Ihr Buch Alpen-Appell ist eine aufrüttelnde Bestandsaufnahme geworden, die anhand vieler Beispiele zeigt, was die Menschen der Natur abverlangen. Was war der Auslöser?
GEORG BAYERLE: Es sind mehrere Dinge zusammengekommen. Ich war wegen Filmarbeiten im Ötztal unterwegs am Pitztaler Jöchl, das viele von der Alpenüberquerung E5 kennen. Dort waren gerade intensive Bauarbeiten am Rettenbach Ferner im Gang, um dort auf dem schmelzenden Gletscher weiter das Skifahren möglich zu machen. Im Gespräch mit Wanderern wurde mir klar, dass vielen gar nicht klar ist, was wir alles in den Alpen tun. Dazu kommt dieser eigentümliche Bewusstseinswandel der Gesellschaft nach Corona. Die Bedeutung von Umwelt- und Naturschutz, die Folgen des Klimawandels scheinen auf völlig unerklärliche Weise keine Rolle mehr zu spielen. Da brauchte es einen Appell.
Viele Gegenden in den Alpen sind vollkommen übernutzt
Wie schlecht steht es um die Berge?
BAYERLE: Wir müssen uns dringend darüber klar werden, welchen Wert dieser einzigartige Naturraum für uns hat. Und wie wir damit umgehen sollten. Es gibt hervorragende Gegenden, in denen die Natur schalten und walten kann, wie sie will, was ganz wichtig ist. Es gibt aber viele Räume, die vollkommen übernutzt sind. Grundsätzlich befinden wir uns bereits nach High Noon. Weil wir immer noch fast nichts an unserem Stil geändert haben, wie wir mit unseren Bergen umgehen.
Was sind die schlimmsten Auswüchse, die Sie beobachtet haben?
BAYERLE: Die komplett durchindustrialisierten Skigebiete, das ist klar! Aber auch der Sommer wird mit immer mehr Spielereien, funparc-artigen Strukturen ausgebaut. Die Krönung war für mich die sogenannte Sommer-Schneewelt in Fiss Serfaus im Oberen Inntal, die es inzwischen nicht mehr gibt. Mit einer Art Schneekanone, die auch bei 30 Grad Celsius Plus noch dünne Eisplättchen produzieren kann, wurde dort ein Schneefeld angelegt, damit die Kinder im Sommer Schnee erleben können. Aber wer Kinder hat, weiß, die brauchen das gar nicht. Manche Tourismusorte haben vollkommen das Maß verloren.
Urlaub in den Bergen wird meist naturnah inszeniert, gleichzeitig hat man oft das Gefühl, dass die Natur nicht genügt. Sind die Alpen schon längst ein Freiluft-Freizeitpark?
BAYERLE: Die Alpen sind Freizeit- und Erlebnisraum für weit mehr als hundert Millionen Menschen im Jahr. Das ist auch gut so. Die Menschen brauchen das. Aber sie sollten die Berge möglichst naturnah erleben. Aber je mehr wir in den Alpen sogenannte Attraktionen schaffen, verwandeln wir diese in eine Konsumlandschaft. Niemand wird dagegen etwas sagen, wenn ein Ort eine Sommerrodelbahn baut. Ein Problem wird es, wenn das eine Art Standard wird, sich die Spirale immer weiter dreht und zum entscheidenden Werbeinhalt wird.
„Der Tourismus in den Bergen muss wieder bescheidener werden“
Man muss mithalten können...
