auf einer längst stillgelegten Bahntrasse durch die Landschaft. Alte Bahnhäuschen sorgen für Charme. Die Strecke führt „brettleseben“ durch die Weiten der Poebene.
Man kann die gesamte Route auch in einem Tag durchbolzen. Empfehlenswerter ist es jedoch, sich zwei oder drei Tage Zeit zu nehmen. Denn wenige Kilometer links und rechts der Route warten die Perlen des Veneto auf die Genuss-Radler und -Radlerinnen. Von einer besonderen Fischzucht, über prächtige Villen, einem zertifizierten Radicchio-Betrieb bis zu einem kleinen Naturschutzgebiet gibt es unterschiedlichste Möglichkeiten, den Landstrich und seine Bewohner kennenzulernen.
Abfahrt in Treviso: Die Stadt im Veneto ist einen Besuch wert
Wir starten die Genusstour in Treviso. Allein die Stadt am Sile, dem längsten Karstfluss Europas, ist einen Tagesausflug wert. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kleinstadt stark zerstört. Auch wegen der strategisch wichtigen Bahnlinie nach Ostiglia. Längst bietet Treviso eine Mixtur aus mittelalterlichen und modernen Gebäuden. Der Sitz der berühmten Familie Benetton liegt gegenüber dem Dom. Die weltberühmte Nachspeise Tiramisu soll in Treviso erfunden worden sein. Jedes Jahr findet hier der „Tiramisu World Cup“ statt. Köche müssen ein Tiramisu mit den sechs klassischen Zutaten zubereiten und eine Eigenkreation, die drei Original-Ingredienzien und drei frei gewählte Zutaten enthält.
Erste Station: Fischzucht und eine Überraschung dazu
Nach dem Frühstück ist der Magen noch nicht bereit für die süße Energiebombe. Wir starten und fahren durch die Allee von Ahornbäumen, Eichen und Robinien. Kurz hinter Treviso bietet sich die Fischzucht Troticultura San Christina als erster Zwischenstopp an. Andreas Favaro empfängt uns. Er sitzt auf einen Rad mit hellblauem Rahmen, der Drahtesel stammt aus der Produktion der Marke „Bianchi“, hat aber die besten Tage lange hinter sich. Der Sattel ist viel zu tief eingestellt. Für Favaro ist das Nebensache. Der 43-jährige Mann hat Veterinärmedizin in Udine studiert. Den Fischen gehört seine Leidenschaft, die in jedem Satz herauszuhören ist, wenn er Besuchern seine Fischzucht zeigt. Forellen habe es hier schon immer gegeben. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg kam eine Besonderheit dazu. „Die marmorierte Forelle kam mit dem Marshall-Plan aus Amerika zu uns nach Italien“, erzählt Favaro an den Becken der Fischzucht stehend. Das Wasser darin entspringt dem Fluss Sile, der bei Jesolo ins Meer fließt. Dank des kristallklaren, kühlen Wassers züchtet Favaro neben der marmorierten Forelle, die zu den Lachsfischen zählt, auch Störe oder Karpfen. Am Ende der Besichtigung reicht er geräucherte Forellenhappen auf Focaccia zur Stärkung.
Nächster Halt: Natur pur im Schutzgebiet von Cervara
Nach der Fischzucht empfiehlt sich ein Abstecher, der auch Kindern gefallen würde. Das kleine Naturschutzgebiet Oase Naturalistica di Cervara ist gut ausgeschildert und liegt in einem Moorgebiet. In einer der letzten erhaltenen Getreidemühlen erklären Schautafeln die regionale Tierwelt, die draußen live zu sehen ist. In einer Aufzuchtstation werden Störche aufgepäppelt. Auf dem Rundweg durch das Moor sind neben Schildkröten auch verschiedenste Wasservögel zu sehen.
Zwischenstopp: Junges Gemüse in Levada di Piombino
Es geht weiter. Carlo Benozzi wartet in Levada di Piombino Dese auf die Radler. Der Landwirt produziert eine leicht bittere Köstlichkeit, die in Italien ab dem Spätherbst auf den Tisch kommt: Radicchio. Benozzi erklärt den aufwendigen Anbau. Bis das Endprodukt in die Läden kommt, wird es von den Feldern in ein eigenes Wasserbecken gesetzt. Der Kilopreis von bis zu 20 Euro erklärt sich dadurch, dass sechs aufwendige Arbeitsschritte notwendig sind, bis das Gemüse im Verkaufsraum landet.
Im Frühjahr baut Benozzi auf seinem Landgut Spargel an und ist Chef des Spargel-Konsortiums. Das weiße Edelgemüsse soll hier im Veneto so zart sein, dass es nicht geschält werden muss. Während er uns die Maschinen für die Spargelsortierung zeigt, erzählt er nebenbei, dass er keinen Spargel mag. Versteh einer die Feinschmecker aus Italien.
Nächster Halt: die Villa Contarini in Piazzola sul Brenta
Wir steuern Piazzola sul Brenta an. Dort beeindruckt die Villa Contarini schon von Weitem mit ihrer 180 Meter breiten Hauptfassade. Sie war der Landsitz der venezianischen Patrizier-Familie Contarini, die seit dem elften Jahrhundert acht Dogen der Republik Venedig stellte. Wir nehmen uns Zeit für eine Führung durch die mit Fresken, Mobiliar und Kunstgegenständen geschmückten Räume. Der manieristische Muschelsaal zählt zu den Höhepunkten des Rundgangs.