BAYERLE: Da sind Strukturen entstanden, die nichts mehr damit zu tun haben, dass ein Bergtal ein sinnvolles ökonomisches Auskommen haben muss. Gerade die Alpen waren über viele Jahrhunderte Modell für eine andere Möglichkeit des Wirtschaftens. Damit will ich nicht verherrlichen, dass das Leben in den Alpen früher sehr, sehr hart war. Aber dadurch, dass die Bergtäler sehr stark auf sich allein gestellt waren, hat sich automatisch eine Bewirtschaftungs- und Lebensweise entwickelt, die sehr sparsam mit Ressourcen und sehr schonend mit der Landschaft umgegangen ist. In den Alpen sieht man, wie unter einem Mikroskop, was wir als Gesellschaft als Ganzes bräuchten. Re- und Upcycling sind ja Schlagwörter unserer Zeit, da könnten wir so viel lernen. Aber stattdessen hat man das weitgehend vergessen und sich davon verabschiedet.
In den Bergen wird aber auch viel gebaut: auch, um den Folgen des Klimawandels vorzubeugen. Ein Irrweg?
BAYERLE: Geradezu reflexartig wird - metaphorisch gesagt - mit Beton gearbeitet. Was wir wirklich bräuchten, wären Puffer. Wir sollten der Natur wieder mehr Raum geben. In dichter Zivilisation bleibt gar nichts anderes übrig, als Mauern zu bauen. In der Schweiz ist man da schon weiter. Der Bergsturz in Blatten ist natürlich ein Extrembeispiel. Aber das Dorf wäre nicht zu schützen gewesen. Die Schweizer setzen auf Früh- und Vorwarnsysteme. Vor 20 Jahren hätte es Gott weiß wie viele Tote gegeben. Der Schlüssel ist, nicht wie gewohnt, mit großen Eingriffen in die Natur dagegenzuhalten.
Shrimps und sortenreine Weine auf den Hütten statt Erbsensuppe und Limo aus der Flasche. Muss der Tourismus in den Alpen wieder bescheidener werden?
BAYERLE: Unbedingt! Bescheidenheit heißt in dem Fall aber, ich orientiere mich an den Jahreszeiten und an dem, was die Leute zur Verfügung haben. Das ist eine gute Bescheidenheit, da bekomme ich häufig sehr hochwertige Produkte. Also ich sitze jetzt gerade in Lechaschau und schaue auf den Gipfel des Thaneller… Da wabern die Wolken, der Berg schaut raus aus den Wäldern, das ist eine sensationelle Stimmung. Es braucht nicht viel, um die Natur zu erfahren.
Es gibt aber auch positive Beispiele. Zahlreiche Orte bemühen sich um ehrlichen, naturnahen Tourismus.
BAYERLE: Der beste Tipp ist, sich die Bergsteigerdörfer anzuschauen. Eine Initiative, die ins Leben gerufen wurde, um Orte sichtbarer zu machen, die nicht groß in Seilbahnen oder andere Infrastruktur investiert haben, die mit Pensionen und kleineren Hotels weiter gewachsen sind. Dort ist alles sehr verträglich geblieben. Dort, wo es keine größeren Hotels gibt, müssen diese auch nicht unbedingt gefüllt werden. Tourismus ist hier oft noch sehr regional und familiengeprägt. Bergsteigerdörfer gibt es mittlerweile von Slowenien bis ins Piemont. Da hat man viele Jahre zu tun.
Im Bayerischen Landtag wurden vor kurzem die Grundbedingungen für den Bau von Skipisten, Beschneiungsanlagen und Seilbahnen erleichtert. Mit welchen Gefühlen haben Sie diese Entscheidung verfolgt.
BAYERLE: Mit größtmöglichem Unverständnis. Ich habe noch keine gute Antwort erhalten, wieso man in dem Bewusstsein, wie gefährdet und zerbrechlich der ganze Naturraum ist, nicht die größtmögliche Anstrengung unternimmt, so umweltverträglich wie möglich zu agieren. Das habe ich auch mit Vertretern der Tiroler Seilbahnwirtschaft diskutiert, wo ja in ganz anderen Dimensionen Erschließungsprojekte geplant sind. Die Umweltverträglichkeitsprüfung ist das A & O, damit man sagen kann, das was gemacht wurde, entspricht dem höchstmöglichen Standard. Das ist doch das Ziel, wo wir hinmüssen.
Welche Impulse müssten stattdessen von der Politik ausgehen?
BAYERLE: Wir bräuchten eine Ruhephase, um Tourismus mal anders zu denken. Ich erinnere gerne an Alois Glück, den großen Umwelt- und Sozialpolitiker der CSU, ein Vorkämpfer des Bayerischen Alpenplans. Ihm haben wir die berühmte Tabuzone C zu verdanken, eine Kernzone in den bayerischen Alpen, in der es keine Eingriffe und Erschließungen geben soll. Dieser Alpenplan ist entstanden um 1970, als jeder Ort angefangen hat, Lifte zu bauen. Diese Raumordnung hat dazu beigetragen, dass die bayerischen Alpen noch in einem relativ guten Zustand sind.
Schon jetzt erleben wir, dass die Berge bröckeln. Wie gefährlich wird das Wandern und Bergsteigen in der Zukunft?
BAYERLE: Ich beobachte dieses Phänomen seit Langem und verstärkt. Am Olperer in den Zillertaler Alpen ist es brüchig, in den Allgäuer Hochalpen gab es Murenabgänge, jetzt mussten bei Berchtesgaden 20 Wanderer gerettet werden. Plötzlich fehlen Teile von Wegen und man kommt nicht mehr weiter. Je höher, desto eher werden Felsen brüchig, umso vorsichtiger muss man sein und im Hochsommer einige Gipfel am besten gar nicht mehr gehen. Das Ganze ist aber auch sehr lehrreich. Weil man sich vernünftigerweise, wenn man in den Bergen unterwegs ist, gut informiert, den Gipfel vielleicht besser in einer anderen Jahreszeit besteigt, wenn das Gestein noch fester ist oder vielleicht, wenn Schnee liegt. Jedenfalls ist es schlecht, ohne Erfahrung sich einer App anzuvertrauen.
Was kann jeder für einen alpenverträglichen Urlaub beitragen?
BAYERLE: Sehr hilfreich wäre die Anreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Das ist nicht immer leicht, aber spannend. Aber so gehen erste Schritte, wie man sich anders in den Bergen bewegt. Da muss man oft ein bisschen mehr Zeit einplanen. Aber das ist der Schlüssel für einen besseren Tourismus in den Alpen. Lieber nicht so oft, dafür aber länger bleiben und die Gegend, in der man ist, besser kennenlernen. Da sind dann auch viel tiefergehende Entdeckungen möglich.
Sie kommen aus Günzburg, woher kommt eigentlich Ihre Liebe zu den Bergen?
BAYERLE: Ich habe im Haus meiner Großeltern im Lechtal eine sagenhafte Kindheit erlebt. Mit meinem Vater habe ich viele und auch höhere Bergtouren unternommen. In dieser ganz speziellen Welt der Lechtaler, die so wild und natürlich sind, bin ich in eine echte Bergheimat hineingewachsen. Das ist der Ursprung meiner Liebe und Faszination für die Berge.
Die Berge können den Menschen so viel geben. Ihr Tipp: Was ist der schönste Weg, sich darauf einzulassen?
BAYERLE: Sich Zeit nehmen. Richtig spannend wird es doch nur, wenn ich über den Berggipfel, das Instagram-Foto hinausschaue. Dieser zweite und dritte Blick auf die Dinge. Das kann ich nur aus eigener Erfahrung sagen. Das ist so wertvoll.
Der Journalist Georg Bayerle arbeitet seit 1999 für den Bayerischen Rundfunk. Der 58-jährige Alpenkenner ist vielen Bergfreunden durch seine Beiträge für das Rucksackradio oder die Fernsehsendung „Bergauf Bergab“ bekannt. Der gebürtige Günzburger hat das Buch „Alpen-Appell“ geschrieben (Tyrolia, 160 Seiten, 20 Euro), in dem er den profitgetriebenen Umgang mit den Bergen anprangert.
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