Wer mehr Spitzenarchitektur sehen will, fährt noch zu zwei Villen des Veneto nahe Trabaseleghe weiter: Die Villa Cornaro des Baumeisters Palladio und die elegante Ca’ Marcello, die noch bewohnt und trotzdem für Besucher geöffnet ist.
Übernachten mit den Hühnern in Piombino
Genug gesehen und geradelt für einen Tag. Wir steuern zum Übernachten die Ca’ de Memi an, ein behutsam renoviertes Landhaus in Piombino Dese. Die heutige Besitzerin Michela Tasca war früher in der Modeindustrie tätig und managt nun mit Gespür für Stil das Agriturismo. Mehrere Zimmer im Landhaus und topmoderne Suiten im ehemalige Stall werden angeboten. Aufgetischt werden zum Frühstück die Produkte aus dem eigenen Gemüsegarten und angrenzenden Agrarflächen. Michela Tasca präsentiert ihre seltenen Hühner- und Entenarten gleich hinter dem Pool.
Eine Schneckenfarm am Wegesrand
Am zweiten Tag geht es weiter Richtung Ostiglia, zum Bauernhof Vita da Lumaca nahe Campo San Martino. Hier wohnt Maria Gavrilita mit ihrer Familie auf einer Schneckenfarm. Die Tiere werden nicht zum Verzehr gezüchtet. Der Schneckenschleim dient als Basis für Kosmetika. So lassen sich angeblich Fältchen und Falten auffüllen. Wir verzichten auf einen Praxistest und probieren stattdessen die essbaren Rosen, bewundern ein schneckenförmiges Lavendelfeld oder die lilafarbenen Krokusse, aus denen Safran gewonnen wird. Ein Picknickplatz und Tiere wie Esel, Kaninchen und Katzen würden Kindern Spaß machen.
Letzter Halt: Grappa-Destillerie in Montegalda
Die Erwachsenen zieht es weiter zur Grappa-Destillerie der Gebrüder Brunello. In einem schmucklosen Gebäude in Montegalda brennt die Familie Brunello in der fünften Generation Hochprozentiges, das nach dem Essen zum Espresso serviert wird.
Es ist damit die älteste handwerkliche Grappa-Produktion in Italien, wie Paolo Brunello bei einer Führung vor seinen Kupferkesseln erzählt. Vieles geschieht hier noch in Handarbeit. Bilder hinter den alten Maschinen zeigen, dass eine italienische Seifenoper in der Grappa-Destillerie Brunello gedreht wurde. Wir stellen uns eine Schnaps-Brennerei in der Lindenstraße vor. Im Hofladen bieten die Besitzer den Grappa verschiedensten Güteklassen und weitere Produkte aus der Region an.
Wer nach zwei Tagen auf dem Treviso-Ostiglia-Radweg noch dem Vorurteil anhängt, dass die Italiener alles können, außer einen Weg gut auszuschildern, wird im Veneto eines Besseren belehrt. Man kann zwar mit dem Handy als Navigationsgerät unterwegs sein. Aber die fast bolzengerade und flache Strecke ist bestens ausgeschildert. Der Radweg ist ein Infrastrukturprojekt der Region Venetien, um den Radtourismus anzukurbeln. Mitarbeiter kümmern sich darum, dass die Strecke immer frei und nicht etwa durch umgestürzte Bäume gesperrt ist. Entlang der Strecke haben sich zahlreiche Serviceangebote für Radtouristen etabliert, wie Kioske, Restaurants, Fahrradverleih oder Übernachtungsmöglichkeiten. Radler können in der Region nicht nur von Treviso nach Ostiglia strampeln, sondern auch verschiedene Routen kombinieren, etwa mit dem Brenta-Radweg. Eine ausführliche Radkarte ist in den Touristeninformationen oder in Restaurants und Verpflegungspunkten entlang des Weges erhältlich. Radfahren in Italien ist wie das Leben: Der Körper verlangt nach Stärkung, der Geist fordert Beschäftigung und zum Abschluss kann ein geistiges Getränk nicht schaden.
Die Recherche fand statt auf Einladung des Fremdenverkehrsamt des Camposampierese, Betreiber der Radroute Treviso-Ostiglia.
Weitere Informationen über das Veneto
Übernachtung: In Treviso gibt es zahlreiche Hotels, darunter das BB Treviso. Auf der Strecke unter anderem das Agriturismo Ca’ de Memi (Piombino Dese) oder Borgo Feriani (nahe Vicenza). Für Camper: Qinto Camper Resort, Agriturismo Villa Bozza, Ittiturismo Laghetto Ca’ Brusa oder direkt an der Destillerie Brunello in Mugalda.
Bike-Verleih: Etwa Treviso Bike in Treviso. Eine weitere Möglichkeit ist der Bikepark km 99 direkt an der Strecke.
Beste Reisezeit: Frühjahr bis Ende Juni, dann wieder September und Oktober.
Weitere lohnende Ziele: Camposampiero mit seinen mittelalterlichen Türmen, venezianischen Palazzi und der Kirche des Heiligen Antonios von Padua. In Montegalda lohnt sich ein Besuch der Villa Fogazzaro Colbachini mit romantischem Park und venezianischem Glockenmuseum. Vicenza mit Bauwerken des Renaissancearchitekten Andrea Palladio und seiner Altstadt.
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